Gesellschaft

Erasmus: Sehnsucht nach Schwarzbrot in Straßburg

Artikel veröffentlicht am 13. Juli 2012
Artikel veröffentlicht am 13. Juli 2012
Derzeit studieren 15 Prozent der Deutschen im Ausland, eine Zahl die sich seit der Jahrtausendwende verdoppelt hat. In Straßburg fühlen sie sich besonders wohl, mal abgesehen von kleineren Kulturschocks.

Am Gare Central in Straßburg steige ich endlich aus dem Schwitzkasten des Nachtzuges aus Berlin aus. Ich bin gespannt. Nach Arbeitsaufenthalten in Wien und Berlin habe ich mit den Vorurteilen gegenüber Deutschen und Österreichern eigentlich aufgeräumt. Aber da ich in England aufgewachsen bin, ist mir die Germanophobie nicht fremd. 

Die Geisterstadt – das wahre Frankreich?

Um den Elsass wurde in Deutschland und Frankreich lange gestritten. Allein im letzten Jahrhundert wurde die Region viermal belagert. Das Elsässische ist ein deutscher Dialekt, ähnlich dem Schweizerdeutsch. Längst hat es seinen Weg nach Frankreich gefunden. Ich klopfe an die Türen der Universität. Vergeblich gehe ich Hinweisen in gebrochenem Französisch nach. Vor kurzem fanden die Abschlussprüfungen statt und die Universität Straßburg gleicht einer Geisterstadt. Nur die Ablagefächer der Dozenten sind noch gefüllt.

Am späten Vormittag in einem kleinen Café mitten im Zentrum treffe ich Elise. Beispielhaft verkörpert sie den Geist der europäischen Hauptstadt. Sie ist in Frankfurt geboren, ihre Mutter ist Französin und ihr Vater Deutscher. Auch in ihrer Ausbildung versuchte Elise, die zweisprachig aufwuchs, beide Länder zu verknüpfen. „Ich fühle mich als Franco-Allemande“, witzelt sie. "Das ist wie eine neue Nationalität, für die es kein Land gibt. Meine Eltern kommen nicht von hier. Aber Menschen wie ich fühlen sich hier sehr wohl. Straßburg ist eine französisch-deutsche Stadt.“

Elise absolviert ihr Masterstudium sowohl in Frankfurt als auch in Straßburg. In beiden Universitäten wird sie von einen Studienberater begleitet. In ihren Augen seien die EU-Institutionen der entscheidende Faktor für deutsche Studenten, sich in Straßburg niederzulassen. All jene, die jedoch das „wahre“ Frankreich kennen lernen wollten, sollten Straßburg lieber fernbleiben. Es scheint große Qualitätsunterschiede in ganz Frankreich zu geben. Und ganz allgemein gilt: alle Wege führen nach Paris.

In Deutschland scheinen die Unterschiede in puncto Elite-Universitätsabschlüsse weniger frappierend. So etwas wie den Term "Oxbridge", der die Studenten der beiden besten Universitäten Oxford und Cambridge bezeichnet, gibt es auf deutscher Seite nicht. „Im Allgemeinen spielt es keine Rolle, wo du deinen Abschluss machst,“ sagt Elise. Auch wenn sie glücklich ist, in Frankreich zu studieren, wird Elise für ihren ersten Job wohl nach Deutschland zurückkehren, erklärt sie.

Passender Kurzaufenthalt

In ihrer WG im Viertel Petite-France fühle sie sich gut integriert, sagt Franziska aus Leipzig. Sie absolviert ihren Master in Europastudien in Straßburg und gesteht, dass das Leben an einem deutsch-französischen Hotspot für Touristen auch irritierend sein kann. Mit ihren französischen und deutschen Mitbewohnern versucht sie zwar Französisch zu sprechen, wann immer sie kann. Doch sie gibt zu: „Es ist schwerer, als ich dachte. Meine spanischen Freunde bleiben meist zusammen. Es ist schwer, Französisch mit ihnen zu sprechen.“ Was die Universitäten angeht, so bestätigt sie das allgemeine Bild: „Die Strukturen in Frankreich sind nicht so gut. Der Unterricht ist wesentlich autoritärer und es gibt weniger Gruppenarbeit.“

 “Ich vermisse die Subkultur“

“Das Erasmus-Nachtleben ist zunächst ganz nett. Aber es wiederholt sich. Manchmal willst du einfach mal wieder was anderes als Käse oder den französischen DJ David Guetta.“ Nach zwei Jahren in den Niederlanden, kam auch Andres im Rahmen seines Doktorstudiums nach Straßburg. Er hatte bereits drei Jahre lang Französisch gepaukt. Doch die Sprache bleibe für ihn bis heute ein unaufhörlicher Kampf. Seine Abstracts schreibe er nach wie vor auf Englisch, erzählt er. Von Straßburg bis nach Dresden, in seine ostdeutsche Heimat, ist es weit. „Ich vermisse Schwarzbrot“, lacht er, “kleine spezifische Dinge eben. Viele Freunde würde ich gerne öfters besuchen. Nur wenn du ins Ausland gehst, merkst du was von deiner eignen Kultur in dir steckt.“

Erasmusstudentin in StraßburgFür Franziska ist Straßburg ein ausgezeichneter Kurzaufenthalt, der ihr Sommerpraktikum beim französisch-deutschen Fernsehsender ARTE verlängert. Aber sie gibt zu, mit einem längeren Aufenthalt hätte sie Probleme. Bars sind hier unheimlich teuer und am Abend fahren kaum öffentliche Verkehrsmittel. Die Erasmusstudentin Laura widerspricht Franziskas Philosophie der ungezwungenen Integration. „Es ist wirklich teuer hier“, beklagt sie sich. Sie kommt aus Frankfurt und versucht sich aktiv von Deutschen fernzuhalten. Zusammen mit einem Italiener und einem Belgier wohnt sie in einer kleinen Wohnung in der Nähe des Ruderklubs. Auch wenn sie den deutschen Einfluss in Straßburg spürt, fühle sie sich mehr und mehr Französisch, seitdem sie in die Kultur abgetaucht sei. Erst vor zwei Tagen legte sie ihre Prüfungen ab und macht jetzt ein Praktikum in Kehl.

Kehl liegt nur 15 Minuten mit dem Fahrrad hinter der Grenze. Es ist so nah, dass viele preisbewusste Studenten ihre Einkäufe dort erledigen. Mit einer Generation, die ohne Grenzkontrollen, einer gemeinsamen Währung und einer exzellenten Infrastruktur zwischen beiden Städten aufwächst, liegen gute deutsch-französische Beziehungen doch eigentlich auf der Hand. Aber bei einer Minderheit sind die Wunden der Vergangenheit noch da. Michel kennt auf beiden Seiten der Grenze Menschen, die aus allen möglichen Vorurteilen heraus die Grenze nie überqueren würden. In seinen Augen würde dies aber mit der älteren Generation aussterben. Wechsel und Kompromiss sind in Straßburg tief verwurzelt. Die Menschen haben sich akklimatisiert.

„Franzosen seien besser angezogen „und „genießen das Leben“. Die Deutschen schwelgen in Erinnerungen an „das alte Vaterland“. Am späten Abend nehme ich den Zug zurück nach Berlin. „Ich denke nicht, dass es einen großen Unterschied zwischen Deutschen und Franzosen gibt“, sagt Andre mir beim Einstieg. “Ein wenig Rebellion gibt es überall. Vielleicht gehen sie eher auf die Straße in Frankreich.“ Sicherlich ist in Straßburg ein gewisses „je ne sais quoi“ zu spüren. Es erinnert mich an meine Heimatstadt Cambridge. Beide sind Universitätsstädte mit einer reichen Geschichte und Kultur, aber mit zu wenigen städtischen Annehmlichkeiten.

Dieser Artikel ist Teil unserer Reihe 2011/ 12 ‘Multikulti on the ground‘, unterstützt von der Europäischen Kommission.

Illustrationen: Teaserbild (cc) andrius ulk; Im Text: Campus (cc)François Schnell/flickr; Klassenraum ©David Ellis