Gesellschaft

Ein Hauch Europa auf Facebook

Artikel veröffentlicht am 5. Dezember 2007
Artikel veröffentlicht am 5. Dezember 2007
Facebook boomt auch in Europa: 10 Millionen Europäer nutzen die Internetplattform zum sozialen Austausch. Die Aktiven unter ihnen haben längst eigene Gruppen gegründet.

Facebook, eine Internetplattform zur Bildung sozialer Netzwerke, entstand 2004 in einem Studentenzimmer von Harvard. Mit Facebook kann man Freunde wieder finden, die man aus den Augen verloren hat, Fotos, Videos oder auch Interessensgebiete teilen. Ein besonderer Reiz besteht darin, seine Freunde auf Schritt und Tritt zu verfolgen. Heute erfreut sich die Seite außergewöhnlicher Beliebtheit bei Studenten auf der ganzen Welt: im Oktober waren 45 Millionen Nutzer registriert - ein Zuwachs um das Zehnfache innerhalb eines Jahres und eine Wachstumsrate von 422 Prozent während der letzten sechs Monate.

Mit 10,8 Millionen Nutzern in Europa ist Facebook das drittgrößte virtuelle, soziale Netzwerk auf dem alten Kontinent. An der Spitze stehen Großbritannien, Norwegen und Schweden mit über acht Millionen Mitgliedern, gefolgt von Frankreich, der Türkei, Deutschland, Spanien, Irland, Italien und den Niederlanden. Mit der geplanten Übersetzung der Seite in weitere Sprachen werden diese Zahlen explosionsartig ansteigen.

American Way of Life

Aber Facebook musste nicht auf die Europäer warten, um Einzug ins politische Leben zu erhalten. Jenseits des Atlantiks verpflichtet die Wahlkampagne. Unzählige Gruppen zur Unterstützung des einen oder anderen Präsidentschaftskandidaten entstehen und der Online-Militantismus scheint Früchte zu tragen. Das Netz wird ein Werkzeug zur Mobilisierung und Organisation von politischen Aktionen.

Auch zahlreiche Europabegeisterte haben auf Facebook Gruppen gegründet, um ihre Ansichten auszutauschen: Praktikanten bei der Kommission, Juristen oder ehemalige Erasmus-Studenten. Die erste Gruppe - 'European Union' - entstand im November 2006. Sie zählt an die 2400 Mitglieder und jeden Tag um die 40 Neuanmeldungen. Im Forum laufen die Debatten heiß. Internauten von überall diskutieren über Politik, Wirtschaft, Verteidigung und andere Fragen, die mehr oder weniger mit dem alten Kontinent zu tun haben.

"Am Anfang habe ich diese Gruppe zusammen mit einem Studienfreund gegründet und wir haben nur die Leute von Facebook aus dem gleichen Studiengang eingeladen. Einen solchen Zulauf hätten wir uns nie träumen lassen!" Laura ist heute die Gründerin einer Facebook-Gemeinschaft mit mehr als 1000 Mitgliedern. Sie alle fordern ein europäisches Netzwerk für diejenigen, die sich mehr als nur eine nationale Identität zusprechen. "Wir haben unsere Petition in die Sprachen Europas übersetzt, um die Gruppe offizieller und europäischer werden zu lassen."

Virenartige Verbreitung

Wie die meisten Anwendungen, funktionieren solche Gruppen nach dem Virus-Prinzip. Jeder Nutzer schickt seiner gesamten Kontaktliste eine Einladung, sich der Gruppe anzuschließen, und alle Empfänger werden aufgefordert, die Einladung in ihrem Freundeskreis zu verbreiten.

Für den aktiven, jungen Europäer ist Facebook unverzichtbar geworden. Die Jungen Europäischen Föderalisten(JEF), die 'Euros du village', Taurin, touteleurope.fr oder Euractiv besitzen alle ihr eigenes Netzwerk im nebulösen Facebook.

Dieses Internetportal bietet fabelhafte Entwicklungsmöglichkeiten: "Durch die Ausmaße, die Facebook angenommen hat, kann eine Gruppe in der virtuellen Welt sehr viel schneller wachsen, als wenn sie sich auf traditionelle Methoden beschränken würde. Auf diese Weise können wir einen sehr viel größeren Einfluss erzielen", erklärt Sebastjan Meznaric von der Gruppe 'Union of European Federalists'. Den gleichen Standpunkt vertritt die Vereinigung 'European law network', für die Facebook zum festen Bestandteil einer langfristigen Entwicklungsstrategie geworden ist. "Facebook ist ein Instrument zur Meinungsverbreitung geworden."

Aber man sollte sich keine Illusionen machen. Die europhilen Gruppen sind immer noch virtuelle Zwerge, verglichen mit den Zehntausenden von Mitgliedern der weniger intellektuellen Gruppen, wie 'Meine Kopfhörer verheddern sich ständig in meiner Tasche', 'Ich hasse Mathe' und 'die französische Apéritif-Vereinigung'. Diese Bemerkung von einem bitter enttäuschten Netsurfer wurde per Zufall aus einer europhilen Gruppe von Facebook herausgefischt: "Wenn man bedenkt, dass man mit der Ankündigung, sich bei einem Rugby-Match nackt auszuziehen, die Aufmerksamkeit von 30.000 Mitgliedern in 3 Tagen weckt..., ist Europa definitiv noch nicht sexy genug."