Gesellschaft

Europa: wie hälst Du’s mit dem Feminismus?

Artikel veröffentlicht am 23. Oktober 2007
Artikel veröffentlicht am 23. Oktober 2007
Inzwischen gehört der Feminismus in Europa längst zum Mainstream. Doch viel Land haben die Frauen seit den achtziger Jahren nicht dazugewonnen - viele lehnen das Konzept komplett ab, andere finden, der "neue Feminismus" mache Rückschritte.

Deathproof (Foto: The Weinstein Company)

Quentin Tarantino hat sie alle: Machos und Luschen, naive Blondinen und todesmutige Stunt-Frauen. "Manche halten mich für einen Feministen", zitiert 3sat den amerikanischen Kult-Regisseur in einem Beitrag zu seinem neuesten Film Death Proof. Die Vorstellung von Tarantino als Vorkämpfer für Frauenrechte klingt befremdlich, schließlich werden bis zur Hälfte des Films vier Frauen Opfer eines übersteigerten Machismus. Aber vielleicht spiegelt diese Idee einen allgemeinen Verwirrungsmoment wieder. Die Welt ist kompliziert geworden. Die Frauenbewegung der siebziger und achtziger Jahre hat mit ihren Forderungen erreicht, dass das Bild von 'der Frau' oder 'dem Mann' nicht mehr so klar existiert. Aus den Staaten schwappt die Theorie des "Queer" nach Europa. Die Konzepte sind aufgeweicht und bieten Raum für neue Definitionen.

Schwammiges Konzept

Vieles weist darauf hin, dass die Revolution zwar in den Köpfen, nicht aber in der Realität stattgefunden hat. Der Feminismus ist in der Gesellschaft angekommen. Keine Frage. Dafür gibt es mehrere Anzeichen. Frauen können in Europa nahezu problemlos studieren. Sie angeln sich zunehmend besser bezahlte Jobs. Sie okkupieren und profitieren von dem Terrain, das ihre Vorkämpferinnen für sie geebnet haben. Hinzu kommt das zunehmend mediatisierte Bild von Frauen in der Politik, das den Eindruck vermittelt, die Gleichheit im Beruf sei bereits errungen. Angela Merkel in Deutschland, Ségolène Royal als Präsidentschaftskandidatin in Frankreich, Julija Timoschenko in der Ukraine: Frauen fungieren als Figuren der Macht.

Weibliche Politiker auf europäischen Titelseiten machen sich gut, verwischen jedoch den Fakt, dass nur 12 von 122 Staatsoberhäuptern weltweit weiblich sind. Und auch wenn Feminismus mittlerweile zum Establishment gehört, der jungen Frauengeneration hilft das bisher wenig. So erklärt die deutsche Vorzeigefeministin Alice Schwarzer in der Wochenzeitung Die Zeit: "Die 'Töchter des Feminismus' haben die Emanzipation beim Wort genommen. Und dann haben sie sich im Beruf an der gläsernen Decke den Kopf wund gestoßen - oder sind nicht mehr aus dem Kinderzimmer rausgekommen."

Deutliche Zahlen

Die Zahlen geben ihr Recht: So ist Deutschland etwa mit 22 Prozent Lohngefälle im EU-Vergleich eines der Länder, wo sie Gleichberechtigung noch weite Wege zurückzulegen hat. Auch in Norwegen, das als Musterland der Chancengleichheit gilt, wird laut der Frauenorganisation Norsk Kvinnenskasforening Augenwischerei betrieben. Zwar sei die Erwerbsquote bei Frauen und Männern etwa gleich hoch, doch nur etwas mehr als die Hälfte der Frauen arbeite Vollzeit und verdiene im Durchschnitt weniger als Männer.

Tatsächlich fortschrittliche Politik wird derzeit womöglich in Spanien gemacht. Feministische Töne waren in dem katholischen Land lange unterdrückt - erst 1978 wurde die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Verfassung verankert. Doch das im letzten Jahr auf den Weg gebrachte Gleichheitsgesetz 'Ley de Igualdad' des sozialistischen Regierungschefs José Luis Rodríguez Zapatero wird allgemein als großer Schritt auf dem Weg zur Gleichberechtigung gewertet. Es schreibt eine Quote von 40 Prozent für beide Geschlechter bei allen staatlichen Wahlen und in Verwaltungsräten börsennotierter Unternehmen vor. Zapatero ging schon bei seinem Amtsantritt 2004 mit gutem Beispiel voran und besetzte sein Kabinett paritätisch. Auch Sarkozy hat seinem Kollegen gleich getan.

Feminismus ist out

Doch Quoten sind kein probates Mittel, höchstens eine Krücke, finden führende europäische Feministinnen, so auch die französische Philosophin Elisabeth Badinter. Sie kritisiert, dass mit der Quote der Geschlechtsunterschied Einzug in die Verfassung erhält. Und sie zeigt das Problem des heutigen Feminismus auf: Junge Frauen suchten immer nur Schutz durch Gesetze, statt den Zustand mit "Lust an der Auseinandersetzung" zu ändern.

In der neuen Generation von Frauen scheint das Konzept Feminismus verpönt: zwar schreiben Autorinnen wie Marie Nimier, Catherine Breillat oder Virginie Despentes in Frankreich über Pornographie, sind Verhütungsmittel und Abtreibung auf dem besten Wege der Demokratisierung. Die deutsche Familienministerin Ursula von der Leyen macht vor, wie man Familie und Politik unter einen Hut bekommt. Aber das Wort Feminismus geht der jungen Europäerin nur schwer über die Lippen.

Und trotzdem: spätestens, wenn 'Frau' merkt, dass sie doch nicht so multitasking-fähig ist, wie sie gedacht hatte, wenn Ex-Nachrichtensprecherin Eva Hermann mit ihren kontraproduktiven Romanen zum Thema 'Frau zurück an den Herd' den deutschen Buchmarkt überschwemmt - ein Faustschlag für den Feminismus - muss die Debatte neu entfacht werden. Ego-Feminismus reicht nicht aus. Vielleicht schafft ein neuer Begriff Abhilfe. Vielleicht sollten 'Mann und Frau' des 21. Jahrhunderts auch einen Schritt weiter gehen - und das Thema Gleichberechtigung endlich partnerschaftlich angehen.

Fotos: Homepage (cc)Abdallah TM/flickr, Deathproof ©The Weinstein Company, Alice Schwarzer ©Simon Müller/flickr