Gesellschaft

Enki Bilal: 'Nicht über diese Welt zu sprechen erscheint mir unhaltbar.'

Artikel veröffentlicht am 9. Juli 2007
Artikel veröffentlicht am 9. Juli 2007
Zwischen Comic, Kino, Tanz und Geopolitik, entführt der jugoslawische Comiczeichner Enki Bilal (55) seine Leser in ein futuristisches Universum.

"In jedem meiner Charaktere steckt ein bisschen von mir", sagt der Comiczeichner Enki Bilal. Der Autor und Zeichner hat sowohl etwas von der blauhaarigen Jill Bioskop aus Die Frau in der Zukunft (La femme piège), als auch von Alcide Nikopol (alias Nike), dem rebellischen Astronauten, der immer traurig aussieht. Zwischen Anagrammen und Piktogrammen irren seine schönen, hoffnungslosen Helden unermüdlich durch jene düsteren und poetischen Universen der Stadt.

Enki Bilal hat feine Züge und weiche Augen. Über seinem Pariser Atelier erhebt sich die Kirche Saint-Eustache. Der Comiczeichner sucht Ruhe, ist aber gleichzeitig rastlos. Er hat gerade den dritten und vierten Teil seiner Tetralogie Der Schlaf des Monsters (Le sommeil du monstre) fertiggestellt, an der er bereits vor 12 Jahren begonnen hatte zu arbeiten. "Vielleicht muss sich der Leser etwas mehr Mühe geben, um diese Serie zu verstehen, aber sie ist dafür auch meine persönlichste", gesteht er. "Ich will keine Abstriche machen. Ich verweigere mich der Diktatur der Einfachheit, des Vorgekauten, des Vorproduzierten."

Entwurzelt

Bis heute verweigert Enki Bilal Kompromisse und versucht konsequent zu handeln. In nur 20 Jahren ist er zu einer Legende der Neunten Kunst in Frankreich geworden. Sein Erfolg reicht bis nach Japan – das Königreich des Mangas. Les phalanges de l’ordre noir ( Der Schlaf der Vernunft) oder auch seine Trilogie Nikopol haben eine ganze Generation von Comiclesern geprägt.

In einer futuristisch-urbanen Atmosphäre entwickeln sich seine Charaktere vor dem Hintergrund des aktuellen Zeitgeschehens. "Das Imaginäre muss der Wirklichkeit dienen", unterstreicht er. Selbst wenn "mich die Vergangenheit als solche nicht interessiert, sind es deren Überschneidungen mit der Realität, die ich versuche hervorzuheben", fügt er hinzu. "Ich bin Teil dieser Welt. Nicht über sie zu sprechen erscheint mir unhaltbar."

Der in Belgrad als Sohn einer tschechischen Mutter und eines bosnischen Vaters geborene Bilal, verlässt Jugoslawien (unter Titos Herrschaft) in den siebziger Jahren. Sein Reiseziel: Frankreich. "Ich war damals zehn Jahre alt, der Abschied war brutal, eine wahrhaftige Zerreißprobe", erinnert er sich. "Andererseits war alles vorhersehbar: mein Vater, der früher offizieller Schneider Titos war, befand sich einfach schon zu lange auf 'Geschäftsreise'." Die Ankunft des kleinen Jugoslawen in Paris ist eine "Enttäuschung", vor allem aufgrund der Lebensbedingungen. Enki Bilal lebt sich jedoch "relativ problemlos" ein. Es ist dieser "undurchsichtige Moment", der Bilal die Liebe zur französischen Sprache und zur Exaktheit des Wortes lehrt.

Begeistert vom Zeichnen und vom Film, erkennt er in der aufblühenden Kunstform des Comics ein "hervorragendes und sehr erwachsenes Ausdrucksmittel". Es folgen Veröffentlichungen in der Zeitung Pilote und seine ersten Bilderreihen für Spezialzeitschriften wie Echos des Savanes oder Métal Hurlant. Seine erste Trilogie Nikopol, die er 1980 beginnt, vollendet Bilal 13 Jahre später. Der Erfolg kommt postwendend: Die Leserzahlen steigen rapide. Auch seine Kollegen würdigen sein Talent. Schon 1987 wird Enki Bilal mit dem ersten Preis des Festivals von Angoulême ausgezeichnet.

Trotz der beruflichen Anerkennung stellt sich Bilal häufig gegen allgemeine und "typisch französische" Engstirnigkeit. "Comiczeichner sind wahre Autoren. Der Comic ist ein eigenes literarisches Genre", betont Bilal mit Nachdruck. Ebensowenig lässt sich der Autor auf das Science-Fiction-Genre reduzieren: "Vor 15 Jahren waren Ereignisse wie der 11. September oder eine Gesichtstransplantation undenkbar. Aber die Welt beschleunigt rasant."

Vom Comic zum Kino

Heute bedauert der Künstler ein immer konservativer werdendes "Seifenblasen-Milieu" und versucht ein künstlerisches Nomadenleben zu führen. "Ich hatte nie eine bestimmte Karrierelinie vor Augen: alles hängt von zufälligen Begegnungen und vom Glück ab", so Bilal. Die "zufällige Begegnung“ Anfang der neunziger Jahre mit seinem Landsmann, dem albanischen Choreographen Angelin Preljocaj, bringt ihn zur Bühnendarstellung und zum Tanz. Mit Prokofjews Ballett Romeo und Julia gelang den beiden Künstlern eine Mischform "zweier künstlerischer Universen, verbunden durch ihren balkanischen Blickwinkel".

Bilal ist ständig in Bewegung: sein Eklektizismus ist aber keineswegs Ausdruck von "Frustration", sondern vielmehr eine stetige Neugier. Seine Zuneigung für die Siebte Kunst hinterlässt jedoch bitteren Nachgeschmack bei Enki Bilal. Der Zeichner hat mehrere seiner Alben auf die Leinwand gebracht: Banker Palace Hotel, Tyhko Moon und Immortal werden jedoch zu finanziellen Misserfolgen. "Ich mache nichts Herkömmliches", erwidert er. "Es ist schwierig, die Doppelzüngigkeit der Kunst zu akzeptieren. Ein Comiczeichner der Kinofilme macht, das passt nicht recht ins Bild." Schweigen.

Eine dunkle Komponente durchzieht das Werk des Comiczeichners bis heute: der Konflikt im ehemaligen Jugoslawien. "Das Verhalten der Europäer hat mich angewidert. Besonders die überstürzte Anerkennung Kroatiens durch die Bundesrepublik, die verantwortlich für den so schnellen Zerfall Jugoslawiens war." Weitere Enttäuschung: die radikale Parteinahme "einiger französischer Intellektueller. Es gibt nicht die Guten auf der einen Seite und die Bösen auf der anderen."

Aufgrund seiner Wurzeln bleibt Bilal ein überzeugter Europäer, der sich besonders mit den Ländern Osteuropas verbunden fühlt. Die Osterweiterung wurde jedoch, seiner Meinung nach, "mit zu viel Gier" vorangetrieben, die unausweichlich Enttäuschungen und Frustrationen verursacht hat. Und morgen? "Die Zukunft des Planeten und die Umwelt sind Themen, die mich bewegen; zu überleben, sich anzupassen und dabei das Menschliche im Herzen zu behalten."