Gesellschaft

Europäischer Islam im Elsass

Artikel veröffentlicht am 26. Mai 2009
Artikel veröffentlicht am 26. Mai 2009
In Straßburg gibt es mehr als 20 Moscheen, 30 katholische Kirchen, 13 evangelische Gotteshäuser, neun Synagogen und zehn buddhistische Tempel. Könnte die elsässische Hauptstadt ein Vorbild sein für ein friedliches Miteinander der Religionen, besonders mit dem Islam, in Europa?
Vielen erscheint die Situation in Straßburg - wie die Idee einer Fakultät für islamische Theologie - unmöglich auf laizistischem französischem Boden durchführbar. Dank eines lokalen Statuts und eines Systems der Anerkennung verschiedener Religionen funktioniert das Zusammenleben im Elsass.

Das erste Interview als frisch gewählter Präsident des Landes von 9/11 gab Barack Hussein Obama dem arabischen Nachrichtensender Al Jazeera. Auf seiner Europareise entschied er sich dazu, Ankara zu besuchen, um eine klare Botschaft loszuwerden: “Unsere Partnerschaft mit der muslimischen Welt hat einen ganz besonderen Stellenwert. Denn ich bin einer von euch.” Der Islam hat für die neue amerikanische Regierung hohe Priorität. In einem Europa vor den Europawahlen dagegen wurde das Problem noch nicht angegangen, zumindest nicht direkt: hier beschränkt man sich auf eine Debatte um den EU-Beitritt der Türkei.

14 Millionen Muslime in der EU

Wer sich darum sorgt, dass 76 Millionen Türken die europäische Identität (oder die der EU) ändern könnten, sollte sich der 14 Millionen Muslime bewusst sein, die nach einer Studie des Zentralinstitutes Islam Archiv Deutschland bereits in den Ländern der EU leben - nicht in Europa wohlgemerkt, dort sind es mehr als 50 Millionen - und auch oft die dortige Staatsbürgerschaft besitzen. Das Problem betrifft nicht alle Länder in gleichem Maße. 

©Marco Marucci/http://www.reflectz.org/

Frankreich ist Heimat der größten islamischen Gemeinde der EU. Nach offziellen Angaben leben hier 5,5 Millionen. Und es ist auch die französische, eine laizistische Republik par excellence, die mit einem Modell für Europa “daherkommt”. Letzteres, zumindest Roland Reis zufolge, dem Vorsitzenden der Sozialisten in der elsässischen Hauptstadt, der sich Ende März 2009 bei einem Kolloquium im marokkanischen Fez über den rechtlichen Status des Isalm in Europa mit dieser These zu Wort gemeldet hat. Wie kommt er darauf?

Ein Konkordat und das lokale Recht in Elsass-Lothringen ermöglichen 858.000 Euro Unterstützung für den Bau einer Moschee

Die Trennung von Kirche und Staat in Elsass-Lothringen ist “nicht ganz perfekt”: das Gesetz von 1905 zum Laizismus, das im Frankreich “de l’interieur” (“im Inneren” wie man in Straßburg sagt) gilt, wird im Elsass nicht praktiziert, denn damals gehörte die Region noch zu Deutschland. Hier ist immer noch ein lokales Recht in Kraft, in das später das Konkordat von Napoleon, das er 1801 mit dem Vatikan unterzeichnete, aufgenommen wurde. Dies sieht, auch mit den nachfolgenden Änderungen, vier anerkannte Religionen (katholisch, protestantisch, calvinistisch und schließlich jüdisch) vor, die nicht strikt vom Staat getrennt sind: Religionsunterricht in der Schule, Religionsminister (Beauftragte, die mit Glaubensfragen befasst sind und vom Staat bezahlt werden), öffentliche Subventionen, Fakultäten für Theologie an staatliche Universitäten (die die Religionsminister ausbilden) sowie das Recht des Präsidenten der Republik, die Bischöfe auszuwählen.

©F.B.Wegen dieser historischen Umstände profitiert der Bau der Großen Moschee von Straßburg, nach Entscheidung der Kommune, von einer finanziellen Unterstützung, die zehn Prozent der Gesamtkosten für die Arbeiten trägt (858.000 Euro bei 8,58 Millionen Euro Kosten). Dazu kommen jeweils acht Prozent Kostenübernahme vom Conseil regional und vom Conseil général, so dass 26 Prozent insgesamt bezahlt werden, wie uns Said Aalla, Vorsitzender des Vereins Große Moschee Straßburg, bestätigt. Olivier Bitz, junger Religionsminister der Kommune von Straßburg, unterstützt die Vision des Bürgermeisters: “Elsass-Lothringen hat eine lange Tradition der Toleranz. Die Tatsache, dass wir mit allem “ganz ruhig” umgehen, macht dieses Gebiet zu einem ‘Experimentierfeld‘.”

Aalla zufolge gibt es allein in Straßburg zwischen 12.000 und 15.000 Muslimen, 140.000 in der gesamten Region. Dies sind aber nur geschätzte Zahlen, denn hier sind, wie im restlichen Frankreich auch, “ethnische” Statsistiken verboten. In der Stadt bestehen, wenn man all die Garagen und kleinen Wohnungen mitzählt, etwa 27 Moscheen. Die Stadt “behandelt den Islam schon wie eine anerkannte Religion, auch wenn er es rechtlich gesehen nicht ist: Die formale Integration in das Statut interessiert momentan weder die Kommune noch den Verein für die Große Moschee”, wie sowohl Aalla als auch Bitz sagen. Aber was macht diese Situation so besonders und so ’europäisch‘?

Eine Fakultät für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Islam

Die Antwort erhalte ich an der Universität Marc Bloch, wo ich an der Fakultät für katholische Theologie François Boespflug, Dominikaner und Professor für Vergleichende Religionsgeschichte, treffe. “1993 habe ich ein Gesuch zur Schaffung einer Abteilung für islamische Theologie eingereicht. Diese sollte dieselben Rechte und Pflichten haben wie alle anderen. Aber um zu lehren, braucht man alle vom französischen Staat für öffentliche Institutionen notwendigen Voraussetzungen. Eine Fakultät für islamische Theologie, die in einem französischen Staat tätig ist, muss bestimmte Bedingungen erfüllen. Sie muss auf intellektueller Ebene etwa einer vergleichenden Geschichte der Religionen und ihrer Schriften oder auch Studien über Unwahrheiten im Koran offen gegenüber stehen.” Das Projekt scheiterte, denn nach Ansicht des Professors fehlte eine bedingungslose Unterstützung des Gesuchs von Seiten der muslimischen Gemeinde. Boespflug zufolge kann es sein, dass die Muslime genau wie die Juden (die eine eigene Fakultät ablehnten) keinen solchen wissenschaftlichen Umgang mit ihrer Religion, wie ihn eine Universität eben erfordere, wollen. Vielleicht liegt gerade darin das Problem: Jemanden, der nichts mit dem islamischen Glauben zu tun hat, zu erlauben, den Koran nach rein philologischen Kriterien zu untersuchen.

©Marco Marucci/http://www.reflectz.org/

Saïd Aalla hält die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Religiom dagegen für förderlich. Er sagt mir, dass über eine Fakultät für Theologie aber die Muslime selbst entscheiden müssen und dass der Verein Große Moschee damit einverstanden wäre, heute genauso wie er es vor 15 Jahren war: “Zur Entwicklung eines europäischen Islam ist es unabdingbar, dass sich unsere religiösen Verantwortlichen eher hier ausbilden lassen als im Ausland. Schlimmer ist es nur noch, Leute aus dem Ausland zu rekrutieren.” Während er mir Süßigkeiten aus Honig anbietet unterstreicht er die Notwendigkeit der Anerkennung des Laizismus und des Multikulturalismus durch die religiösen Köpfe. “Wenn wir das schaffen, gibt es eine reale Chance auf einen europäischen Islam, der hier seine Wurzeln hat, hier geschaffen wird und hier in die Kultur integriert wird. Wir brauchen Leute, die hier studiert haben und die die europäische und westliche Kultur kennen.”

Die Frage nach der Ausbildung der Imams hat tatsächlich einen hohen Stellenwert, genauso wie die Einrichtung von Gotteshäusern. Warum ist das so? Vor allem wegen der Finanzierung aus dem Ausland. Denn ihre Herkunftsländer geben den islamischen Gemeinden in Europa Geld. Dies ist wichtig zur Erhaltung von Kontrolle und Macht, was eine wirkliche Unabhängkeit verhindert. Genauso spielt aber auch reine Notwendigkeit eine Rolle: Katholiken, Protestanten und Juden siedelten schon viel früher auf europäischem Boden und sind deshalb heute wirtschaftlich und sozial integriert. Sie haben ihre Gotteshäuser und festen Gemeinden. Aber Aalla schaut hoffnungsvoll in die Zukunft: “Heute ist niemand mehr Marokkaner oder Algerier ... alle sind Franzosen, Deutsche, Belgier. Alle sind wir Europäer.”

Der Eindruck, der bleibt, ist, dass der “fehlende Laizismus” Straßburgs eher ein Super-Laizismus ist und dass wir das im Frankreich “de l’interieur” noch nicht verstanden haben. Außer Nicolas Sarkozy vielleicht, der seit einigen Jahren von der Entstehung eines “republikanischen Islam” spricht. Einem Islam, der europäisch, staatlich und laizistisch ist ... und damit so gut kontrollierbar.

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