Gesellschaft

Europa streitet über Frankreichs "Burka"-Verbot

Artikel veröffentlicht am 27. Januar 2010
Artikel veröffentlicht am 27. Januar 2010
Ein französischer Parlamentsausschuss hat am Dienstag empfohlen, den muslimischen Ganzkörperschleier zu verbieten. Einerseits kann das sogenannte Burka-Verbot ein Zeichen gegen Fundamentalismus sein, meinen europäische Kommentatoren, andererseits ist es demütigend.

Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Kopftuchverbot in Klassenzimmern hat sich bewährt“ - Deutschland

Die französische Regierung erhofft sich vom Verbot der Vollverschleierung von Frauen eine Signalwirkung für rund sechs Millionen Franzosen mit muslimischem Hintergrund, meint die konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung: "Ihnen wird so deutlich gemacht, dass Frankreich nicht bereit ist, sich dem Druck eines militanten Islam zu beugen und die Gleichberechtigung von Mann und Frau im Namen des Islam zu relativieren. Präsident Sarkozy knüpft überraschend an eine laizistische Tradition an, mit der sich die Französische Republik immer wieder ihrer selbst vergewissert hat. Das Verbot der 'sichtbaren religiösen Zeichen' in den Klassenzimmern vom März 2004, über das damals heftig gestritten worden war, hat sich im Rückblick bewährt. [...] Mitten in der Debatte über die nationale Identität formulierte er, was Frankreich von den muslimischen Citoyens erwartet: mehr Diskretion, weniger Provokation." (Artikel vom 27.01.2010)

Libération: „Strafzettel von Paranoikern“; Frankreich

Die Verherrlichung des Verbots hat etwas irrationales und beunruhigendes.

Die Empfehlung für das "Burka"-Verbot in Frankreich könnte auch niedrige Beweggründe haben, mutmaßt die Tageszeitung Libération: "Die Verherrlichung des Verbots, die einen Teil der französischen Rechtsparteien in der Ganzkörperschleier-Debatte befiel, hat etwas irrationales und beunruhigendes. [...] Die Burka soll in allen öffentlichen Einrichtungen ganz einfach verboten werden. Frauen, die so verschleiert sind, würden bei der Post, im Krankenhaus oder bei den sozialen Diensten abgewiesen, solange sie den Stoff nicht ausziehen, der ihr ganzes Gesicht bedeckt. [...] Neben dem Zwang, der diese Maßnahme darstellt, bestand die Mehrheit im Ausschuss mit einer seltsamen Verbissenheit auf einer öffentlichen Demütigung. Den Paranoikern der französischen Identität zufolge sollen jetzt Frauen, die eher Opfer sind als Täter, in der Öffentlichkeit angehalten werden und einen Strafzettel bekommen."

(Artikel vom 27.01.2010)

Corriere del Ticino: „Freiheit vor Einschränkungen durch andere schützen“; Schweiz

Erst das Minarettverbot in der Schweiz und nun ein mögliches Verbot von Ganzkörperschleiern in Frankreich - beide Fälle berühren einen wunden Punkt offener Gesellschaften, meint die liberale Tageszeitung Corriere del Ticino: "In einer freien und offenen Gesellschaft sind Verbote eine hässliche Angelegenheit. Es wäre gut, nie auf sie zurückgreifen zu müssen. Trotzdem kann es manchmal angemessen und notwendig sein, Gepflogenheiten, Bräuche, Verhaltensweisen und Zwänge, die unsere Grundprinzipien und -werte verletzen, zu verbieten. Das Dumme ist, dass wir nicht warten können, bis die Entwicklung der Realität uns zwingt, die Angemessenheit und Notwendigkeit eines Verbots festzustellen: Es wäre zu spät, um unsere Freiheit vor Einschränkungen durch andere zu schützen. Die Demokratie trägt keine Schleier, die ihr Gesicht verbergen."

(Artikel vom 27.01.2010)