Gesellschaft

Europas Massen-Blind Date zu Silvester

Artikel veröffentlicht am 29. Dezember 2008
Artikel veröffentlicht am 29. Dezember 2008
Eines schönen Tages entschieden zwei Spanier und ein Italiener, dass sie genug davon hatten, Silvester jedes Jahr auf die gleiche Art zu verbringen. Europa und viele neue Leute warteten bereits auf sie. Das Proyecto Nocheviejas.

Tag? 30. Dezember. Uhrzeit? Acht Uhr abends. Ort? Die Tacheles Bar in der Oranienburger Straße Nummer 54 in Berlin. T-Shirt Farbe? Grün. Das ist alles, was man wissen muss, um Silvester mal anders zu verbringen und dabei durch Europa zu reisen und Leute aus aller Herren Länder kennenzulernen. Das Proyecto Nocheviejas lädt auch 2008 wieder in eine europäische Hauptstadt ein – diesjährige Station ist Berlin. Die Idee dazu stammt von ein paar Spaniern, die genug von den typischen Feierlichkeiten mit Stil und Etikette hatten.

Langsam aber sicher entglitt ihnen das eigene Projekt.

Als Juan Antonio Gonzálvez und Antonio Aguilella während ihres Islandurlaubs im Sommer 2006 einen zu viel tranken, stellten sie sich die Frage, warum es immer nur sie beide waren, die solche Art von Reisen machten und wie sie mehr Leute dafür gewinnen könnten. Sie dachten daran, eine Reise mit Freunden zu organisieren. Das Reiseziel war das geringste Problem. Nach kurzem Nachdenken hatten sie schließlich einen Geistesblitz: „Wie wäre es, das nächste Silvester in Amsterdam zu verbringen?“ Gesagt, getan. Sie schickten ein E-Mail an all ihre Freunde, die wiederum an ihre Kontakte weiterleiteten. Je mehr, desto besser. Sie rechneten damit, etwa zehn Personen zusammen zu bekommen, doch langsam aber sicher entglitt ihnen das eigene Projekt: am 30. Dezember trafen sich 63 Leute in roten T-Shirts auf dem Dam Platz in der niederländischen Hauptstadt. Alle wollten dasselbe: viel Spaß in einer möglichst großen Gruppe Unbekannter.

Keinen Plan

Und warum das Ganze am 30., wenn Silvester doch erst am 31. Dezember ist? Ganz einfach: um das Eis schon vor der großen Feier zu brechen. Und natürlich auch, um die Möglichkeit zu nutzen zu besprechen, wo der Jahreswechsel am nächsten Tag gefeiert werden soll. In dieser Zusammenkunft gibt es nämlich nichts Vorausgeplantes. Sie hat auch keinen Namen. Die ‚Organisatoren‘ wissen nicht einmal, wie viele Leute kommen werden. Ganz die spanische Art.

Emiliano Bruno, der Dritte im Organisationskomitee und Italiener, arbeitet bei der Europäischen Kommission. Bruno erwähnt, wie sehr solche Initiativen andere Europäer in ungläubiges Staunen versetzen: „Als ich hier in Luxemburg von der Veranstaltung erzählt habe, gab es viele Leute, die nicht begreifen konnten, dass wir keinen Raum gemietet hatten und es nichts ‚Organisiertes‘ gab. Sie sind schlussendlich nicht gekommen. Wir wurden sogar etwas abschätzig belächelt, nach dem Motto ‚diese Spanier‘. Geometrische Formen wie Kreise versteht man hier nicht: außer Quadraten gibt es nichts.“

Multikulti-Party

Zum Glück denken nicht alle gleich in Europa. „2008 wird das Jahr für den internationalen Sprung sein“, ist sich Antonio Aguilella sicher. In den beiden Jahren zuvor waren hauptsächlich Spanier mit von der Partie und daneben ein paar Italiener, Deutsche, Belgier und ein Chinese. 2008 kommen zu diesen Nationalitäten Polen, Argentinier, Mexikaner, Iren Briten, Niederländer, Schweden und viele mehr hinzu. Bereits 93 Leute haben für Berlin zugesagt. „In der Richtung hat sich Emiliano in einen richtigen Anwerber verwandelt, denn er steht mit Leuten aus vielen Ländern in direktem Kontakt“, fügt Aguilella hinzu.

Von der Veranstaltung erfuhr sie durch einen spanischen Freund, der zurzeit in Polen lebt und ihr gefiel die Idee des Tapetenwechsels auf der Stelle.

Die 27-jährige Małgosia Grudzien aus Polen nimmt in diesem Jahr zum ersten Mal teil. Von der Veranstaltung erfuhr sie durch einen spanischen Freund, der zurzeit in Polen lebt und ihr gefiel die Idee des Tapetenwechsels auf der Stelle. „Ich kann Silvesterpartys nicht ausstehen. Die sind so anstrengend. Dieser Zwang, dass du Spaß haben und ausgehen musst. Wozu? Es ist ein Tag wie jeder andere”, sagt Grudzien, die nichts anderes von der Feier erwartet, als neue Leute kennen zu lernen und den Tag so gut wie möglich zu verbringen.

Neue Freundschaften

Das wohl größte Blind Date Europas geht am 1. Januar zu Ende und jeder geht wieder seine eigenen Wege. Allerdings treffen sich die Teilnehmer später während des Jahres in ihren jeweiligen Städten, um auf ihr Kennenlernen anzustoßen. Man kann ohne Übertreibung behaupten, dass diese Art der Silvesterparty für einige eine kleine Veränderung in ihrem Leben dargestellt hat. Wenn ein ewiger Treueschwur vor einigen Zeugen als wesentliche Veränderung gelten kann.

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