Gesellschaft

Europa und China: Eine Frage des Gleichgewichts

Artikel veröffentlicht am 11. Januar 2007
Artikel veröffentlicht am 11. Januar 2007
Warum haben die Europäer Angst vor China? Gespräch mit einem chinesischen Geschäftsmann, der in Europa Karriere gemacht hat.

Yongyang Wang kam vor 15 Jahren nach Europa, weil er die westliche Kultur bewunderte. Ihn faszinierten die Umgangsformen, die Eleganz. Der Preis war hoch: Damals konnte man als Chinese aus China nicht auf legalem Weg ausreisen – Wang musste alles zurücklassen.

In Barcelona angekommen, begann er als Kellner. Heute hat er sein eigenes Büro für Rechtsberatung im Zentrum der katalanischen Hauptstadt. Seine Kunden kommen zu ihm, weil sie juristische Informationen brauchen, die sie auf dem Rathaus nicht bekommen. „Die Leute reden mit uns, als wären wir eine Behörde“, bemerkt er lächelnd.

Wangs Büro betreut alle möglichen Kunden, doch in Zukunft will er sich auf spanische Firmen spezialisieren, die Geschäfte mit China machen. Sein freundliches Gesicht leuchtet, wenn er lacht. Er wurde 1964 geboren. In seinem Heimatland wäre er, wie er uns erklärt, schon ein Greis. „In China wird man schon ab vierzig wie ein alter Mann behandelt. Es wäre schwierig, zurückzukehren. Jetzt, nachdem ich mich daran gewöhnt habe, hier zu leben.“

Chinesen, die sich als Japaner ausgeben

Im chinesischen Restaurant „Konfuzius“, wo wir Wang zum Interview treffen, lächeln die Bedienungen und tragen rosafarbene Hemden. Sie kommen und gehen mit Bandnudeln, Suppen und Fischen, die sie in Glasschalen in der Hand tragen. Wang isst hier meistens, da das Restaurant in der Nähe seines Büros liegt.

Es war nicht einfach, dorthin zu kommen, wo er heute ist. Obwohl er sich nicht abgelehnt fühlte, gibt er zu, dass es zahlreiche Klischees und Misstrauen gegenüber der chinesischen Gemeinschaft gibt. „Das Wort ‚Chinese’ hat eine negativen Beigeschmack“, sagt er, ohne sein Lächeln zu verlieren. „Ich denke da zum Beispiel an das Chinesische Viertel* in Barcelona, das einen schlechten Ruf genießt, aber in Wahrheit nichts mit uns zu tun hat. Oder die Klischees über die chinesischen Restaurants, die Mafia und all die anderen Sachen, die in Umlauf sind“, sagt Wang. Das Schlimmste aber sei das Misstrauen. „Dadurch wird alles schwierig: Einen Mietvertrag für eine Wohnung zu finden, ein Geschäft aufzubauen oder ein Mädchen zum Tanz zu bitten. Es gibt sogar Chinesen, die sich als Japaner ausgeben“.

„Die Angst vor Veränderung ist eine Angst des Westens“

Findet er nicht, dass der Westen die fernöstliche Kultur zu schätzen beginnt? „Die Menschen im Westen schätzen nicht die wirkliche chinesische Kultur, sondern nur die Klischees, das exotische Bild eines Landes, das nicht existiert.“ Die Befürchtungen Europas und der Vereinigten Staaten in Bezug auf das rasante chinesische Wirtschaftswachstum amüsieren ihn eher: „Die Angst vor der Veränderung ist eine Angst des Westens“, ruft er.

Wang stammt aus Wangzhou. Das ist die Region, aus der der größte Teil der Textilimporte nach Europa kommt. Als wir ihn auf die Angst der Europäer vor der Flut chinesischer Produkte ansprechen, setzt er seinen Suppenlöffel ab und denkt einen Moment nach. „In Europa gibt es viele, die vom Eintritt Chinas in die Märkte profitiert haben.“ Für Wang ist jetzt „der Moment, ein Gleichgewicht herzustellen, nicht um neidisch zu sein. Das Reich der Mitte ist noch immer sehr weit vom westlichen Lebensstandard entfernt.“

Alle haben etwas bekommen

Als Wang China verließ, war er mit der Regierung unzufrieden. 1989 verfolgte er das Massaker auf dem Tian’an men, dem Platz des himmlischen Friedens in Peking, vor dem Fenseher mit. Er wandte die Augen nicht vom Fernseher ab und weinte. „Jetzt habe ich ihnen vergeben“, bekräftigt er. China habe sich in den vergangenen Jahren stark weiter entwickelt und Wang glaubt, dass ohne den damaligen Fehler die heutige Entwicklung nicht möglich gewesen sei. „Möglicherweise ist der Reichtum nicht gleich verteilt“, schränkt er ein. „Aber alle haben etwas bekommen und deshalb sind sie glücklich.“

Wang ist sicher, dass die Demokratie „früher oder später“ kommen wird. „Die Regierung wird sich Schritt für Schritt anpassen“. Dieser langsame Prozess ist laut Wang notwendig, da es in China keine demokratische Tradition gebe. „Ihr Europäer hattet die Römer oder die griechischen Stadtstaaten, aber für viele Menschen in China, die vom Land kommen, bedeutet das Recht zu wählen gar nichts.“ Die Lösung besteht laut Wang darin, Bildungsmöglichkeiten zu erweitern und zu verbessern.

Plaudern, studieren, tanzen

Wang kam nach Barcelona, ohne ein Wort Spanisch zu sprechen. Heute hört man nicht einmal mehr einen Akzent. Er spricht ruhig und klar, der Geschäftsmann ist ein geborener Redner. An Spanien gefällt ihm besonders, dass man interessante Gespräche führen kann. „In China sind wir es nicht gewohnt, unsere Ideen oder Gefühle zur Sprache zu bringen. Das machen nur sehr wenige Menschen.“

Wang verbindet seine Arbeit in seinem Beratungsbüro mit einem Jurastudium an der spanischen Fernuniversität Uned. Er weiß, dass Anwälte gebraucht werden, die Chinesisch und Spanisch sprechen. Später, am Abend, lernt er zwischen ein paar Schluck Mojito in der Salsabar “Agua de Luna” Salsa tanzen. Wang kennt alle guten Salsabars in Barcelona. Er tanzt schon seit Jahren. Die Mädchen sind überrascht, wenn sie ihn sehen. Erst fürchten sie, sich mit einem Chinesen zu blamieren. Aber wenn sie ihn auf der Tanzfläche sehen, ändern sie ihre Meinung. Wird es Europa in Bezug auf China ähnlich ergehen?