Gesellschaft

Edinburgh: Nennt sie nicht „Neets“

Artikel veröffentlicht am 15. Dezember 2014
Artikel veröffentlicht am 15. Dezember 2014

In Europa werden sie Neets genannt (Not in Edu­ca­tion, Em­ploy­ment or Trai­ning), in Italien als “Né-Nés” bezeichnet. Sie haben Schule oder Studium geschmissen, um sich der Zukunft zu widmen. Oft werden sie geächtet, als verzweifelt oder sogar drogenabhängig bezeichnet. Die Edinburgher Neets sind jedoch alles andere als eine verlorene Generation.

Leicht war es nicht, Neets in einer Stadt wie Edinburgh zu finden. Nach einem Gespräch mit dem Präsidenten von Tomorrow’s People, einem Verein, der Neets dabei unterstützt, ihren Tagen ohne Schulbesuch einen gewissen Sinn zu verleihen, kann ich drei Leute interviewen. Viele von ihnen wohnen am Stadtrand, weit entfernt von der kalten, amtlichen Nachbarschaft des City of Edinburgh Council.

Auf den ersten Blick präsentiert sich das Betongebäude grau in grau, innen aber gibt es farbenfrohe Wände voller Graffiti. Heather, die Managerin, begrüßt mit einer Tasse Kaffee und begleitet mich in den Wohnraum, in dem Menschen arbeiten und an den Tischen bedienen. Danielle (18) erwartet mich, einen Hut auf ihren langen Haaren und die Arme verschränkt. Ich habe das Gefühl, dass sie eigentlich nicht mit mir sprechen möchte. Stattdessen brechen wir das Eis, indem sie mir von ihren persönlichen Erfahrungen berichtet.

Vor dem Schulabschluss hatte sie ein Baby bekommen; die Schwangerschaft zwang sie zunächst einmal, die Schule abzubrechen. Heute beteiligt sie sich bei Tomorrow’s People an einem Freiwilligen-Programm. Auch wenn sie die Schule nicht mehr besucht, betont sie, dass ihre derzeitigen Beschäftigungen ihr helfen, erwachsen zu werden und herauszufinden, was ihr wirklich Spaß macht. Ich frage sie nach ihrer Meinung über junge Schulabgänger, und sie beeindruckt mich mit einer entschiedenen Antwort: „Mit 16 ist es in Ordnung, wenn sie die Schule abbrechen [das Mindestalter für Schulpflicht in Schottland; A.d.R.] und ihre eigene Wahl treffen.“ - „Außerdem,“ so unterstreicht sie, „glaube ich, dass jeder die gleiche Wahl haben sollte, auch wenn er sich dazu entschließt, die Schule zu verlassen.“

Wenn du raus bist, dann war’s das

Zwei andere setzen sich zu uns: Shawn (16) und Dean (23). Die beiden Jugendlichen sind auf gute Schulen gegangen, haben es aber nicht ganz bis zum Ende durchgezogen. „Hätte ich mehr gelernt, dann hätte ich vielleicht da bleiben können. Nachdem ich aber ein Jahr verloren hatte, hat man mir keine Chance mehr gelassen. Wenn du einmal raus bist, dann war’s das,“ sagt Dean.

Nach dem misslungenen Abschluss wollte die Schule ihn zu einer Ausbildung beim Militär schicken. „Ich wollte nicht zu den Streitkräften,“ gibt er zu, „sondern erneut eine schulische Laufbahn anstreben.“ Die schottischen Schulen spielen bei der Vermittlung und Reintegration eine unmittelbare Rolle. „Meine Entscheidung hatte nicht nur etwas mit den schulischen Problemen zu tun,“ sagte der junge Mann. „Wir kommen aus Gemeinden ohne gute Vorbilder und mit Lehrern, die nicht engagiert genug sind, uns davon zu überzeugen, zur Schule zu gehen. Ab einem bestimmten Alter haben die Leute keine Kraft mehr, mit dem Lernen von vorne zu beginnen.“

Kreisgespräch. Ich möchte wissen, was sie von dem Etikett Neet (Not in Education, Employment or Training - Nicht in Ausbildung, Beruf oder Training) halten, das man ihnen überall in Europa angehängt hat. Danielle meint, dass Etiketten „einem Menschen bei der Entwicklung seiner Persönlichkeit nicht hilft“ und dass Ausschluss und Stigmatisierung nicht die richtigen Wege sein können. „Die Regierung und Europa sollten sich mehr für Schulabgänger einsetzen, um ihnen bessere Zukunftschancen einzuräumen. Damit sie wenigstens etwas in ihren Lebenslauf schreiben können.“ Die Leute nicken. Bei Tomorrow’s People hätten sie positive Erfahrungen gesammelt, Erfahrungen, die ihnen neue Freundschaften und das Gefühl gegeben hätten, nicht mehr allein damit zu sein. 

Edinburgh in den Startlöchern gegen Schulabbruch

Der City of Edinburgh Council hat tatsächlich einige Initiativen in puncto Schulabbrecher gestartet. Im modernen Gebäude des Council an der East Market Street in der Innenstadt herrscht ein bemerkenswerter Betrieb von Menschen mit Ausweisen um den Hals. Glücklicherweise ist Mr. Shaw schon da, der Verantwortliche für das Edinburgh Guarantee Programme, das für Neets eingeführt wurde.

„Ich würde sie nicht Neets nennen,“ sagt er ein bisschen irritiert, „ wir sprechen lieber von jungen Menschen in ihrer Komplexität. In Schottland sehen wir sie als Menschen, die mehr Wahlmöglichkeiten und mehr Chancen brauchen.“ Die Schotten üben sich in Weitsicht: „Kein Etikett verpassen, einfach nach vorne schauen und neue Möglichkeiten schaffen.“

Eigentlich entsteht förmlich der Eindruck, dass die Neets trotz Schulabbruch ganz gut klarkommen. Patricia Thomson, Leiterin des Skills De­ve­lo­p­ment Sco­tland, bestätigt das. Der Verein ist ein wichtiger Partner, wenn es darum geht, junge Neets in Lohn und Brot zu bringen. Nach Patricias Worten weiß die Agentur sehr genau, welche jungen Leute Gefahr laufen, Neets zu werden. Denn im Allgemeinen geben die Schulen Feedback und man kann sofort mit strategischen Maßnahmen eingreifen, wenn es bezüglich der Leistungen eines Schülers Bedenken gibt.

Nicht immer sind die europäischen Zahlen zum Schulabbruch transparent: „Es stimmt, jedes Jahr verlassen 3500 Kinder die Schule. Aber nur ein kleiner Prozentsatz gerät auf die schiefe Bahn und hat Probleme mit Vandalismus oder Alkoholismus." Einmal mehr zeigt der Trubel hier im Büro, dass Zahlen nicht der einzige Parameter sind. Heute sind viele junge Menschen da, die Arbeit suchen, die am besten zu ihren Fähigkeiten passt. 

Schottland sollte sich ihre Meinungen anhören

Ich wollte mehr wissen und treffe mich mit Professor David Raffe im Institute of Education and Sociology. Ich bitte ihn um einen Kommentar zu einem Zitat des ehemaligen französischen Präsidenten François Mitterrand: „Die Jugend hat nicht immer recht, aber eine Gesellschaft die sie ignoriert und ausgrenzt, hat immer unrecht.“ Er lächelt und bestätigt, dass er diese Einstellung teilt. Es sei kein Zufall, dass Sechzehnjährige im September beim Referendum zur schottischen Unabhängigkeit erstmals wählen dürfen. „Sie sind befugt, die Krise hat sie mehr als alle anderen auf die Probe gestellt.“ Sie sind Bürger, Teil der Gesellschaft und „ es ist richtig, dass Schottland auf ihre Meinungen und ihre Stimme hört. In diesem Augenblick möchten sie vor allem eines: Emanzipation.“ Edinburgh scheint diesem Wunsch zumindest ansatzweise entgegenzukommen.

Übersetzung: Hartmut Greiser

Dieser Artikel ist Teil des cafébabel-Projekts EU IN MOTION, mit Unterstützung des Europäischen Parlaments und der Fondation Hippocrène.