Gesellschaft

Erziehung per Knopfdruck

Artikel veröffentlicht am 10. Oktober 2007
Artikel veröffentlicht am 10. Oktober 2007
Europaweit explodieren die Zuschauerzahlen von so genannten Emotainment-Formaten, die sich dem Alltag des Durchschnittsmenschen widmen.

Conny und ihre fünf Kinder wurden in der Vergangenheit von keinem Schicksalsschlag verschont. Die Familie ist finanziell und nervlich am Ende. Deshalb düsen Moderatorin Vera Int-Veen und ihre "Helfer mit Herz" im Wohnmobil heran, mobilisieren die Nachbarschaft und bieten der Familie am Ende ein rundum aufpoliertes Leben. Tine Wittler, Moderatorin der Sendung "Einsatz in 4 Wänden", verschönt die Räumlichkeiten einer bayrischen Familie und bringt so Gemütlichkeit in den einstigen Wohnalbtraum. Das "Mein Garten"-Team, botanisches Pendant zu Tine Wittler, verwandelt bundesdeutsche Gärten in Wellnessoasen. Die Supernanny nimmt sich der siebenjährigen Shirin an, die seit einem halben Jahr nur noch sporadisch zur Schule geht und ihre Mutter und Geschwister terrorisiert.

Das deutsche Fernsehen wird von einem Helfersyndrom heimgesucht, das vor keinem Thema halt macht. Keine Emotion, die sich nicht medial aufbereiten ließe. Die Welle der Emotainment-Formate ist aber nicht auf Deutschland beschränkt, sondern flutet auch die TV-Landschaften anderer europäischer Staaten. In Frankreich dekoriert Valerie Damidot die Häuser ihrer Landsmänner neu und in Großbritannien sendet BBC Prime "Model Gardens" und "Diet Trails". Am weitesten verbreitet ist das Phänomen Supernanny. Während Katja Saalfranck in Deutschland Erziehungsarbeit leistet (RTL), tun ihr in Großbritannien (Channel 4) und in den USA (ABC) Jo Frost, in Frankreich "Cathy" (M6) und in den Niederlanden Esther ten Brink (RTL4) gleich. Auch der Schweizer Sender 3+ ist dabei, Familien zu casten.

Laut Andrea Nolte vom Institut für Medienwissenschaften der Universität Paderborn wurden Dokus früher zur Wissensvermittlung ausgestrahlt, währenddessen sich der Zuschauer des neuen Jahrtausends mit einer light-Version zufrieden geben muss, die, so Nolte, einem "Vorher-Nachher-Prinzip" folgt. Was aber auf die zu verschönernden Wohnungen und Vorgärten zutrifft, sollte auch für die Vorlieben des Publikums gelten: Erlaubt ist, was gefällt.

Die Supernanny - Mary Poppins des 21. Jahrhunderts?

Besonders in Kritik geraten ist die Supernanny, da sie am lebenden Objekt "Kind" arbeitet. Eine ausgebildete Pädagogin hilft Familien, deren Probleme so enorm sind, dass sie keinen normalen Familienalltag bewältigen können. Sie wohnt im Haus, analysiert das Zusammenleben, bietet Lösungen in Form von klar abgesprochenen Regeln und Strukturen. Es ist offensichtlich, dass man die Zuschauer am besten mit Problemfamilien lockt, bei denen es um mehr als nur den üblichen Streit um das Aufräumen oder die Hausaufgaben geht. Folglich werden Haushalte präsentiert, in denen allenfalls schreiend kommuniziert wird. Die Eltern wirken meist ähnlich überfordert wie ihre Kinder. Dieser intime Einblick in das Alltagsleben von "Unterschicht"-Familien hat in der Kritik den Begriff des Voyeur-TVs geprägt - Gaffen in der sicheren Anonymität der eigenen vier Wände.

In seiner Studie "Supernannys und ihr Publikum" (2006) vergleicht Dr. Jürgen Grimm vom Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der Wiener Universität die Nanny-Formate verschiedener Länder und befragte deren Zuschauer. Klischees zum Trotz fand er heraus, dass durchschnittlich junge Frauen unter 30 mit Kind der Sendung folgen, um sich in Erziehungsfragen beraten zu lassen. Somit entstehe eine Art offener Diskussionsraum für eine Klientel, die Erziehungsberatung durch offizielle Einrichtungen eher kritisch betrachtet. Grimm räumt förmlich mit dem stereotypen Bild des verdummten Zuschauers auf. Bewertung: positiv!

Oder nur Kuriositätenkabinett?

Zu einer anderen Einschätzung kommt jedoch der Deutsche Kinderschutzbund. In einer offiziellen Stellungnahme (2004) lobte er die Tatsache, dass Erziehungsfragen Raum gegeben wird, wies aber darauf hin, dass die Supernanny dem Anspruch "Erziehungsarbeit" zu leisten, nicht gerecht werde. Die Sendung untergrabe die Würde des beteiligten Kindes. Während der Dreharbeiten gebe es keine Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Außerdem würde nicht bedacht, welche Folgen die Ausstrahlung für das Kind habe, wenn Bezugspersonen aus dem direkten Umfeld wie etwa Nachbarn solch weit reichende Einblicke in das Familienleben erhalten. Auch die schemenhafte Darstellung wurde als unseriös bewertet - der Eindruck einer erfolgreichen Therapie entstünde hauptsächlich durch geschicktes Zusammenschneiden des Filmmaterials.

Genau dies sei, laut Andrea Nolte, die Krux der Sendung - der Zuschauer will primär unterhalten werden. Deshalb gleichen die Problemfamilien oft einem Kuriositätenkabinett: ihr Leben einer Art Fernseh-Geisterbahn. Nolte weist auf den engen Zeitplan der Nanny hin. Man könne in diesem Rahmen nur "uniforme Erziehungstipps" bieten. Diesen Vorwurf musste sich unter anderem auch die amerikanisch-britische Nanny-Kollegin Jo Frost gefallen lassen.

Was bleibt von diesem Wust an Verbesserungs-Sendungen? Allenfalls das beunruhigende Gefühl, dass man besser nicht weiß, wie es beim Nachbarn zugeht. Das Reality-Konzept "Erziehung über den Bildschirm" erscheint im Fazit jedoch vergleichsweise harmlos.