Gesellschaft

EIN TAG KRAKAUER LGBT-WIDERSTAND

Artikel veröffentlicht am 27. Mai 2014
Artikel veröffentlicht am 27. Mai 2014

Polen ist eines der EU-Länder mit den schlechtesten Lebensbedingungen für die LGBT-Gemeinschaft. Laut Studien wurde jeder dritte Befragte aufgrund seiner sexuellen Orientierung in den letzten drei Jahren angegriffen oder bedroht.  Wir nähern uns der Situation dieser Gruppe mit Mikolaj Czerwinski, einem jungen Schwulen-Aktivisten, der für die Rechte der LGBT-Gemeinschaft kämpft.

Kra­kau wirkt be­fremd­lich auf je­man­den, der in einem Mit­tel­meer­land West­eu­ro­pas groß­ge­wor­den ist. Au­ßer­halb des his­to­ri­schen Zen­trums der Stadt über­wiegt das so­li­de und dis­zi­pli­nier­te Er­schei­nungs­bild ihrer so­wje­ti­schen Ver­gan­gen­heit, und den­noch bricht ein ste­ter Fluss an Men­schen mit die­ser Mo­no­to­nie. Es ist über­ra­schend, selbst für je­man­den wie mich, der aus einem so from­men Land wie Spa­ni­en stammt, dass an jeder drit­ten Ecke und ohne Un­ter­lass Be­ten­de in den zahl­rei­chen Kir­chen der Stadt ein- und aus­ge­hen.

Mi­ko­laj Czer­win­ski ist ein jun­ger Schwu­len-Ak­ti­vist, der sich in Kra­kau mit sei­nem Ver­ein Kul­tur der To­le­ranz für die Rech­te der LGBT-Ge­mein­schaft(les­bisch, schwul/gay, bi­se­xu­el und trans­gen­der) ein­setzt.  Wir tref­fen uns zum ers­ten Mal in einer der we­ni­gen Schwu­len­bars der Stadt, die im jü­di­schen Vier­tel Ka­zi­mierz liegt.  Am Ein­gang grü­ßen uns ver­schie­de­ne Na­zi-Schmie­rei­en.  „Vor nur zwei Tagen, und nur zwei Stra­ßen wei­ter, hat ein Frem­der mich und mei­nen Part­ner be­schimpft, ohne jeg­li­chen Grund", er­zählt er uns be­trübt. Mi­ko­la­js Ges­tik ver­mit­telt eine Ruhe die nicht zu dem passt, was er uns er­zählt.  Er ist 23, hat in Eng­land Ma­schi­nen­bau stu­diert und in meh­re­ren afri­ka­ni­schen Län­dern ge­ar­bei­tet. Jetzt kom­bi­niert er sei­nen Job in die­ser Bar mit einem Stu­di­um in Kul­tur­ma­nage­ment.

Die LGBT-Ge­mein­schaft wird teil­wei­se von Po­li­tik und Kir­che ver­spot­tet.  Laut Mi­ko­laj be­deu­tet be­reits die Tat­sa­che, ein ein­fa­ches, fried­li­ches Leben füh­ren zu wol­len, einen An­griff auf ge­wis­se Teile der pol­ni­schen Ge­sell­schaft. Sei­nen Part­ner in der Öf­fent­lich­keit zu küs­sen, kann schon einen Skan­dal aus­lö­sen. Freun­den von ihm wurde auf­grund ihrer se­xu­el­len Ori­en­tie­rung die Be­hand­lung im Kran­ken­haus ver­wei­gert. Seit zwei Jah­ren kämpft Mi­ko­laj jetzt also für die Rech­te der LGBT-Ge­mein­schaft, indem er sich bei ver­schie­de­nen in­ter­na­tio­na­len queer-Ver­bän­den en­ga­giert.

Der re­li­giö­se und si­cher­lich kon­ser­va­ti­ve Geist eines gro­ßen Teils der pol­ni­schen Ge­sell­schaft trägt nicht ge­ra­de dazu bei, die Si­tua­ti­on der LGBT-Ge­mein­schaft des sla­wi­schen Lan­des zu nor­ma­li­sie­ren. 35% der LGBT-Sze­ne sind, laut einer Stu­die der Agen­tur der Eu­ro­päi­schen Union für Grund­rech­te (FRA), auf­grund ihrer se­xu­el­len Ori­en­tie­rung Ziel von Ag­gres­sio­nen oder Be­dro­hun­gen ge­wor­den. Bei psy­cho­lo­gi­scher Ge­walt er­reicht der An­teil mehr als 58%. Über­dies sind, nach dem Rap­port „Si­tua­tion of LGTB Per­sons in Po­land – 2010-2011 Re­port”, einer der we­ni­gen zu die­ser The­ma­tik in Polen durch­ge­führ­ten Un­ter­su­chun­gen, etwa 40% der kör­per­lich an­ge­grif­fe­nen Per­so­nen be­reits mehr als drei Mal at­ta­ckiert wor­den. Auch wird dort dar­auf auf­merk­sam ge­macht, dass 70% der Be­frag­ten die­ser Ge­mein­schaft Angst haben, ihre se­xu­el­le Zu­ge­hö­rig­keit in der Schu­le oder bei der Ar­beit zu zei­gen, da sie be­fürch­ten haben, dis­kri­mi­niert zu wer­den.  38% haben be­reits an Selbst­mord ge­dacht.

Seit dem EU-Bei­tritt Po­lens 2004 und dem Re­gie­rungs­wech­sel 2007, bei dem der ak­tu­el­le, als mo­derat emp­fun­de­ne, Pre­mier­mi­nis­ter Do­nald Tusk (Mit­te-Rechts) an die Macht ge­kom­men ist, hat sich die Lage für die Ge­mein­schaft ge­ring­fü­gig ver­bes­sert. Die Si­tua­ti­on für die Mit­glie­der der LGBT-Ge­mein­schaft bleibt kom­pli­ziert.  Mi­ko­la­js Leben, wie das vie­ler an­de­rer Ak­ti­vis­ten, hat sich in einen stän­di­gen Kampf für Re­spekt er­wie­sen. Mi­ko­la­j hofft, dass er eines Tages in einer of­fe­ne­ren Ge­sell­schaft auf­wacht.

DIESE FO­TO­GA­LE­RIE IST TEIL DES DOS­SIERS 'EU­TO­PIA: TIME TO VOTE', DURCH­GE­FÜHRT FÜR CA­FE­BA­BEL IN KRA­KAU IM MÄRZ 2014 mit freund­li­cher Un­ter­stüt­zung un­se­rer Part­ner des Au­ßen­mi­nis­te­ri­ums Frank­reichs, der Eu­ro­päi­schen Kom­mis­si­on,  der Stif­tung Hipp­crène und der Stif­tung Charles Leo­pold Mayer.