Gesellschaft

Ferdinando Riccardi: 'Der Sinn Europas liegt in der Versöhnung.'

Artikel veröffentlicht am 23. Juli 2007
Artikel veröffentlicht am 23. Juli 2007
Seit einem halben Jahrhundert erlebt Ferdinando Riccardi (77) die Umbrüche der EU aus nächster Nähe: er schreibt täglich den Leitartikel der "Agence Europe". Als Italiener, im Herzen jedoch Brüssler, bleibt er überzeugter Föderalist.

Ein großes Gebäude mit roten Ziegeln und kleinem Park. Im Erdgeschoss befindet sich eine Druckerei. Unmengen von Büros, die unter Bergen von Papier begraben sind, sind über die drei Etagen des Gebäudes verteilt. Die Wände sind gepflastert mit Karikaturen und Zeitungsartikeln. Der tägliche Bericht des europäischen Nachrichtendienstes "Agence Europe", eine Art Instanz bei den Machern der europapolitischen Angelegenheiten, wird in drei Sprachen übersetzt und in einer Auflage von mehreren tausend Stück in die Welt verschickt.

Ferdinando Riccardi, Chefredakteur und Leitartikler, beendet seine morgendliche Redaktionssitzung. "Ich komme in 5 Minuten. Alles in Ordnung, hast du meinen Artikel bekommen?", ist zu vernehmen. Die Journalisten nehmen letzte Änderungen vor. Danach ist Kaffeepause: auf zum Brunch im Café um die Ecke. Riccardi, ein großer charismatischer Mann, mit grauen Haaren und funkelnden Augen, setzt sich mit einem großen Kaffee in die Sonne. Mit dem Umweg über den Sport habe seine Karriere als Journalist begonnen. Als Student der Geisteswissenschaften und Neueren Philologie arbeitet er zunächst als Sportreporter, um sein Studium zu finanzieren: "Ich habe das nicht wirklich aus Leidenschaft gemacht, aber ich habe mir gerne Fußballspiele und Tennisturniere angeschaut".

1958 lässt sich Riccardi in Brüssel nieder. Zu dieser Zeit sucht die "Agence Europe", derzeit nur in Luxemburg vertreten, Journalisten, um ein Korrespondentenbüro in Belgien zu eröffnen. Das Brüssler Büro sollte die ersten Schritte der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und der Euratom (Europäische Atomgemeinschaft) verfolgen, die in Brüssel unter einem "provisorischen Titel" an die Startlinie traten. Riccardi, der zu dieser Zeit als Sportjournalist in Paris arbeitet, nimmt den Posten sofort an. Seitdem hat er das Feld der europäischen Angelegenheiten nie mehr verlassen. "Nur das Provisorische bleibt", fügt er mit einem Lächeln auf den Lippen hinzu. "Nächstes Jahr dauert das Provisorische schon ein halbes Jahrhundert!"

Unabdinglicher Frieden

"Grundsätzlich ist mein Engagement nicht von politischer Natur, sondern gilt einem vereinten Europa. Denn alles, was mir lieb und teuer ist, ist europäischer Natur“. Ferdinando Riccardi hat schon sehr früh die unbedingte Notwendigkeit des Friedens verstanden. rAls ich 14 oder 15 Jahre alt war, wurde mein älterer Bruder von der Miliz wegen 'Antifaschismus' verhaftet", erinnert er sich. "Er ist mit 16 in einem Konzentrationslager gestorben". Stille. Im Jahr 1945, nach der Landung der Alliierten im Süden, schrieben die beiden Brüder auf ihren Schreibmaschinen Befehle an die Italiener, sich dem Aufruf Mussolinis zu widersetzen und die Waffen niederzulegen.

"Ich hätte Hass oder Rachsucht gegenüber Deutschland empfinden können", so Riccardi weiter, "aber ich konnte es nicht, da ich die deutsche Kultur geliebt habe. Für mich liegt der Sinn Europas in der Versöhnung." Diese Einstellung vertritt Riccardi trotz des Kalküls des ehemaligen Kommissionspräsidenten, Jacques Delors, der behauptet hatte, dass Europa durchschnittlich alle 20 Jahre einen Krieg erleben würde. "Ich hätte nach seinen Berechnungen also noch drei Kriege erleben müssen", meint Riccardi ironisch.

Nach mehr als einem halben Jahrhundert arbeitet er immer noch für die "Agence Europe". Ich frage ihn im Namen aller Journalisten, ob er glaubt, dass seine Leitartikel einen Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung innerhalb der EU haben. "Vielleicht", antwortet er und seine Augen funkeln. "Ich hoffe auf jeden Fall, dass ich dazu beitrage, die Thematik der gemeinsamen Agrarpolitik der EU besser verständlich zu machen." Eine europäische Agrarpolitik, die seiner Meinung nach schlecht geführt wird. Sie sollte nicht auf wirtschaftlichen Interessen basieren, sondern auf der Bewahrung der Natur, Selbständigkeit in der Lebensmittelversorgung und der Kampf gegen den Hunger in der Welt sind Ziele, die es zu erreichen gilt. Sicher ist, dass im Rahmen dieser Diskussionen das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.

Genießer in der Seele

Nach seinen langen Jahren im Auftrag der Union, versteht es Ferdinando Riccardi dennoch, sich pragmatisch zu geben. Am 21. und 22. Juni ist der Europäische Rat zu einer Einigung bezüglich des so genannten abgewandelten Vertrags gekommen, welcher die ursprünglich angedachte europäische Verfassung ablösen soll. "Es handelt sich dabei um einen Kompromiss", sagt Riccardi.

"Es ist demnach ganz normal, dass dieses Projekt Kritik entfacht. Wenn alle zufrieden wären, würde es sich nicht mehr um einen Kompromiss handeln. Was zählt ist, dass er Europa erlaubt vorwärts zu kommen und die institutionelle Blockade zu überwinden, die seit dem französischen und niederländischen 'Nein' zur EU-Verfassung im Mai und Juni 2005 bestand. "Das Wesentliche des Verfassungsprojekts bleibt erhalten, das ist das Wichtigste", fügt er noch hinzu.

Trotzdem ist es nicht verboten zu träumen. Was würde nun dieser privilegierte Zeuge der europäischen Konstruktion die gute Fee Europa fragen, die - von Zeus entführt - in einen Stier verwandelt wurde? Interessante Frage. Ferdinando Riccardi lacht. Nach einer Minute Schweigen entgegnet er mir: "Ich würde gern bei der Geburt einer ebenso brillanten Persönlichkeit, wie sie Praxiteles für die Griechen, Dante für die Italiener, Bach für die Deutschen und Shakespeare für die Engländer ist, dabei sein." Die Liste ist lang, die Zukunft weiterhin offen.