Gesellschaft

Erasmus, 9-11, soziale Netzwerke: Die Ereignisse einer Generation, aber welcher?

Artikel veröffentlicht am 27. Januar 2011
Artikel veröffentlicht am 27. Januar 2011
Sie tippen schneller auf der Tastatur, als sie mit einem Stift schreiben können. Die Generation Einstein, Generation Google, Generation Y, eine weitere 'Verlorene Generation'… Sie zu beschreiben ist nicht einfach. Die jungen Leute zwischen 20 und 35 Jahren sind weltweit vernetzt und leben in einer Welt, die kaum noch etwas mit der ihrer Eltern gemein hat.
Analysten und die von der ständigen Ungewissheit Betroffenen diskutieren die zentralen Themen, um diese nur schwer greifbare  Generation verstehen zu können.

“Ähnlichkeiten mit ihren Eltern? Wenige. Ich würde eher die Unterschiede hervorheben, denn davon gibt es einige”, sagt die Soziologin Almudena Moreno, Professorin und Mitarbeiterin am spanischen Jugendinstitut. Die jungen Leute bewegen sich heutzutage mehr denn je zuvor in einem globalen Kontext. Das hat seine guten und seine schlechten Seiten. Vielleicht stimmen sie deshalb darin überein, dass die Anschläge des 11. September in New York, des 11. März in Madrid oder des 11. Juni in London wichtige Ereignisse waren. “Wir entdeckten die Macht der Bilder und lernten, dass der Terrorismus keine Grenzen kennt”, bestätigt die 25-jährige Spanierin Carmen María. Für den fünf Jahre älteren Néstor „war es, als würde die Angst und Unsicherheit in unsere eigenen Häuser getragen“.

Die Attentate auf das World Trade Center vom 11. September 2001 prägten die "verlorene Generation"Zweifellos ist es das Internet, das diese Generation klar von den vorangegangenen unterscheidet. „Die sozialen Netzwerke verändern die Art der Sozialisation und der Identitätsbildung. Hierarchien gehen von der vertikalen in eine horizontale Struktur über. Wissen ist jederzeit sofort verfügbar und die sozialen Netzwerke verwischen die Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatem“, bekräftigt Almudena Moreno. Laut den Daten von Eurostat sind 80% der jungen europäischen Internetznutzer in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter aktiv.

Carmen María arbeitet im Online-Marketing, einem Berufsfeld, das es zu Zeiten der vorherigen Generation noch gar nicht gegeben hat. Und sie ist Teil der mehr als zwei Millionen jungen Europäer, die eines der 1987 eingeführten Erasmus-Stipendien genutzt haben. Aus Italien brachte sie Freunde aus anderen Ländern mit, eine neue Sprache und eine persönliche und akademische Erfahrung, die sie nur weiterempfehlen kann. Valerie ist Italienerin, machte jedoch einen Erasmusaufenthalt in Paris. Dort lernte sie Ángela aus Spanien kennen, mit der sie weiterhin über das Internet Kontakt hat. Beide waren gerade mal ein Jahr alt, als Spanien und Portugal der Europäischen Gemeinschaft beitraten. Für Ruth García war das eines der bedeutendsten Ereignisse ihrer Generation. Die 34-jährige Spanierin lehrt und forscht seit fast einem Jahrzehnt in Deutschland.

Dank der Europäischen Union haben fast alle Vertreter dieser Generation internationale Erfahrungen gemacht, zahlen in derselben Währung und können sich schnell und einfach fortbewegen. Letzteres ist auch dank der Billigflieger möglich, einem Konzept aus den USA, das 1985 mit der irischen Fluggesellschaft Ryanair nach Europa kam und das trotz Wirtschaftskrise weiterhin Erfolg hat.

Eine Krise, welche die jungen Europäer mit voller Wucht getroffen hat. Sie sind mehr als vorbereitet, doch über 20% der unter 25-Jährigen finden keine Arbeit. „Die Krise ist sicherlich unser größtes Problem, zusammen mit der sich daraus ergebenden schlechten Arbeitsplatzsituation und sozialen Problematik“, fügt Ángela hinzu. Im September sprach der Generaldirektor des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, in Oslo von der Gefahr einer „verlorenen Generation, abgehängt vom Arbeitsmarkt, mit einem fortschreitenden Verlust der erworbenen Kenntnisse und ohne Motivation“.

“Sie nennen uns die ‘Gleichgültige Generation’. Ich würde eher sagen ‚ohne Richtung’. Im Gegensatz zu früheren Generationen, hat die heutige kein klares Ziel, nichts für oder gegen das sie kämpfen könnte. Fehlende Motivation führt immer zu Gleichgültigkeit, aber ich glaube nicht, dass wir grundsätzlich gleichgültig oder antriebslos sind“, sagt Ruth. Die jungen Leute haben ihre Anliegen, aber sie sind von den Politikern enttäuscht. Néstor fügt hinzu: „Ich interessiere mich für die Politik; diese Entscheidungen betreffen uns direkt, aber ich kann mich mit keiner Partei identifizieren. Sie stimmen nicht mit meinen Forderungen und Erwartungen überein.“ Er, Ingenieur und Lehrer, recycelt und ist um den Klimawandel besorgt oder „besser gesagt, darüber, was uns davon erzählt wird“. Dem Thema also, über das seit 2007 so viel gesprochen wird, als Al Gore den Friedensnobelpreis für seinen Dokumentarfilm Eine unbequeme Wahrheit bekam. Heute zweifelt keiner daran, dass man die Umwelt schützen muss, aber die Politik der Regierungen konnte noch nicht das Vertrauen der jungen Wähler gewinnen.

Almudena Moreno stellt fest: “Die Entwicklung dieser jungen Leute ist gekennzeichnet durch die Möglichkeit ihre Individualität selbst in die Hand zu nehmen und durch die Chancen, die ihnen die neuen Technologien in einem gesellschaftlich und wirtschaftlich unsicheren Umfeld bieten.“ Unsicherheit scheint das Stichwort zu sein. Carmen fasst zusammen: „Wir sind die 'Generation Äquator', die zwischen zwei bedeutenden Generationenwechseln steht - und wir gehören zu beiden.“

Fotos: (cc)ramtyns/flickr; (cc)Gerard Van der Leun/flickr