Gesellschaft

Einsam auf dem Dach Zentralasiens

Artikel veröffentlicht am 28. November 2006
Artikel veröffentlicht am 28. November 2006
Charchanbek ist 23 und arbeitet als Hirte auf den sattgrünen Weiden Kirgisiens. Abgeschieden von der Welt geht er seiner harten Arbeit nach – und ist glücklich dabei.

In strammem Galopp erklimmt Charchanbek die hohen Berge Kirgisiens, „das Dach Zentralasiens“, das die alte Karavanserei der Stadt Tash Rabat überragt. Ein kalter und trockener Wind pfeift. Die Sonne brennt.

Inmitten dieser ursprünglichen, in Stille getauchten Landschaft wird das Leben zwischen Schneestürmen und der unwirtlichen Landschaft nicht selten zum Überlebenskampf. Reisende bezeichnen Kirgisien wegen seiner wunderbaren Berge und glasklaren Bergseen oft als die „kleine Schweiz Zentralasiens“, weil es an die Schweizer Alpen erinnere.

Das Land galt nach seiner Unabhängigkeit von der auseinander fallenden UdSSR im Jahr 1991 lange Zeit als demokratischster Staat Zentralasiens. Der Alltag der Kirgisen allerdings ähnelt dem der Schweizer kaum. Trotz der „Tulpenrevolution“ von 2005 und dem Sturz des Regimes von Askar Akaiew blieben große Veränderungen bislang aus.

Harte Arbeit

Charchanbek hütet Yaks, Schafe und Kühe, die zwischen Schneefeldern genüsslich das erste Gras des Frühlings genießen. Das Tal ist sieben Monate im Jahr mit Schnee bedeckt. Jeden Morgen sieht der Tschaban, wie die Hirten in Kirgisien genannt werden, nach seinen Tieren: er achtet darauf, dass sie sich nicht zu weit von der Herde entfernen und sich nicht verletzen. Im Frühling, zur Paarungszeit, verlangen die Neugeborenen und die schwangeren Weibchen besondere Aufmerksamkeit.

Charchanbek hat vor zwei Jahren seine Arbeit auf dem „Dordy Bazar“ in der Hauptstadt Bischkek aufgegeben, um sich in dem jungfräulichen Tal von Tash Rabat niederzulassen. „Ich möchte hier arbeiten, für kein Geld der Welt würde ich wieder nach Bischkek zurückgehen.“ Mit den Tieren, die er von seinem Vater übernommen hat, kommt Charchanbek auf 200 Yaks, über 250 Schafe und ein Dutzend Kühe. Sie decken den Verbrauch der Familie an Milch, Butter, Sahne und Fleisch. Sich um die 450 Tiere zu kümmern, ist für einen einzigen Mann eine große Herausforderung. Er muss die Tiere hüten, die Kühe melken, die Schafe scheren und die verletzten Tiere versorgen. Am Abend treibt er seine Herde zusammen. Urlaub gibt es in Charchanbeks Arbeitsleben nicht.

Bei 45 Grad Minus lebt er in seiner kleinen Lehmhütte: Zwei Zimmer ohne fliesend Wasser, ohne Strom. Ein kleines batteriebetriebenes Radio auf der Fensterbank leistet ihm Gesellschaft. Unter dem gusseisernen Ofen, den er mit einer Mischung aus Kuh- und Pferdedung und Erde anfeuert, liegt ein Hund, einer seiner drei ständigen Begleiter.

Manchmal macht er sich sonntags auf zum Viehmarkt nach Naryn, der größten Stadt im Süden des Landes, mit dem Auto vier Stunden entfernt. Dort trifft er häufig Talar und Esengul, zwei gleichaltrige Freunde, deren Höfe in der Umgebung liegen. Dann rauchen sie und erzählen sich die Neuigkeiten aus den Dörfern im Tal.

MTV im Kaukasus

Trotz dieser Extrembedingungen sagt Charanbek, er liebe seine Arbeit. Wenn er die Preise für seine Tiere aufzählt, legt sich ein Lächeln auf sein von Wind und Wetter verhärmtes Gesicht. Wenn ein Yak 250kg wiegt, ist er 300 Dollar wert, ein Schaf bringt 100 Dollar. Also kann man mit 200 Yaks viel Geld verdienen.

„Wenn ich ein Schaf verkauft habe, behalte ich immer ein bisschen Geld, um ins Café zu gehen oder in die Disko, aber meistens komme ich schnell zurück, ich bin am liebsten zu Hause.“ Es fällt schwer, sich eine Disko in dieser Wildnis vorzustellen. Obwohl es in Bishkek viel liberaler zugeht als in den anderen Hauptstädten Zentralasiens: moderne Infrastruktur, Mädchen in Miniröcken, die auf der Straße rauchen, MTV-Kultur und öffentlich knutschende Pärchen. Man merkt den Einfluss der russischen Einwanderer, wenn es um Verhütung geht, um außereheliche Lebensgemeinschaften oder um die religiöse Praxis des Schamanismus.

Die Kirgisen, ein Nomadenvolk, das sich in über 80 ethnische Gruppen aufteilt, gelten als offener und gastfreundlicher als ihre Nachbarn. Bei seinem letzten Ausflug in die Stadt hat sich Charchanbek für 50 Euro ein russisches Fernglas gekauft, das er sich stolz umhängt. Plötzlich legt sich ein Schatten auf das Gesicht dieses jungen Mannes: nicht, dass er das pulsierende Leben in der Hauptstadt vermisst, sondern es macht ihm zu schaffen, dass es oben in den Bergen keine jungen Frauen gibt. „Das ist manchmal hart“ gibt er zu.

In weniger als einem Monat wird das Tal von den Jurten der Familien aus den Örtchen Naryn, Kara-Suu und At-Bashy bevölkert sein, die ihre Herden im Sommer zum Weiden in die Berge auftreiben. „In diesen Familien gibt es mindestens fünf junge Mädchen. Mein Mädchen ist auch dabei“ gesteht er mit leuchtendem Gesicht.

Er weiß, dass es nicht leicht sein wird, sie zu heiraten und noch schwerer, sie zu überzeugen, das ganze Jahr hier oben zu wohnen, aber das ist nun mal sein Leben. „Das ist keine Arbeit, es ist einfach nur mein Leben. Ich liebe die Berge, ich liebe meine Tiere und ich liebe die Sonne. Warum sollte ich etwas anderes machen? Es ist doch gut so!“