Gesellschaft

Europa-Konzentrat im Herzen Sevillas

Artikel veröffentlicht am 18. September 2008
Artikel veröffentlicht am 18. September 2008
Chinesen, Armenier, Zigeuner und Einheimische: Die Europa-Flaniermeile im Süden Sevillas ist Multi-Kulti pur. Aber auch hier ist - wie auch damals - nicht alles Gold, was glänzt.

Wenige sind es, die Mitte Juli um 18 Uhr der aus Afrika kommenden Hitze trotzen, die sich wie eine Welle über die Stadt legt. Die meisten Sevillaner nutzen zu diesem Zeitpunkt die letzten Minuten ihrer Siesta.

©Ángeles González del CorralIst es normalerweise das Geschrei von Schülern, das tagein tagaus die europäische Flaniermeile Sevillas im Stadtteil „Los Bermejales“ mit Leben füllt, so ist es in den Sommermonaten das Gezirpe der Zikaden, das durch die „Avenida Alemania“ (Deutschland), „Avenida Francia“ (Frankreich) und die Straßen „Estrasburgo“ (Straßburg) und „Berlin“ zu hören ist.

Wir befinden uns in einem Viertel, das zum größten Teil von jungen Familien bewohnt wird. Damals in den 9190er Jahren haben sie hier eine erschwingliche Möglichkeit gefunden, in einer ruhigen Zone, aber dennoch inmitten der Stadt ein Zuhause zu finden.

Yaos Chinesen-Bazar

Der Kleinhandel auf der Europa-Flaniermeile breitet sich aus. Er haucht ihr Leben ein und bietet den Nachbarn all das, was sie täglich brauchen: Da ist ein Obstladen, ein Fleischer, eine Bäckerei und - so wie jeder Stadtteil eine hat - die Supermarktkette.

Und natürlich gibt es den chinesischen Bazar, der in den letzten Jahren immer größer wird und dadurch mit dem traditionellen Handel der Stadt auf Kriegsfuß steht. Yao, der Eigentümer eines Geschäftes am Bazar, lebt nun schon viele Jahre in dem Viertel und sagt, die Nachbarn hier seien „freundliche und nette Kunden“.

©Ana Soriano EscuderoPilar, die mit einem breiten Lächeln im Gesicht ein Croissant verkauft, zuckt mit den Achseln auf die Frage, warum die Straßen des Viertels mit den Namen europäischer Städte und Länder getauft wurden: „Bolonia“ (Bologna), „Londres“ (London), „Grecia“ (Griechenland) und „Paris“. Sie mache sich nicht viele Gedanken darüber. Und unter all den Europa-Verweisen entdecken wir kurz darauf das „Café Armenia“ - ein wahrhaftig kaukasisches Eiland, das die Nostalgie der Eigentümer-Familie zu ihrem Heimatland versprüht. Zu Tapas-Variationen wie „Nieren mit Sherry“ und einem kalten Bier kann man zahlreiche Fotos aus Armenien bestaunen.

Zigeuner und Einheimische: Gemeinsam, aber dennoch getrennt

Gar nicht weit ab der Europa-Flaniermeile lässt sich die Geschichte dieses sehenswerten Viertels erkunden. Im Jahr 1985 wurden die Zigeuner-Familien von der Stadtverwaltung in ein- bis zweistöckige „Schutzhäuser“ übersiedelt. Diese Familien haben zuvor in Baracken jahrzehntelang das Stadtviertel „Elcano“ besetzt. Dieses Viertel wurde ursprünglich, Mitte des 20. Jahrhunderts für die Arbeiter der Werften errichtet.

©Ángeles González del CorralTrotzdem aber konnte sich das Phänomen der Baracken-Besetzungen bis in das Jahr 2004 halten, als die Stadtverwaltung die letzten Familien in strittigen Aktionen übersiedelte. So gab es sie lange Zeit Tür an Tür - die Luxuswohnungen mit ihren Gärten und Swimmingpools und die Barackenwohnungen.

Der Alltag zwischen den Zigeunern und den anderen Ansässigen ist zwar nicht konfliktgeladen, aber auch keinesfalls ausgeglichen. Für Maria, eine Nachbarin aus der Straße „Estrasburgo“ ist das Zusammenleben etwas, worüber zwar viel gesprochen wird: „Aber in Wirklichkeit passiert nichts, weil sich die Zigeuner einfach nicht integrieren wollen.“ Ohne Hemmungen spricht Maria über das Problem des Zusammenlebens - ganz so, wie das die meisten ihrer Nachbarn auch tun, die sich mit der Stadtverwaltung eine Schlacht geliefert haben, um den Bau einer Moschee in ihrem Viertel zu verhindern. „Zu wenig Sicherheit, zu wenig Polizei - es mangelt einfach an zu vielem“.

Warten auf die U-Bahn

©Nieblaashx/flickrSevilla mit dem Auto zu befahren, ist zurzeit noch am einfachsten. Vor einigen Monaten kam das „Carril-Bici“ in die Stadt und in einigen Jahren soll die U-Bahn Einzug finden, die die Verbindung mit dem Stadtkern erheblich verbessern soll. Denn momentan ist man hier nur sehr langsam unterwegs, wenn der Autobus scheinbar überall stehen bleibt. Dennoch bietet der Bus eine herrliche Aussicht auf die Gebäude aus dem Jahr 1929, die anlässlich der Iberoamerikanischen Ausstellung gebaut wurden.

Seltsamerweise geht die Frage um den Bau der Moschee, die von der Stadtverwaltung verweigert wurde, nun auf einem ganz anderen, in der Nähe der „Avenida Europa“ gelegenen öffentlichen Grundstück weiter: Ein Gebiet, das im Jahr 1992 die Weltausstellung beheimatete. Es sind schon komische Parallelen, die der Zufall mit sich bringt.