Gesellschaft

Erstsemester-Schikane: Integration um welchen Preis?

Artikel veröffentlicht am 25. November 2011
Artikel veröffentlicht am 25. November 2011
Die nicht immer ganz schmerzfreie Praxis der so genannten 'bizutages' - Initiationsriten für Erstsemester - gibt es in diversen Formen auf dem alten Kontinent. Besonders heftig waren aber die jüngsten Vorfälle aus Frankreich und Belgien.

Ob es sich nun um so genannte 'Taufen' (in Belgien), 'Integrationswochenenden' (in Frankreich) oder 'Frischlingswochen' (im Vereinigten Königreich und Irland) handelt, in zahlreichen europäischen Zirkeln führen diese Praktiken zu kontroversen Debatten. Die Gegner dieser Art von Initiationsriten sind zahlreich. Auf der anderen Seite werden aber auch oft die vielfältigen Verdienste dieser Riten gerühmt, zum Beispiel die Weitergabe von Werten und Traditionen innerhalb der Universitäten. Trotz der verschiedenen Bezeichnungen, hat die Mehrheit dieser Initiativen eines gemeinsam: die offen bekundete Absicht der Organisatoren die neuen Mitglieder ins akademische Milieu zu integrieren.

Jedes der betroffenen Länder hat mehr oder weniger offene Maßnahmen zur Einschränkung solcher studentischen Aktivitäten auf den Weg gebracht. Das Ziel besteht darin, die Entgleisungen (physische oder moralische Erniedrigung; exzessiver Alkoholkonsum oder gefährliche sexuelle Riten) zu verhindern und die Aktivitäten wieder auf ihre ursprüngliche Rolle hin zu konzentrieren: die Integration.

Verbieten oder tolerieren?

Die in Frankreich1998 verabschiedeten Maßnahmen gegen die bizutage-Praxis waren radikal. Per Gesetz wurden die "Schikanen", denen Erstsemester ausgesetzt waren, schlicht und einfach verboten. Dennoch häuften sich infolgedessen Stimmen, welche die Strenge des Verbots bemängelten. Ein Vorfall der jüngsten Zeit ruft an gewissen Abenden oder "Integrationswochenenden" an französischen Hochschulen und Universitäten die Aggressionen wieder hervor, die durch das Gesetz eigentlich bekämpft werden sollten.

Am 5. November hatte ein Ersti der Universität Paris-Dauphine Klage eingereicht. Die Schikane bestand in einem "Blutbrief" (dem Student wurde der Verbindungsname "Japad" mit Hilfe eines Kronkorkens auf seinen Allerwertesten graviert; A.d.R.). Der Tatbestand hatte den sofortigen Verweis der Gruppe vom Campus zur Folge. Einige Wochen zuvor machte eine Gruppe von Berufsschülern (IGS) von sich reden, die derartige "Integrationswochenenden" endgültig aus den Räumlichkeiten ihrer Schule verbannte. Diese aktuellen Vorkommnisse illustrieren das Unbehagen, das diese Art der der Erstsemestertaufe meistens hervorruft.

In Belgien sind die "Taufen" der Studenten gesetzlich nicht verboten, weil man ein eventuelles Abrutschen solcher Praktiken in den Untergrund befürchtet. Das würde die Dinge noch schwieriger machen, als sie sowieso schon sind. Konsequenterweise hat man die Leitenden der Universitäten beauftragt, gefährdete Studentenzirkel einzugrenzen, um jegliches Ausufern unerwünschter Aktivitäten zu verhindern. Doch obwohl die Verordnungen umgesetzt wurden, machten Missbräuche in jüngster Zeit in der belgischen Presse Schlagzeilen.

Im Oktober 2010 schockierte das Alkoholkoma einer Studentin der katholischen Universität von Löwen (UCL) zahlreiche Belgier. Die junge Frau hatte mehr als 50 Flaschen Bier im Verlauf eines Saufwettbewerbes geleert. Die "reine des bleuettes" (Königen der 'Blauen'; in Belgien werden Bewerber für eine Studentenverbindung als 'bleus' bezeichnet; A.d.R.), die Alkoholwerte von 3,14 Gramm im Blut aufwies, fiel kurz nachdem sie ihren Titel entgegengenommen hatte ins Koma. Obwohl das belgische Recht das Aushändigen von Alkohol an bereits betrunkene Personen untersagt, wurden die Verantwortlichen des Studentenzirkels nicht verurteilt. Aber den Sanktionen der Universitätsleitung entkamen sie nicht: Die Aktion hatte die temporäre Schließung des Studentenzirkels und einen 'obligatorischen Sprechkreis' für alle Beteiligten zur Folge.

Nichtsdestotrotz wiederholen sich derartige Vorkommnisse. Die "Taufen" in belgischen Universitäten sind längst nicht ausgestorben. Und die Mitglieder der fragwürdigen Kreise bestehen auf den gemeinschaftlichen Nutzen ihrer Initiationsriten: Es sei wichtig, die neuen Rekruten zu integrieren und abzuhärten. 

Im Inneren der "bleusailles"

An den belgischen Universitäten gibt es so genannte 'Taufkommittes', die Studenten gelegentlich Einblick in diverse Bewährungsproben der "Jungblauen", unter Aufsicht von Organisationsmitgliedern - den 'comitards' [Vollmitglied einer Organisation] - gewähren. Jeder Beobachter durchschaut das Spiel des Dominierens (manchmal von verbaler Gewalt begleitet) sofort. Dieses Rollenspiel geschieht mit offenkundiger Zustimmung beider Parteien.

Die Verfechter der Mutproben bezeichnen diese lediglich als Spiel. Sie argumentieren damit, dass jede Person jederzeit aus dem Spiel aussteigen könne, sollte sie sich gedemütigt fühlen. Allgemein zielen die verschiedenen Bewährungsproben, die Erstsemester während der "blauen Wochen" durchzustehen haben, darauf ab, Solidarität zu stiften.

Die Debatten zwischen Gegnern und Anhängern der 'Taufen' (und ähnlicher Integrationsaktivitäten auf europäischer Ebene) machen klar, dass hier zwei sehr verschiedene - wenn nicht sogar komplett unversöhnliche - Visionen der Integration von Neuankömmlingen in das akademische Hochschulmilieu aufeinanderprallen.

Illustrationen: Homepage: (cc)Donzor photography/flickr; Text: Alkoholexzess (cc)paulgalipeau.com/flickr ; Mutproben (cc)arslan/flickr; Video: (cc)julienfr78/YouTube