Gesellschaft

Fiat in der Rezession: keine Zukunft für Melfi?

Artikel veröffentlicht am 29. Juli 2009
Artikel veröffentlicht am 29. Juli 2009
Nach der Bekanntgabe neuer Pläne des Fiat-Managements, das sizilianische Werk Termini Imerese umzustrukturieren, ist der italienische Autobauer wieder in aller Munde. Eine Reportage aus dem Fiat-Werk Sata in San Nicola di Melfi, einer der größten Fiat-Fabriken des Landes.

Nicht erst seit dem Stopp der Fiat Punto-Produktion in Melfi am 15. Juli fragt man sich in Italien, wie es mit dem Unternehmen weitergehen soll. Die Gewerkschaften sind gespalten, die Arbeiter verwirrt.

San Nicola di Melfi, auch schlicht Melfi genannt, gehört zur Provinz Potenza in Süditalien und ist die Heimat von circa tausend Einwohnern. Die Region grenzt an Basilicata und Puglia und zählt zu den größten Industriegebieten des Landes. Sergio ist einer von ungefähr 2000 Arbeitern, die jeden Tag aus den umliegenden Landstrichen nach Basilicata fahren: „Als sie die andere Fabrik, für die ich gearbeitet habe, vor sechs Jahren geschlossen haben, hatten einige von uns das Glück, in Melfi weiterarbeiten zu können.“ Tatsächlich kommen so viele Arbeiter in Sata aus den südlicheren Regionen, dass man während des Schichtwechsels das Gefühl hat, vor Schülern kurz nach Schulschluss zu stehen: Die Männer und Frauen, die aus der Fabrik kommen, tragen blaue Overalls und Rucksäcke. Nach dem Ende ihrer Schicht nehmen sie direkt die Busse nach Neapel oder Foggia.

Das Schreckgespenst von Termini Imerese

Nach der ersten Schicht verteilt die Firma Kopien der Tageszeitung La Stampa. „Ich lese diese Zeitung jeden Tag, auch wenn meine Kollegen sagen, dass es die Zeitung der Bosse sei. Heute zum Beispiel haben sie über eine mögliche Schließung des sizilianischen Werkes im Jahr 2010 berichtet. (Die geplante Schließung ist mittlerweile auf das Jahr 2012 verlegt worden; A.d.R.) Marchionne (der Geschäftsführer von Fiat; A.d.R.) sagt, dass es keine andere Lösung gibt.“ Das Thema wird mit Blick auf das nächste Gewerkschaftstreffen diskutiert. „Wir können das nicht locker sehen, solange wir nicht ausschließen können, dass sie Termini Imerese einfach schließen. Sata ist ebenfalls gefährdet. Ständig wiederholen sie, dass wir uns in einer Rezession befinden, aber ich habe nun 30 Jahre für Fiat gearbeitet und höre schon seit 40 Jahren von Rezessionen. Im Grunde gibt es alle fünf Jahre eine,“ sagt Vincenzo Russo von der unabhängigen Gewerkschaft Federazione autonoma italiana lavoratori metalmeccanici et servizi (auf Deutsch „Metallarbeiter- und Dienstleistungsgewerkschaft“; A.d.R.).

Steht die Spaltung des Gewerkschaftsblocks bevor?

Der größte Platz in Sata ist vollkommen zugeparkt mit Autos der Linie Grande Punto, die hier in verschiedenen Ausführungen produziert wird. Die Arbeiter bedienen die Stechuhr und gehen Richtung Tor B, vorbei an den druckfrischen Flugblättern der Gewerkschaft. Darauf stehen Sätze wie folgender: „Vom fahrlässig verschuldeten zum vorsätzlich herbeigeführten wirtschaftlichen Desaster.“ Die Arbeiter werden zum direkten Widerstand aufgerufen. „Das Problem ist, dass es hier in ein und derselben Firma zwei völlig verschiedene ökonomische Realitäten gibt: Einerseits gibt es den Arbeiter aus einem Haushalt, in dem es nur sein Einkommen gibt, und der die weite Anfahrt aus einer anderen Region auf sich nimmt. Andererseits ist da auch noch der typische Arbeiter aus Basilicata (früher Lucania; A.d.R.), der neben seinem Job in der Fabrik auch ein bisschen Land hat und ein ruhiges Leben führt,“ sagt Russo. Die Frage nach der Solidarität zwischen den Angestellten wurde für die Gewerkschaft in den vergangenen Monaten daher problematisch.

©doyoubleedlikeme/ flicrDie Verträge zwischen der Confederazione Generale dell’Industria Italiana (Confindustria, auf Deutsch „Allgemeiner italienischer Arbeitgeberverband“; A.d.R.), Italiens größter Arbeitgeberorganisation, und der Regierung unterzeichneten sowohl die Confederazione Italiana Sindacati Lavoratori (Cisl, auf Deutsch „Italienische Arbeitergemeinschaft“; A.d.R.) als auch die Unione Italiana del Lavoro (Uil, auf Deutsch „Italienische Arbeiterunion“; A.d.R.) , dies allerdings ohne die Unterstützung der dritten wichtigen Gewerkschaft Italiens, der Confederazione Generale Italiana del Lavoro (Cgil, auf Deutsch „Allgemeine italienische Arbeitervereinigung“; A.d.R.).

„Seitdem haben sie uns nicht mehr ernst genommen. Innere Spaltungen und die wachsende Schwierigkeit, unsere Arbeiter zu schützen, machen uns zu schaffen. Die verstehen selbst gar nicht, was vor sich geht - sie interessieren sich noch nicht einmal dafür. Ihnen wird etwas von Outsourcing erzählt und sie machen sich Sorgen um den turnino“, bemerkt Russo. (Turnino ist die Bezeichnung für die vermeintlich geniale Idee der italienischen Industriebosse, die drei Schichtwechsel in der italienischen Industrie zu reduzieren, indem die ersten beiden verlängert werden. Das führt dazu, dass die Nachtschichten, die besser bezahlt werden, nach und nach verschwinden; A.d.R.). „In Wahrheit ist es das pure Chaos. Von Turin bis Palermo weiß niemand, was noch alles passieren wird.“

Vorfahrt für Italien

Derweil erhalten einige Arbeiter Arbeitslosenunterstützung, andere hingegen müssen zur Arbeit weite Anfahrten in Kauf nehmen und für wieder andere werden befristete Verträge nicht verlängert. „Wir repräsentieren sehr unterschiedliche Arbeitnehmergruppen. Sicher ist dabei nur, dass jeder etwas verliert. Was passiert beispielsweise momentan in Melfi? Anstatt den Arbeitern zu ermöglichen, Arbeitslosengeld zu beziehen, lassen sie die Leute zur Arbeit kommen und schicken sie dann nach Hause, weil es nichts zu tun gibt. Sie werden nicht bezahlt und ihnen wird gleichzeitig vorgegaukelt, dass nichts Schlimmes passiert,“ fährt Russo fort. Die Gewerkschafter versuchen aber trotz des Ereignisses, das sie den „Fall Innocenza“ getauft haben, nicht die Fassung zu verlieren „Tonino Innocenza ist ein alter Gewerkschafter. Vor ein paar Monaten wurde er umstürzlerischer Aktivitäten beschuldigt und zusammen mit zwei Kollegen gefeuert. Die Abkommen zwischen Amerikanern und Deutschen (über den Verkauf von Opel durch General Motors an den kanadischen Automobilkonzern Magna) interessieren uns nicht: Wir wollen nur wissen, was in unserem Land passiert.“

Sergio erzählt, er habe ein Protestbanner an der Straße aufgehängt, die zum Haupttor von Sata führt. Während der vergangenen Tage wurden hier auch Infostände aufgebaut. „Wenn es nötig werden sollte, würden wir auch wie 2004 wieder auf die 21-Tage-Streiks zurückgreifen. Wir kämpfen für das Recht auf Arbeit und auf Informationen darüber, ob unsere Jobs wirklich schon verloren sind.“