Gesellschaft

Emilio Caruso: 'Ich bin ein Arbeiter für Europa'

Artikel veröffentlicht am 11. Februar 2008
Artikel veröffentlicht am 11. Februar 2008
Ein Italiener (64), der als das lebende Archiv der Europäischen Kommission gelten kann, erzählt Brüsseler Geschichten aus erster Hand.

Im Jahr 1972 beginnt er als Assistent des Pressesprechers, als Achtzehnjähriger wechselt er zur Euratom, dann ins Sekretariat der EWG (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, dem Vorgänger der EG). Da ist Caruso gerade vierundvierzig Jahre alt. Dunkelblauer Nadelstreifenanzug, untadelige Manieren, elegant und zuvorkommend - so empfängt uns Emilio Caruso in seinem Büro. Die Fotos an den Wänden zeigen ihn in illustrer Gesellschaft, auf dem Ball, mit Margot Wallström, mit Freunden und mehreren Präsidenten, mit Prodi oder Barroso. Auch einige Journalistenkollegen sind zu sehen und ein Kinderbild von Emilio, mit sieben Jahren in Sizilien.

"Ich verstehe mich als kleiner Arbeiter für das große Europa. Wir sind alle Funktionäre, wir funktionieren in unseren Institutionen - wenn wir nur wollen!", erklärt er uns zuerst. Emilio Caruso, schon von klein auf begeisterter Europäer, ist darum mit seiner Familie nach Brüssel gezogen, wo er noch immer lebt.

"Nennt mich Emilio!"

Wir wollen zunächst eine Frage nach der Kommission stellen. "Dr. Caruso..." "Nennt mich Emilio, ich bin doch nicht zur Visite hier!" Also: "Emilio, was hat sich verändert in den fünfunddreißig Jahren, in denen Sie für die europäische Kommission arbeiten?" "1972, als das Berlaymont-Gebäude (Sitz der Europäischen Kommission in Brüssel, A.d.Ü.) noch ganz neu war, waren gerade mal dreißig Journalisten akkreditiert - für die ganze Welt. Es gab sechs Sprecher der Kommissare, von denen manche auch für zwei Länder arbeiteten. Alle Meldungen liefen über meinen Schreibtisch, bevor sie ans Parlament gingen. Ich koordiniere für alle die Tagesordnung. Daneben lese ich pro Tag etwa vierhundert Dokumente von der Kommission, ebenso viele vom Parlament und dann welche von europäischen Gerichtshof, vom Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss."

"Heute sind es 1274 Journalisten und ich muss mich ganz schön anstrengen, den Überblick zu behalten. Dazu kommt, dass früher die Arbeitssprache Französisch war, während sich mittlerweile das Englische weitgehend durchgesetzt hat. Auch wenn man die Sitzung in der eigenen Sprache abhalten könnte, würde man das heute lieber auf Englisch machen."

Ein lebendes Archiv der Europäischen Kommission

Emilio Caruso ist so etwas wie das lebendige Archiv der Europäischen Kommission: In vierundvierzig Jahren hat er sämtliche Präsidenten und Kommissare erlebt, die die Institution gesehen hat. Als erster Ansprechpartner für Journalisten und Lobbyisten ist er jedem, der hier arbeitet, ein Begriff: der Mann, der sich vollständig der europäischen Sache verschrieben hat und der mit demselben Ernst auch stets die Tagesordnung verfolgt. Dafür arbeitet er unermüdlich: "Samstags bereite ich am liebsten schon die kommende Woche vor." Jeder kennt und grüßt ihn, ob auf der Straße oder auf dem Korridor.

In besonders lebendiger Erinnerung sind ihm Jacques Delors - "Er erzählte mir immer, dass er Autodidakt gewesen sei" - und der belgische Präsident Jean Rey: "Er war recht klein von Statur, ein Pastorensohn aus Lüttich, ein sehr herzlicher Mensch. Ich war etwa 23 Jahre alt und arbeitete im Cinquantenaire (einem Park in Brüssel, in dem sich zahlreiche Museen und die größte Moschee Belgiens befinden, A.d.Ü.). Er wohnte gegenüber und so traf ich ihn jeden Morgen. Er hat mich immer ermutigt. Vor allem für uns Junge sei Europa wichtig, hat er mir erklärt." Und wie war das, Aldo Moro und Giulio Andreotti zu treffen? "Mit Senator Andreotti verbinde ich einen unglaublichen Enthusiasmus. Als es um den Beitritt von Spanien und Portugal ging, der dann 1985 erfolgt ist, hat er uns förmlich gezwungen, achtundvierzig Stunden am Stück zu arbeiten. Das war eine sehr intensive Zeit, geprägt von Gemeinschaft und großer Solidarität.

Eine Lektion im Miterleben

Wie kommt man dahin, wo Caruso heute sitzt? "Die Stellen werden natürlich über Wettbewerbe vergeben. Und das ist immer noch ein steiniger Weg. Da hat sich nicht viel geändert. Zeitweilig hatte ich den Eindruck, dass die jungen Leute für solch eine Karriere kämpften, dass sie wirklich mit Herz und Seele dabei waren. Heute finde ich sie weniger engagiert, auch weniger bereit, sich dieser anstrengenden Arbeit zu stellen." Trotzdem lässt Caruso keine Gelegenheit aus, um sich mit den jungen Mitarbeitern und Praktikanten zu unterhalten, die hier ständig kommen und gehen. Ihnen gibt er dann gerne eine seiner faszinierenden Lektionen in Geschichte oder Architektur, die er so reich mit Anekdoten und eigenen Erlebnissen ausschmückt, dass sich alles ganz einfach anhört.