Gesellschaft

Europa: Kostenvoranschlag der University of Love

Artikel veröffentlicht am 21. Dezember 2011
Artikel veröffentlicht am 21. Dezember 2011
Die Lieblosigkeit auf dem Alten Kontinent könnte Europa teuer zu stehen bekommen. Deshalb ist es Ende 2011 Zeit für eine Anmeldung zu einem Seminar an der University of Love.

Von der Liebe war 2011 in Europa bis auf die pompöse Royal Wedding im Vereinigten Königreich – das Ja-Wort von Kate und William – nur recht wenig zu vernehmen. Und gerade das bisschen amour fou kam aus Großbritannien, vom Euroskeptiker schlechthin. Ok, aus Fairness sei auch die B-Hochzeit in Monaco erwähnt, wo Fürst Albert endlich seine Schwimmerin ehelichte. Basta! Ansonsten hagelte es für Europa dieses Jahr fast nur Hiobsbotschaften: Eurosumpf, Abschottung, Populismus… Große Gefühle waren 2011 eher Nebensache.

Der Liebesschwur von Kate und William war Großbritannien einen gesetzlichen Feiertag wert

Weil Europa in Liebesdingen ein wenig Nachhilfe zu gebrauchen scheint, schicken wir den eingerosteten Alten Kontinent für ein Seminar an die University of Love. Die von Arnon Grünberg gegründete Akademie soll Gründer: Arnon Grünberghelfen, den Graben zwischen Realität und Illusion kleiner zu machen, der sich in Liebesdingen oftmals auftut. Liebe macht eigentlich erfinderisch, manchmal aber auch sprachlos. Der holländische Schriftsteller, der heute in New York lebt, und eine Crew weiterer internationaler Dozenten helfen Menschen auf die Sprünge, die sich in realitätsfremden Luftschlössern barrikadieren: Grünberg und Co. greifen Frustrierten, Verlassenen und Verschmähten unter die Arme, indem sie Liebesbriefe (wahlweise auch Hass- oder Beschwerdebriefe) für die Bewerber verfassen. Eine Anzahlung von 20 Dollar und die Beantwortung eines kurzen Fragebogens später - kann sich das gefühlstechnisch angeknackste Europa vielleicht mit einem fremdgeschriebenen Liebesbrief aufwerten?

Hier der Fragebogen der University of Love:

Wie alt fühlen Sie sich?

Eigentlich fühle ich mich noch gar nicht so alt. Aber alle halten mich für eine uralte Schachtel, weltfremd, zögerlich und unmenschlich. Eine graue Maus! Keiner nimmt mir ab, wenn ich mich von Zeit zu Zeit in Sexappeal übe. Zugegeben, ich schrumpfe seit geraumer Zeit - wohl doch ein Zeichen der Zeit - und ich schotte mich mehr und mehr von der Außenwelt ab.

Haben Sie irgendwelche Gesundheitsprobleme, auf die wir achten sollten?

2011 ging es mit meiner Gesundheit steil bergab. Das Wasser steht mir bis zum Hals. Das Virus frisst sich mehr und mehr in meinen Körper und ich weiß nicht, wie lange ich den Stresstest noch durchhalten werde. Ehrlich gesagt habe ich mich ganz schön runtergewirtschaftet. Bleibt nur zu hoffen, dass die Götter in grau – insbesondere Doktor Merkozy - rechtzeitig eine Kur für mich aus der Tasche zaubern. Sonst sehen die Zukunftsszenarien düster aus.

Was sind ihre Erwartungen an die University of Love?

Ich fühle mich ungeliebt. Bin immer das fünfte Rad am Wagen. Wenn Entscheidungen getroffen werden, ignorieren mich die Alphamännchen und –weibchen. Am Ende setzen die Anderen ihren Kopf durch – und ich bekomme negative Publicity. Davon habe ich die Nase gestrichen voll. Ich würde manchmal einfach gern auf den Tisch hauen und sagen: ‚Hey, ich bin auch da! Nehmt mich endlich ernst‘. Aber Herzensdinge lassen sich leider nicht erzwingen. Ich will mehr Irrationales in der Liebe, eine übernatürliche Portion Leidenschaft – und nicht, dass immer alle nur auf mein Konto spähen. Arnon Grünberg, sie selbst sagten mir, dass ich den Graben zwischen Realität und Illusion nur dann überwinden kann, wenn ich “mir meiner Vergangenheit bewusst bin”. Das bin ich, glauben Sie mir. Große Männer haben mir damals ihre Zuneigung gegeben, ohne zu wissen, auf was sie sich da einließen. Aber heute geht alles drunter und drüber; und jeder denkt nur noch an das eigene Portemonnaie. Ich allerdings möchte mitreißen, Köpfe verdrehen, Leidenschaft entfachen. Kann man so etwas lernen?

Lügen Sie mehr über Geld oder Sex?

Das nimmt sich nicht viel. “Lügen und Geld sind wichtige Aspekte der Liebe”, Sie sagen es ja selbst. Wenn ich auf das letzte Jahr zurückblicke, gab es bei uns im Hause alles, was das Herz begehrt: Einen französischen (inoffiziellen) Präsidentschaftskandidaten, der im New Yorker Sofitel bei einem Techtelmechtel erwischt wurde, das ihn schlussendlich seine Karriere gekostet hat. Und die Krönung? Seine Gattin wurde in Frankreich für ihr Durchhaltevermögen gerade zur Frau des Jahres 2011 gekürt. Einen italienischen Staatschef, der es mit den Liebeleien am Ende so übertrieben hat, dass er darüber hinaus die Finanzen vergaß und sich aus seinem Amt verabschieden musste. Und einen deutschen Politiker, der eine Beziehung zu einer 16-jährigen Teenagerin pflegte: Von „ungewöhnlicher Liebe“ hatte er gesprochen und sogar ein paar Tränen vergossen. Ich persönlich neige eher zu kleinen Notlügen über den Geldbeutel…

Oder lügen Sie nie?

Ich gönne mir ab und zu die ein oder andere Notlüge. So wie die anderen auch. Zum Beispiel gebe ich vor, dass die Leute bei mir frei ein und ausgehen können – und dann schiebe ich am Ende doch den Riegel vor. Ich kriege nie die Lippen auseinander, wenn es um die ganz großen Dinge geht. Oft fühle ich mich wie eine Marionette. Eine Art Selbstbetrug…

Leider wird Europa diesen Kurs in Sachen Liebe nie belegen können, denn die University of Love hat, so teilt uns der Gründer mit, den Geist aufgegeben und ihre Aktivitäten eingestellt. Grünberg schließt aber nicht aus, dass die University of Love in Zukunft irgendwann wieder öffnet, "sollte sich der passende Mitarbeiter finden". Vielleicht war es aber einfach eine zu absurde Idee, für das Erlernen der Liebe Bares hinblättern zu müssen. Denn nach Beantwortung der fünf Fragen, kommt zunächst der Kostenvoranschlag für die Liebeskur ins Haus. Arnon Grünberg selbst erklärt uns die Philosophie des Hauses: „Geld vereint. Liebe spaltet. Würde die Liebe vereinen, gäbe es die Monogamie nicht.“ Wir dachten eigentlich, es wäre anders herum… Aber vielleicht braucht Europa schlussendlich gar nicht so viel Liebe. Das zumindest glaubt der deutsche Autor Thomas Brussig: „Europa kann Herzenssache sein. Aber es funktioniert zum Glück auch so.”

(Danke an Federico Iarlori)

Illustrationen: Homepage Peace and Love 2011 (cc)Eddi van W./flickr; Im Text: Royal Wedding (cc)dinoboy/flickr; University of Love ©universityoflove.com; Alte Schachtel (cc)Richard McSundy/flickr; Geld oder Liebe (cc)bluewinx15(BACK)/flickr