Gesellschaft

Erasmus Orgasmus

Artikel veröffentlicht am 8. Mai 2008
Artikel veröffentlicht am 8. Mai 2008
Zwischen Deutschland und Spanien. Und in Großbritannien? - Ein Rückblick auf 21 Jahre europäischen Studentenaustausch.

Das Erasmus-Programm wurde 1987 mit dem Ziel gegründet, die Mobilität der Studenten in der Europäischen Gemeinschaft zu verbessern. Dieses Ziel wurde klar erreicht: heute nehmen über 90 Prozent aller europäischen Universitäten teil und sind 1,5 Millionen Studenten dem Sirenenruf des Programms gefolgt.

Reiseziel Nummer 1: Spanien

Von allen möglichen Zielen, die das Erasmus Programm zu bieten hat, ist Spanien das beliebteste unter den Studenten. 2006 kamen 26.600 Austauschstudenten ins Land, fast 20 Prozent mehr als nach Frankreich, das zweitbeliebteste Ziel. Spanische Universitäten nehmen deshalb jedes Jahr die meisten Erasmusstudenten auf, wobei Spanien zu den wenigen Ländern in Europa gehört, die jedes Jahr mehr Austauschstudenten aufnehmen als entsenden. Dabei ist Spanien erst in den letzten fünf Jahren so populär geworden. Im Jahr 2000 hatte es nur den dritten Platz unter den beliebtesten Zielen hinter Frankreich und Großbritannien belegt. Woher kommt diese Beliebtheit? Viele behaupten, dass der Film L'Auberge Espagnole von Cedric Klapisch, der 2002 gedreht wurde, einen großen Beitrag zu Spaniens Popularität unter den Studenten geführt hat.

Aude Verbreke, eine belgische Erasmus Studentin in Spanien, glaubt, dass vor allem Spaniens Ruf als 'Partymeile' ausschlaggebend für die Wahl des Reisezieles sei. "Für die meisten Leute ist Spanien der Inbegriff von Parties und Sonne. Einige der Studenten erwarten genau das von ihrem Erasmussemester. Mir wurde vorher gesagt, dass das Studium an spanischen Universitäten leicht sei und dass einem viel Freizeit bleibe. Ich musste allerdings mehr arbeiten als ich erwartet hatte." Die französische Erasmusstudentin Manuella Portier stimmt Aude zu, dass Spanien vor allem wegen des Klimas, der Sprache und natürlich der Möglichkeiten zum Feiern so beliebt sei. "Viele Studenten lernen Spanisch bereits an ihren Heimatunis und es ist leichter in ein Land zu gehen, dessen Sprache man schon beherrscht."

Nur wenige wollen auf die Insel

In der Tat ist das Erlernen von Sprachen einer der wichtigsten Bestandteile des Programms, die das Erasmus-Studentennetzwerk (ESN) auflistet. Deshalb ist es kein Wunder, dass weitere beliebte Ziele Frankreich, Deutschland, das Vereinigte Königreich und Italien sind - alles Länder, deren Sprachen viele Studenten perfektionieren wollen. Diese Länder begrüßen jedes Jahr jeweils 15.000 bis 20.000 neue Erasmusstudenten. Und die Zahl wächst stetig weiter.

Eine Ausnahme bildet allerdings Großbritannien: Immer weniger Studenten nehmen hier am Erasmusprogramm teil. Und auch die Zahl der Studenten, die ihr Austauschsemester dort verbringen wollen, schwindet. Es scheint, als ob Erasmus in Großbritannien langsam seine Popularität verliere. Abgesehen davon war die Anzahl der britischen Erasmusstudenten immer schon sehr gering. Von denen, die sich in den Austausch stürzten, verbrachten die meisten ihr Auslandssemester auf der anderen Seite des Kanals - in Frankreich.

Interessant ist auch die Beliebheit Deutschlands unter den Studenten aus Zentral- und Osteuropa, insbesondere bei den jungen Leuten aus Tschechien und Polen. Der Grund dafür ist, dass die meisten Deutsch als wichtige Sprache ansehen. Laut ESN betrachten osteuropäische Studenten das Erasmusstudium als ein Karrieresprungbrett.

Go East

Zurzeit ziehen neuere EU-Mitgliedstaaten wie Bulgarien und Rumänien noch am wenigsten Austauschstudenten an. Die meisten Länder traten dem Austauschprogramm erst gegen Ende der neunziger Jahre bei und hatten daher bisher nur wenig Zeit für seine Umsetzung. Doch es geht bergauf. Vor allem Tschechien und Polen werden immer beliebter bei den deutschen Studenten.

Auch Benjamin Feyen, Präsident von ESN Deutschland, spricht von einem Wandel: Abhängig von der Größe der Stadt und dem Ruf der Universität seien osteuropäische Länder - einschließlich ihrer Sprachen - immer beliebter bei den Deutschen. Seit der EU-Osterweiterung verlieren diese Länder zunehmend ihren Ruf als 'Ostblock'-Staaten. Aber es müsse zweifellos noch mehr getan werden, um ihre Beliebtheit auch in Zukunft zu steigern. Vielleicht würde eine Auberge Polonaise Abhilfe schaffen.