Gesellschaft

EU-Bürger fahren in Polen nicht schwarz!

Artikel veröffentlicht am 24. März 2009
Artikel veröffentlicht am 24. März 2009
Eine Debatte über Europarecht führt zu eine zufälligen Treffen mit einem Tschetschenen auf dem Weg nach Warschau. Bahn-Gespräche im Osten.

Ich war den Tränen nahe, als der Schaffner letztendlich entschied, mich nicht mit einer Geldstrafe zu belegen. Ein Mann in den Vierzigern am Nebentisch trank gerade schätzungsweise das fünfte Bier seit der Abfahrt aus dem Danziger Bahnhof um 9 Uhr 25. Er schaute mich immer unverfrorener an. Ich schrie mit immer lauterer Stimme. Es war um die Mittagszeit. „Ich werde den Bußgeldbescheid nicht unterschreiben. Ich bin EU-Bürgerin und als solche bekomme ich die studentische Fahrpreisermäßigung. Das ist eine verdammte Diskriminierung“, sagte ich. „Europäisches Recht gilt vor polnischem Recht! Hier, ich habe den EU-Vertrag vor mir.“

©dogonthesidewalk/flickr„Ist mir egal“, erwiderte der Schaffner. Er und sein Assistent akzeptierten weder die ISIC-Karte (internationaler Studentenausweis), noch den Ausweis des College of Europe noch meinen polnischen Pass als legalen Beweis, dass ich Studentin bin. Heutzutage haben wohl drei Dokumente gar nichts zu sagen. Der Assistent war schon dabei, den Bußgeldbescheid auszufüllen.

Ich wiederholte nochmals, dass ich nicht unterschreibe würde, und der Schaffner drohte mir damit, am nächsten Bahnhof Sicherheitspersonal anzufordern. Sogar der Kellner mischte sich daraufhin ein. Wir saßen im Speisewagen. „Fräulein, jetzt nehmen Sie den Wisch schon und beschweren Sie sich, wenn wir angekommen sind. Sie werden ihnen das Bußgeld zurückzahlen und Ihnen sogar eine Freifahrkarte geben, wenn Sie erklären, was passiert ist.“

Ja, wann denn dann? Zwischen zwei Examen? Um Mitternacht? Als ob ich die Zeit hätte, fünf Stunden zu warten, um mit dem Kundenservice der PKP (Polnische Staatsbahn) zu plaudern. Sowieso würde man mich abwimmeln. „Gut“, sagte ich, „aber ich will Ihre beiden Namen und ich schwöre Ihnen, ich bringe Sie vor Gericht. Sie werden wieder von mir hören.“ „Ok, ok, keine Strafe, es ist ok.” Sie sagten nicht einmal: „Passen Sie auf, dass Sie nächstes mal den richtigen Ausweis dabei haben“. Dank Prof. Dr. Biondi, meinem Professor für Europarecht am College of Europe, blieb mir die Bahn-Bürokratie am Ende erspart.

Der Keller beugte sich zu mir: „ Der Herr da drüben ist aus Tschetschenien. Er sagt, wenn Sie finanzielle Probleme hätten, würde er Ihnen Geld leihen. Wenn Sie hungrig sind, kauft er Ihnen etwas zu essen.“ „Ich habe keine Probleme“, sagte ich. Ich schaute den Mann an, der jetzt sein sechstes Bier trank uns sagte „Bolshoi spasiba. U mienia probliema niet.” [Vielen Dank. Ich habe kein Problem]. Ich hatte ihn vorher Russisch sprechen hören. Der Tschetschene lächelte, ließ das halbvolle Bier auf dem Tisch stehen, ging dann in Richtung Theke und verließ den Waggon. Der Kellner brachte mir ein Tablett mit Chips, Schokolade und Saft. Ich war so gerührt, dankte dem Kellner und bat ihm, dem Mann zu danken.

Wenn die nationalen Transportsysteme in Europa harmonisiert wären, wären wir alle glücklicher.

Der Assistent des Schaffners kommt zurück, kaum älter als Mitte 20.

Assistent: ‘Alles in Ordnung, Fräulein?’

Ich: „Es tut mir leid, dass ich vorher so überreagiert habe. Ich wollte nicht unhöflich sein.“

Assistent: “Ich habe bemerkt, dass Sie müde und gestresst waren. Wir sind aber nicht alle ungerechte Schaffner”.

(Austausch von Höflichkeiten und Banalitäten.)

Ich: ‘Wenn die nationalen Transportsysteme in Europa harmonisiert wären, wären wir alle glücklicher. Die Deutsche Bahn ist so viel organisierter. Stellen Sie sich vor, überall in Europa würde das Bahnsystem gleichermaßen funktionieren. Dann hätten Sie bessere Arbeitsbedingungen.“

Assistent: ‘Die DB ist viel besser als die PKP."

Ich: “Und vergessen Sie nicht, bei den nächsten Europawahlen wählen zu gehen!”

Assistent: “ Wenn Sie Kandidatin wären, würde ich Sie wählen.”

Der Tschetschene lud mich zum Kaffee ein, als der Assistent weg war. Hassan aus Grozny redete ziemlich viel. Anscheinend war er Schriftsteller. Er hatte frische Verletzungen an der Stirn und fettiges Haar, aber saubere Hosen, Schuhe und Fingernägel. Er war auf dem Weg nach Warschau, wo er in einem Gasthaus übernachten wollte. Er zeigte mir ein Video von einem bewaffneten Mann auf seinem Mobiltelefon. „Sie wurde erschossen.“ Ich sagte ihm, ich sei Journalistin. Er wollte sich wieder mit mir treffen und mir über die Welt erzählen. Erst zögerte ich, aber er war nicht aufdringlich und so nahm ich seine Telefonnummer.

„Wenn wir uns treffen, dann trinken wir Tee. Wenn Sie so viel Bier trinken, kann ich mich nicht mir Ihnen treffen.“ „OK, kein Wodka.“ „Und kein Bier.“ Wir lächelten beide. Er sei jetzt müde, aber wenn er zur Ruhe käme, würde er alles aufschreiben. Er würde mir alles erzählen, über die Welt, über den Frieden. Wir verabschiedeten uns im Bahnhof und seine Augen glühten aufgrund des Alkohols. Vielleicht werde ich Hassan wieder treffen. Ich hoffe, dass in seinem Land aber vorher der Frieden einkehrt.