Gesellschaft

Europas Lehrer im Vergleich

Artikel veröffentlicht am 14. Oktober 2008
Artikel veröffentlicht am 14. Oktober 2008
Von der Ausbildung bis zu den Gehältern - in Europas Lehrerzimmern diskutiert man über die Bedingungen eines schwierigen Berufs. Ein Überblick.

Entmutigung in Italien

In Italien ist die Lehrerausbildung ein wahres Geduldsspiel, bei dem die Gefahr der Arbeitslosigkeit kontinuierlich wächst. Der öffentliche „Concours“, über den man als Nachwuchslehrer in die Lehrerlaufbahn eintreten kann, ist schon seit Jahren höchst umstritten. In Aussicht auf eine Reform des Systems wurde daher vor einigen Jahren eine eigene Hochschule gegründet, in der künftige Lehrer in zwei Jahren - und für 1500 Euro Gebühren jährlich - ausgebildet werden. Die öffentlichen Ausschreibungen für den Lehrerberuf wurden jedoch immer noch nicht abgeschafft. Ergebnis: Das Punktesystem, das den Berufsweg der italienischen Lehrer regelt, trifft heute sowohl auf junge Nachwuchslehrer aus dem „Concours“ als auch auf solche aus der neu gegründeten Schule. Diese verwirrende Situation ist das Ergebnis ständiger, sich oft widersprechender Reformen der schnell aufeinander folgenden italienischen Regierungen. Momentan ist unklar, welches System schließlich als Sieger hervorgeht - das des öffentlichen Wettbewerbs oder das einer eigenen Lehrerhochschule. Den Status quo, den niemand mehr recht durchschauen kann, lässt die Erwatungen der ohnehin schon stoisch gewordenen Lehramtswärter in Italien weiter sinken.

Im Durchschnitt befinden sich italienische Lehrer 18 Stunden die Woche an der Schule und bekommen am Beginn ihrer Karriere ein Gehalt von rund 20.000 Euro im Jahr.

Überforderung in Polen

In Polen stellt der Lehrerberuf ohne Zweifel eine Berufung dar.

In Polen stellt der Lehrerberuf ohne Zweifel eine Berufung dar, und das aus mehreren Gründen: Das Gehalt an den öffentlichen Schulen ist nicht sehr hoch (Nach Eurydice das zweitniedrigste in Europa im Verhältnis zum BIP). Es hängt vom jeweiligen Diplom, der Erfahrung (also dem Alter) und schließlich auch von etwas ab, was die „professionelle Entwicklung“ eines Lehrers genannt wird. Aber das ist nur der Anfang! „Unterrichten ist nur eine meiner Aufgaben, wobei es hier bei 30 Schülern pro Klasse schon genug zu tun gäbe. Daneben muss ich aber auch diverse Veranstaltungen besuchen, bei denen unser Berufsstand seine Interessen artikuliert und sich„selbst formiert“. Alle zwei Jahre habe ich zudem eine Fortbildung an der Universität zu absolvieren, da diese im Wesentlichen das Profil meiner 'professionellen Entwicklung' ausmachen“, erzählt Agata Plucińska, Sozialkunde- und Geographielehrerin. Vor allem gebe es auch einen hohen Anspruch der Eltern an die Rolle des Lehrers: „Die Leute glauben oft, dass die Lehrer dazu da sind, die Kinder zu erziehen, und wenn mit diesen etwas nicht stimmt, wird die Verantwortung dafür als Erstes in der Schule gesucht“. Die ständige Überforderung wird allgemein als das größte Problem des polnischen Lehrerstandes gesehen, besonders aufgrund der häufigen Folgen wie Stress oder Angstneurosen.

Im Durchschnitt befinden sich polnische Lehrer 18 Stunden die Woche an der Schule. Ihr Monatsgehalt beträgt ca. 5041 Euro jährlich.

Kein Grund zum Klagen in Deutschland

©ne*/flickrWenn man den Klagen der deutschen Lehrer Glauben schenken würde, müsste der Lehrerberuf in Deutschland der undankbarste überhaupt sein. Wenn man ihre Position allerdings mit der ihrer europäischen Kollegen vergleicht, entsteht ein anderes Bild: Da wären 14 Wochen Urlaub im Jahr, ein lebenslanger Beamtenstatus (allerdings mit Unterschieden zwischen Ost und West) und Feierabend gegen Mittag - denn in Deutschland wird nachmittags nicht unterrichtet. „Faulenzer“, „Beamtenköpfe“: Das Ansehen der Lehrer in Deutschland ist desaströs. Trotzdem ist die Lehrerausbildung länger als anderswo. Zunächst muss das erste Staatsexamen erlangt, dann zwei Jahre lang das so genannte „Referendariat“ absolviert werden. Daneben gilt es Studienseminare der Bundesländer zu besuchen, in denen die künftigen Lehrer ihre praktischen Fähigkeiten ausbilden müssen. Zu Beginn des Referendariats kontrolliert schließlich eine staatliche Jury regelmäßig den Unterricht der Lehranwärter. Der Berufsstand erfuhr in den vergangenen Jahren eine gewisse öffentliche Aufwertung. Ein Grund dafür ist sicher die Tatsache, dass nach Angaben des Philologenverbands 2008 rund 20.000 Lehrer in Deutschland fehlten. Die einzelnen Bundesländer gehen mittlerweile dazu über, junge Absolventen aus anderen Landesteilen abzuwerben.

Ein junger deutscher Lehrer erhält zu Beginn seiner Karriere ein Gehalt von 30.842 Euro pro Jahr und verbringt 17 Stunden die Woche in der Schule (bei einer Wochenarbeitszeit von insgesamt 40 Stunden).

Lange Arbeitszeit in Spanien

Die Vorrausetzung für das Ergreifen des Lehrerberufs in Spanien ist der Magister, für den es eines vier bis sechsjährigen Studiums bedarf. Auch bei einem verwandten ausländischen Abschluss kann eine pädagogische Ausbildung an der Universität absolviert werden. Im europäischen Vergleich haben die spanischen Lehrer eine vergleichsweise lange Wochenarbeitszeit. Bei einer 35-Stunden-Woche verbringen sie 25 bis 30 Stunden in der Schule, direkt im Klassenzimmer oder für administrative Aufgaben. Zu Hause muss dann darüber hinaus der kommende Unterricht vorbereitet werden.

Das spanische Lehrergehalt variiert stark. Die durchschnittliche Besoldung liegt den Statistiken der OECD zufolge jedoch mit 27.671 Euro im Jahr bei Berufseinsteigern direkt hinter derjenigen der deutschen Lehrer.

Weitreichende Reformen in Frankreich

©François Hogue/flickrIn Frankreich wird momentan die „Reform des Systems der Lehrerausbildung“ diskutiert,

die zum Schulanfang 2010 in Kraft treten soll. Anstelle des bisherigen Systems - welches vor allem um den „Concours“ um Lehrerstellen nach einer dreijährigen Universitätsausbildung kreiste - sollen die Studenten nun einen fünfjährigen „Bildungs-Master“ machen. Die Reformkritiker bemängeln hierbei vor allem die fehlende gründliche Spezialisierung auf ein bestimmtes Fachgebiet. Es ist allerdings noch nichts definitiv beschlossen worden. Heftig umstritten ist in Frankreich vor allem die angemessene Besoldung für Lehrer. Diese ist hier weit niedriger angesiedelt als bei den östlichen Nachbarländern.

Die französischen Lehrer bekommen zu Beginn ihrer Karriere ein Gehalt von 20.153 Euro pro Jahr und liegen damit auf Platz 13 des weltweiten Rankings der OECD. Bei einer Gesamtarbeitszeit von 35 Stunden müssen sie 13 Stunden Unterricht die Woche geben.