Gesellschaft

Falke Obama, Jemen und fragliche Sicherheit: Neue Angst vor Terror

Artikel veröffentlicht am 4. Januar 2010
Artikel veröffentlicht am 4. Januar 2010
Die Angst vor Terroranschlägen ist nach dem vereitelten Anschlag auf ein US-Flugzeug weltweit gestiegen. Der Ruf nach mehr Sicherheit wird wieder lauter mit Forderungen nach Körperscannern und mehr Härte gegen Terroristen. Andere Pressestimmen weisen darauf hin, dass Waffen allein nicht helfen, und warnen vor einem Krieg im Jemen.

The Times: „Dumm, kostenlose Weckrufe nicht zu beachten“; Großbritannien

Der versuchte Bombenanschlag auf ein US-amerikanisches Flugzeug am ersten Weihnachtsfeiertag sollte als Weckruf dienen, meint die Tageszeitung The Times: "Der einzige Lichtblick ist, dass wegen al-Qaidas technischer Unzulänglichkeiten niemand gestorben ist. Wir haben diesen Weckruf also kostenlos bekommen und wären dumm, ihn nicht zu beachten. Das heißt herausfinden, warum die Geheimdienste nicht besser kommuniziert haben, und sicherstellen, dass sie es in der Zukunft tun. Es heißt auch, die Sicherheit im Flugverkehr noch ernster zu nehmen. Das wird zu mehr Verspätungen und Frust am Flughafen führen. Aber es ist notwendig. Und es müssen Körperscanner eingesetzt werden, die versteckten Sprengstoff erkennen können. Das mag unangenehm sein, aber es ist ein kleiner Preis, um einen Massenmord zu verhindern." (Artikel vom 04.01.2010)

Der Standard: „Obama - Falke in Sachen Terror“; Österreich

Wegen des vereitelten Anschlags auf ein US-Flugzeug wird US-Präsident Barack Obama vorgeworfen, die Terrorgefahr nicht ernst genug zu nehmen. Das hält Der Standard für ungerechtfertigt: "Obama ist schon in seiner Wahlkampagne als Falke in Sachen Terrorismus aufgetreten. [...] Anschlagsversuche wie jener von Detroit spielen dem Präsidenten eher in die Hände, weil sie seine Pläne stützen. Diese 'kostenlose Warnung' (The Times) mochten andere brauchen, nicht Obama. Was Amerikaner und auch Briten in ihrer Antiterrorkooperation im Jemen und in Somalia dagegen realisieren müssen, ist: Islamistische Terroristen sind da wie dort nicht bloß mit Waffen zu bekämpfen, vielmehr könnten Programme nützen, die den gesellschaftlichen Einfluss etwa saudisch-wahabitischer Gruppen zurückdrängen. Um das politisch durchzusetzen, dürfte ein US-Präsident allerdings nicht 'sooft on Washington' sein."

(Artikel vom 04.01.2010)

El País: „US-Kräfte im Jemen - größter Fehler“; Spanien

Die USA haben ihre Botschaft im Jemen nach dem versuchten Flugzeug-Attentat geschlossen, um sie vor weiteren Anschlägen zu schützen. Wahrscheinlich erhielt der Attentäter in diesem Land seine Terror-Ausbildung. Doch es wäre falsch, im Jemen eine weitere Front im Krieg gegen al-Qaida aufzumachen, warnt die linksliberale Tageszeitung El País: "Den größten Fehler, den das Weiße Haus begehen könnte, wäre die US-Streitkräfte in den Jemen zu schicken und so den Ausgang des Kriegs in Afghanistan noch stärker zu gefährden und den Dschihad-Kämpfern eine weitere Bühne zu verschaffen. Wie die Erfahrungen im Irak und in Afghanistan gezeigt haben, ist es für die USA zwar nicht schwer, konventionelle militärische Siege zu erringen, wohl aber, diese über längere Zeit hinweg zu bewahren und sie in ein wirksames Instrument im Kampf gegen den Terrorismus zu verwandeln."

(Artikel vom 04.01.2010)

Berlingske Tidende: „Damit leben, ohne allzu festes Sicherheitskorsett“; Dänemark

Nach dem vereitelten Mordanschlag auf den dänischen Mohammed-Karikaturisten Kurt Westergaard warnt die Tageszeitung Berlingske Tidende davor, sich von der Furcht vor dem Terror lähmen zu lassen: "Ebenso wenig wie uns der Versuch, am Weihnachtstag ein Flugzeug auf dem Weg in die USA in die Luft zu sprengen, dazu bringen darf, niemals mehr ein Flugzeug zu besteigen, dürfen sich Menschen mit gefährlichen Jobs, die wie Kurt Westergaard in steter Gefahr schweben, von den Terroristen einschüchtern lassen. Es gilt, nach dem rechten Gleichgewicht zu streben - zwischen einerseits Sicherheit und andererseits dem Bedürfnis, ein freies, normales Leben zu führen. Vielerorts auf der Welt befindet sich der Terror auf dem Rückzug; andernorts ist er besonders lebendig, was es einigen verrückten Menschen ermöglicht, ein Flugzeug, einen Zeichner oder eine U-Bahn-Station anzugreifen. Damit muss man leben können, ohne dass die Gesellschaft allzu fest in ein Korsett von Sicherheitsmaßnahmen gepresst wird."

(Artikel vom 03.01.2010)

Dnevnik: “Britisches Sicherheitssystem hat die beiden echten Terroristen verfehlt“; Slowenien

Medien und Politik schüren gerne Ängste, meint Dejan Kovač in der Tageszeitung Dnevnik, egal ob mit Terror oder Schweinegrippe: "Wenn es um unsichtbare Viren geht, ist die oft panische Angst zwar unbegründet, doch verständlich. [...] Wenn es um den Terrorismus geht, so ist der Verlust des gesunden Menschenverstands schwerer zu erklären, trotzdem sind panische Angst und Handlungen zahlreicher. [...] Vor dem Betreten eines Flugzeugs etwa ist jeder bereit sich völlig zu entblößen, weil er sich erst dann sicherer fühlt. Interessant! Seit dem 11. September 2001 hat das aufgerüstete und irritierende Sicherheitssystem im Flugverkehr nur eine ziemlich zweifelhafte Verschwörung in Großbritannien aufgedeckt und gleichzeitig die einzigen beiden echten Terroristen verfehlt, die dann von den Passagieren gebändigt wurden."

(Artikel vom 04.01.2010)