Gesellschaft

Erasmus im Job: Internationale Firmenpendler reden Klartext

Artikel veröffentlicht am 14. Oktober 2009
Artikel veröffentlicht am 14. Oktober 2009
Das volontariat international (VI) gibt 18 bis 28-Jährigen die Möglichkeit, für 6 bis 24 Monate in einem Unternehmen oder einer Behörde im Ausland zu arbeiten. Ein Loblied der Rückkehrer.

Ein so genanntes VIE oder VIA (Volontariat International en Entreprise/ Administration = Internationales Freiwilligenprogramm für Unternehmen/ Behörden) zu ergattern kann für einige eine Mission Impossible darstellen. Da reicht es nicht immer einen Master absolviert, in mehreren Ländern im Ausland studiert und gearbeitet und über 200 erfolglose Bewerbungen verschickt zu haben. Für andere wiederum ist die Suche geradezu lächerlich einfach: Ein junger Absolvent sichert sich zwei Praktika und eine VIE-Stelle. Sein Kommilitone findet sein zukünftiges VIE “schlicht durch das Bewundern einiger Flugzeugbilder am EADS-Stand [Europas größter Luft-, Raumfahrt- und Rüstungskonzern]” - also durch puren Zufall.

Das Auswahlverfahren jedoch verläuft nicht unbedingt per Zufallsverfahren. Die Kluft zwischen der Anzahl an Bewerbungen und der Anzahl verfügbarer Stellen (2.000 Stellen auf 40.000 Bewerbungen pro Jahr) veranschaulicht sofort, wie gesättigt der VIE-Markt ist.

"Ich wollte eigentlich nach Asien oder in die USA, doch es kommt auf die Mission und nicht auf das Ziel an.”

Der Rat von VI-Veteranen? Effizient sein und die Unternehmen, die ihre Stellen oft online stellen, am besten direkt kontaktieren. Weiterhin sollte man vielseitige Erfahrungen sammeln, denn Arbeitgeber sind zunehmend an jungen Arbeitnehmern interessiert. Auch Abstriche sollte man ab und zu machen können, wie Celine Caulier zu berichten weiß. “Ich wollte eigentlich nach Asien oder in die USA”, erklärt die Absolventin. “Dann erweiterte ich meinen Horizont, indem ich mich auf die Mission und nicht auf das Ziel konzentrierte.”

Freundlich, darstellend, neugierig? In dem Theaterstück Cyrano de Bergerac von 1897, erklärt der Hauptdarsteller, warum seine lange Nase von Vorteil ist. In diesem Sinne folgt hier eine Liste, die aufzeigt, dass es trotz des abschreckenden Aufnahmeverfahrens viele positive Dinge über das VI zu sagen gibt:

Folkloristisch”, sagt François-Xavier, wenn er sich daran zurückerinnert, wie er alten Weisen Projektabläufe erklärte. “Der Vorsitzende des Dorfes fuhr mich zum Haus des Marabout (islamischer Heiliger) und betete dann für uns.”

Bizarr“, wenn man bedenkt, dass die Firma in Frankreich, in der man sein VI absolviert, das Programm gar nicht kennt, was Probleme mit der Buchhaltung hervorrufen kann.

Aufreibend”. Nach einigen Visaproblemen in Indien, entschied sich Roman Lemolgat dazu, sein Projekt aufzugeben. “Glücklicherweise versetzte das Unternehmen mich in die Niederlassung in China. Sie hatten bereits in Schulungen und Unterkunft für mich investiert. Außerdem war ich immer noch günstiger als ein Expat. Sie wollten auf jeden Fall vermeiden, dass ich zur Konkurrenz überlaufe.”

Irritierend”, sagt François-Xavier. “Das VI steht manchmal synonym für verantwortungslose Praktikanten. Ich war sehr enttäuscht von der Haltung der Gruppe. Sie erlaubten uns Freiwilligen nicht, in das senegalesische Hinterland zu fahren, nachdem ein Freiwilliger während eines VIE in Niger starb.”

Deprimierend.” Charlottes Manager wurde entlassen. Seitdem hat sie keinen neuen Vorgesetzten bekommen. “Ich habe auf die Situation hingewiesen, aber ohne Erfolg. Die anderen Freiwilligen finden die Antworten auf ihre Fragen oder Aufträge im Internet! Was mir also am meisten bei meinem VIE fehlt ist - die Arbeit”

Schockierend“. “Ein Gruppenleiter gab mir gegenüber zu, dass, sollte sich das Unternehmen ohne stichhaltigen Grund von einem VI trennen wollen - in unserem Vertrag gibt es einen Punkt zu grobem Fehlverhalten - dann könnten sie das auf sehr einfache Weise tun”, berichtet Dude.

Erfreulich“, wenn das Unternehmen alle Kosten für die Unterkunft übernimmt. “Wir erhalten viel Hilfe und juristischen Rat; es gibt eine Person, die für die Freiwilligen zuständig ist und sich um die Unterkunft für das Projekt kümmert”, fügt Yaëlle Pibouleu, die in Panamastationiert ist, hinzu.

Berauschend.” Während seines VIA durfte Aurélien Painchaud für Frankreich an einem Treffen des Europarates teilnehmen.

Was nehmen die Freiwilligen von der VI-Erfahrung mit?

Die Freiwilligen sind sich im Allgemeinen darin einig, dass ihnen die Erfahrung eine klarere und offenere Vorstellung ihrer beruflichen Karriere gegeben hat. François-Xavier hat erkannt, dass er nicht “dafür gemacht ist, in Afrika zu leben.” “Ich würde lieber in Lateinamerika arbeiten”, gibt er nach seinem Aufenthalt zu. VI-ler geben ihre Erfahrungen auch gern an die nâchste Generation weiter. “Bleib bescheiden”, “profitiere von diesem Karrieresprungbrett”, raten sie. “Wie mit allen Verträgen muss man sich über die Konditionen im Klaren sein”, sagt François-Xavier. Das Programm ist sich seines wachsenden Erfolges bewusst und wird Ende 2009 noch mehr an Bedeutung gewinnen. Es soll beispielsweise zukünftig in die französische Statistik junger Auszubildender aufgenommen werden. Also, Franzosen und Europäer, haltet euch ran!