Gesellschaft

Eduard François, Architektur als Verführung

Artikel veröffentlicht am 19. Februar 2007
Artikel veröffentlicht am 19. Februar 2007
Eduard François versucht Architektur und Ökologie in Einklang zu bringen. Die heutige Gesellschaft, sagt er, interessiere sich nicht mehr für technischen Fortschritt, sondern für Gefühle.

Das Büro von Edouard François befindet sich unweit des Tour Montparnasse in einem Wohnbezirk. Im Erdgeschoß eines Mehrfamilienhauses hat der Architekt seine Welt gefunden: Decken mit Röhren und sichtbare Elektroanlagen, Neonlichter und aufgetürmte Kunststoffe, wohin man auch sieht.

Edouard François bleibt mit knapp 50 Jahren seinem tadellosen Stil treu. Er spricht mit fester Stimme, tritt äußerst gepflegt auf, nur das Hemd einen Knopf zu weit geöffnet: „Ich stamme aus Paris, aus einer französischen Aristokratenfamilie“, sagt er, als wolle er seinen Studienverlauf bestätigen: François absolvierte ein Urbanismusstudium an der renommierten École des Ponts et Chausées und ist Diplomarchitekt der Académie des Beaux Arts in Paris.

Drei Elemente

Es ist durchaus legitim zu fragen, was die Architektur für eine solch vielseitige Persönlichkeit bedeutet. Bei einem Glas Rotwein erklärt der Architekt: „Mein Metier ist eines der angewandten Künste, eine Verbindung von drei Elementen. Erstmal ist es nötig, die technische Dimension zu wahren, das Know-how, das Wirtschaftliche und das Rechtliche. Weiter ist ein allgemeines Bewusstsein notwendig, sich Fragen zu stellen wie ,Was bewegt die Welt heute?’ Und schließlich muss eine menschliche Dimension entwickelt werden.“

Edouard François legt den Schwerpunkt auf die Bedeutung der Architektur. Seine Analyse ist elementar: „Der Mensch kann nur im Inneren einer Architektur leben, in einem Gebäude. Und am besten in einem eher komplexen Gebäudes, das verziert ist... Nur so kann er glücklich werden.“ Für François bietet die Arbeit mit der Natur eine akzeptable Komplexität. „Beobachten Sie einen Baum: Er hat tausend Äste, er bewegt sich, wächst und ändert die Farbe!“ Die Natur bringe dem Gebäude die Komplexität, die der Mensch so nötig habe. Es genügt, an sein Projekt des Tower Flower in Paris oder des Maison Française in Neu-Delhi zu denken.

Bauen in der Stadtlandschaft

Momentan ist der Name des Pariser Architekten untrennbar mit der Idee von Natur und Ökologie verbunden. Diese Beziehung wurde jedoch lange Zeit falsch interpretiert. „Ökologie ist ein Element, das sich ins Innere des Diskurses über das Heute einmischt: Die Welt interessiert sich nicht mehr für Hygiene oder weltweites Wirtschafts-Wachstum. Die heutige Gesellschaft wendet sich an die Materie, an den Kontext, an die Gefühle.“ Edouard François entwirft gerne Gebäude, die sich „wie ein Chamäleon“ in ihr Umfeld einfügen, „mit großem Respekt gegenüber der Stadtlandschaft.“ Und, betont er mit Nachdruck, das „keine neuen Zeichen erfindet, denn davon gibt es schon zu viele!“

Das zuletzt fertiggestellte Projekt seines Architekturbüros ist ein Beispiel seiner Vision von Ökologie. Das Hotel Fouquet’s Barrière befindet sich auf den Champs-Élysées. „Als ich mit dem Fouquet’s beauftragt wurde, bat man mich um ein Gebäude im Sinne ökologischer Architektur, grün... Aber das hatte keinen Sinn! Das funktioniert auf den Champs-Élysées nicht: Dort gibt es keine Natur! Und ich möchte kein Gebäude bauen, nur damit jemand im Vorbeigehen ruft ‚Wow! Ein ökologisches Gebäude!’ Ich möchte eine intelligente Architektur zeigen.“ Und in der Tat bleibt das Fouquet’s ein spektakuläres Beispiel einer Architektur, die mit ihrem Umfeld harmoniert, „ruhig und frei“.

„In Frankreich fühle ich mich nicht mehr wohl“

„Mich interessiert, Techniken, Elemente und Materialien zu verwenden, die sich im Einklang mit unserer Zeit befinden!“ Edouard François lebt und erarbeitet die Trends der zeitgenössischen Gesellschaft mit künstlerischer Unruhe und persönlicher Sensibilität. Trotz zahlreicher Reisen und Konferenzen auf der ganzen Welt und einem Lehrstuhl an der Architectural Association in London bleibt der Architekt in Paris. Aber wie lange noch?

„Frankreich ist statisch. Ich fühle mich hier nicht mehr wohl. Ich würde gerne umziehen.“ Er fühlt sich von dynamischen Städten wie Antwerpen, Brüssel oder London angezogen. Italien hingegen empfindet er als ein „extrem affektiertes“ Land, übertrieben. Und er stellt sich die Frage: „Ist soviel Raffinesse heutzutage wirklich noch von Nöten?“

Während er sich das x-te Glas Rotwein einschenkt, gesteht François: „Ich liebe es, umzuziehen und zu reisen. An manchen Wochenenden lege ich eine Pause ein, nehme ein Flugzeug nach Martinique in den tropischen Regenwald, und meine Kollegen wissen es nicht einmal.“

Frankreich zu verlassen, wird für ihn zu einem immer näher liegenden Ziel: „Ich habe Arbeit und Bauplätze auf der ganzen Welt. Meine Kunden kontaktieren mich über das Internet und ich warte nur darauf, weniger als 40 Prozent meiner Aktivitäten in Frankreich zu haben, um fortzugehen.“ Dann fügt er lächelnd hinzu: „Ich habe meiner Schweizer Lebensgefährtin bereits einen Heiratsantrag gemacht: Ich will meine Nationalität wechseln.“

Verführung als Beruf

„Inspirationen? Wir leben in einem Alptraum aus Nachrichten! Wir müssen die Inspirationen für eine gute Arbeit aus all dem Dreck selektieren, der uns in dieser Gesellschaft umgibt. Es ist unnütz, die guten Ideen sonstwo zu suchen.“ Eines ist klar: Edouard François’ erste Berufung ist diejenige des Verführers und das Hauptziel seiner Arbeit, das Publikum mit seiner Kunst zu erobern. „Auch der ein junger Mann auf den Champs-Élysées muss einen Moment innehalten, den Blick von seiner Begleiterin lösen und mein Gebäude anschauen“, fordert er mit einem Lächeln. „So fühle ich mich als Gewinner!“ Und so nimmt er den letzten Schluck Wein, verabschiedet sich und geht zurück ins Büro.