Gesellschaft

Erasmus in Grenoble: Nicht alles Gold, was glänzt

Artikel veröffentlicht am 5. Dezember 2008
Artikel veröffentlicht am 5. Dezember 2008
Was passiert den Erasmusstudenten, die eine Freundin haben? Oder deren Leber kein Starkbier mit 11,6 % Alkohol gewöhnt ist? Schaffen sie es auch? Die Geschichte eines Erasmusstudenten und dessen harter Landung in einer neuen Kultur - inklusive Pokerface.

©FrenchHope/flickrÜber das Erasmusstudium kursieren viele Gerüchte. Manche davon sind durchaus wahr, wie das der Sprachbarrieren. Andere Vorurteile, wie das der “Erleichterungen”, die manche Professoren ihren neuen und „geliebten“ ausländischen Studierenden einräumen würden, haben nichts mit der Realität zu tun. In den ersten Tagen triffst du auf eine Reihe versteinerter Mienen, zum Beispiel, wenn du auf der Bank ein Konto eröffnen oder einen Telefonvertrag abschließen willst und rein gar nichts verstehst, oder wenn Du zum Studierendenamt für Ausländer gehst und dein Learning Agreement bzw. deinen Studienvertrag abschließt und auch davon wieder keinen blassen Schimmer hast. Dann bringen dich eben diese Pokerfaces zur Weißglut. Ganz zu schweigen von der Tendenz, dich mit Leuten aus deinem Heimatland zusammenzurotten, dem finanziellen Balanceakt, mit 300 Euro im Monat auskommen zu müssen, oder dem Camembert, der auf der Fensterbank lagert, weil es im Studentenwohnheimzimmer keinen Kühlschrank gibt.

Du lernst, wie gefährlich es ist, nachts besoffen auf ein Fahrrad zu steigen.

Trotz alledem muss man anerkennen, dass ein Erasmusaufenthalt mehr Vor- als Nachteile mit sich bringt: das warme mütterliche Nest zu verlassen, selber kochen zu lernen und für die französischen Mitbewohner erstmals das Experiment einer Kartoffeltortilla zu wagen. Du lernst, wie gefährlich es ist, nachts besoffen auf ein Fahrrad zu steigen. Dir wird klar, wie viel dir bedeutet, was du in der Heimat zurückgelassen hast und erst jetzt bemerkst du, wie gut das Wetter dort immer ist, wie sehr du deine Freundin liebst und wie gut deine Mutter kocht. Gleichzeitig begeisterst du dich für all das, was dich in diesem neuen Land erwartet: ein anderer Menschenschlag, andere Musik und unbekannte Traditionen.

©J.F.B.Die härteste Lektion, die es zu lernen gilt, ist aber nicht eine Kartoffeltortilla zuzubereiten oder tout, tous und toutes grammatikalisch korrekt zu verwenden, sondern sich selber kennen zu lernen, das eigene Verhalten in einer ungewohnten Umgebung zu beobachten und zu lernen, sich nach den Lachsalven, den Partys und den Exterminator-Cocktails am Ende alleine in seinem Zimmer seinem ärgsten Feind zu stellen: sich selbst.

Wenn auch nicht alles Gold ist was glänzt, gräme dich nicht, lieber Erasmusstudent. Schließlich wirst du deine Eltern ab Juni 2009 nicht mehr um Geld bitten müssen, du wirst fließend Französisch sprechen und wenn du bis dahin nicht gelernt hast, eine Kartoffeltortilla perfekt zuzubereiten, keine Sorge - im Supermarkt gibt es auch dann noch Fertiggerichte.

Video: Der Erasmus-Selbstmord

In diesem Monolog geht es um die Geschichte eines etwas „ausgeflippten“ Eingeborenen, der sich in Almeria in Südspanien in eine deutsche Erasmusstudentin verliebt. Dieser wiederum gefällt der coole Beau der Uni, mit getuntem Wagen, versteht sich. In Trauer versunken stellt er sich vor, wie er ihr eine exklusive Reise angeboten hätte, an Orte, die eben nur die Einheimischen kennen. In seiner Fantasie hätte sie ihn im Gegenzug zu einem Besuch nach Deutschland eingeladen, wo das beste Bier in Strömen fließt. Am Ende treibt ihn seine Liebe zu einer Tat im Affekt: einem Mord. “Sowieso wusste ich schon vorher, dass es Selbstmord ist, mit Erasmus ins Ausland zu gehen“, lautet sein Schlusswort.

Der Verfasser studiert im Moment Spanische Philologie im französischen Grenoble im Rahmen des Erasmus-Programms.