Gesellschaft

Femen in Frankreich: "Friedliche Terroristinnen"

Artikel veröffentlicht am 22. Mai 2013
Artikel veröffentlicht am 22. Mai 2013
Den weiblichen Körper zurückerobern. Die männliche Dominanz bezwingen. Gegen Prostitution kämpfen. Das sind die Ziele der aus der Ukraine stammenden, etwas abgedrehten Femen-Feministinnen. Nachdem sie vor kurzem ihr Hauptquartier in Paris aufgeschlagen haben, werden ihre Oben-Ohne-Aktionen in ganz Europa immer häufiger. Ihre Botschaft? Wir können zuschlagen - überall und wann immer wir wollen.

Die Straßen sind voller Müll. Ein paar Gullys laufen über und die kleinen Bächlein fließen bis zu den Körben der fliegenden Händler. Viele Gesichter auf der Straße sind afrikanisch oder maghrebinisch, das Französisch, das man hört, ist von allen möglichen Akzenten durchsetzt. Plötzlich stehen wir vor dem Lavoir Moderne in Château Rouge, einem ehemaligen Arbeiterviertel mitten in Paris. Willkommen im französischen Hauptquartier der Femen.

Die Tür des Lavoir Moderne verrät mit dem Schild “Dieses Theater ist besetzt” bereits, welcher Ton hier vorherrscht. Und richtig, die Empörten sind nicht weit. Drinnen treffen wir auf andere Journalisten aus Frankreich und Belgien. Genau wie wir müssen sie warten, bis uns Inna Schewtschenko, die Anführerin der Femen, in den Trainingsraum lässt. Schreie wie „Pope no more“ oder „In gay we trust“ dringen zu uns.

Fuck me in Porsche Cayenne?

Hier sind sie alle versammelt: Die bekannten und weniger bekannten Aktivistinnen. Ukrainerinnen und Französinnen. Alle mit einem Lächeln auf den Lippen. „Ich bin Muslima und komme aus Tunesien.“, erzählt uns Meriam. Für einige von ihnen ist es heute das erste Training. So auch für Meriam. Anfangs sind die Neuen noch von den Kameralinsen und Mikros eingeschüchtert, doch sie gewöhnen sich schnell daran. An der Wand hängen die Plakate und Schilder, die man bei eigentlich allen Aktionen der Femen sieht. An einem bleibt unser Blick besonders lange hängen. Die Aufschrift: „Woman is not an object. Fuck me in Porsche Cayenne “.

Inna Schewtschenko gibt den Ton an: „Sprecht mir nach: Poor because of you! Poor because of you!“. Die geübten Aktivistinnen schreien bis zum Anschlag ihrer Stimmbänder. Die Neuen sind etwas zaghafter. „Niemals lächeln! Stellt euch breitbeinig hin, das wirkt aggressiver! Die sollen Angst vor euch haben!“. Die französische Femen-Aktivistin Julia, die bei den meisten Aktionen dabei ist, blickt streng auf diejenigen, die sich nicht an die Anweisungen halten. Sie brüllt ihnen die Parolen mit wenigen Zentimetern Abstand ins Gesicht. Alles an der Atmosphäre im Raum erinnert an Full Metal Jacket.

„Hättest du drei 85 kg schweren Männern gegenüber gestanden, wäre das nach weniger als drei Sekunden beendet gewesen.“

Dabei ist der Sinn der schweißtreibenden Übungen, eben dieser Gewalt begegnen zu können. „Auf den Boden! Zehn Liegestützen mit Slogan, zehn Liegestützen ohne Slogan!“. Die Frauen gehorchen. “Not a sex toy! Not a sex toy!”. Einigen gelingt es nicht, den Rücken durchzudrücken. Der Tunesierin Meriam scheint die Luft auszugehen. „Okay Mädels, jetzt zeigen wir euch, wie man sich der Polizei gegenüber verhält“, donnert Inna. „Ihr müsst die Festnahme so lange wie möglich herauszögern, aber ohne Gewalt. Dafür sind wir nicht hier! Wenn sie euch festhalten wollen, werft euch zu Boden! Ruft weiter eure Parolen. Spielt mit ihnen. Im Vatikan hat eine von uns mal das Käppi eines Polizisten geklaut und weggeworfen. Dieser Idiot hat alles stehen und liegen lassen, um es wiederzuholen. So müsst ihr das auch machen!“

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Inna deutet auf eine der Aktivistinnen – diese übernimmt die Hauptrolle in einem kleinen Rollenspiel. Während sie unermüdlich „Basta Berlusconi“ ruft, läuft sie auf Inna zu. Plötzlich stürzen sich drei der anderen „Sex-Aktivistinnen“ der Femen auf sie. Der Kampf ist brutal, die „Polizistinnen“ setzen alles daran, die Aktivistin aufzuhalten. Sie ziehen sie an den Füßen, drehen ihr den Arm um, knebeln sie. Die Aktivistin fordert weiter lautstark den Rücktritt des Playboys der italienischen Politik und das Ende seines Bunga-Bunga-Regimes. Doch trotz all ihrer Anstrengungen wird sie schließlich abgeführt. Ihr Ellenbogen ist aufgeschürft und sie hat eine ihrer Kontaktlinsen verloren. „Das war gut“, sagt Inna. „Aber hättest du jetzt drei 85 kg schweren Männern gegenüber gestanden, dann wäre das nach weniger als drei Sekunden beendet gewesen.“ Unsere Blicke treffen sich. Ich bekomme Angst, gleich einen Bereitschaftspolizisten spielen zu müssen.

Blut, Schweiß und Frauen

Die Gründe, warum diese jungen Frauen sich den Femen angeschlossen haben, sind ähnlich unterschiedlich wie ihre Geschichten. Inna und Oksana rebellieren gegen die klischeehaften Rollen, in denen ukrainische Frauen gefangen sind: das leichte Mädchen versus die brave Ehefrau. Eine Französin sagt, sie sei nach ihrer Kündigung zu den Femen gestoßen. Sie hatte ihren Chef wegen sexueller Belästigung angezeigt.

„Würde mein Engagement bei den Femen öffentlich, wäre das eine Katastrophe für meine Familie und mich.“

Meriam wiederum hat genug von der Situation in Tunesien. „Die Männer lassen dich nicht in Frieden. Wenn du einen Polizisten um Hilfe bittest, fragt er dich nach deiner Telefonnummer. Die Gynäkologen sind genauso. Wenn du alleine leben willst, wirst du als Hure beschimpft. Seit der Revolution ist es noch schlimmer geworden.“ Vor 5 Jahren ist Meriam nach einem traumatischen Ereignis, das ihr damaliger Freund verursachte, aus Tunesien geflohen. Seitdem lebt sie in Frankreich und versucht, sich dort ein neues Leben aufzubauen. „Ich denke oft an all das, was ich zurücklassen musste. Aber ich kann nicht alles unter einen Hut bringen. Was ich heute bin, ist nicht mit dem vereinbar, was ich dort sein müsste. Bis auf meinen Vater weiß niemand etwas von meinem Engagement bei den Femen. Das wäre eine Katastrophe für meine Familie und mich.“

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Viele Frauen, die sich bei den Femen engagieren, haben Gewalt und Ungerechtigkeit erfahren. Die Frage ist allerdings, ob die Aktivistinnen nicht selbst zur Entstehung eines neuen, feministisch und atheistisch gesprägten Extremismus beitragen. Auch wenn sie selbst keine Gewalt anwenden, greifen sie gerne auf kriegerisches Vokabular zurück. „Wir sind friedliche Terroristinnen“, verkündet Julia. Während sich eine andere Aktivistin lächelnd eine Zigarette dreht, fährt sie fort: „Wir wissen, dass sie uns umbringen können. Na und? Wir haben keine Angst.“

Fotos: Teaser (cc)Ammar Abd Rabbo/Flickr; im Text: ©Adrien Koutny