Gesellschaft

Edinburgh: Mit Kunst aus dem Krankenhaus

Artikel veröffentlicht am 27. November 2014
Artikel veröffentlicht am 27. November 2014

Die schottische Stadt Edinburgh ist weltweit für ihr Fringe Festival bekannt, das jeden Sommer tausende Theaterstücke in die Stadt bringt. Aber Kreativität hat auch andere Bühnen in Edinburgh – die Kunst kommt zum Beispiel auch in Krankenhäuser und verändert nachhaltig das Leben junger Menschen, die noch nach ihrem Weg suchen.

Viele von uns kennen das berühmt-berüchtigte Theaterfestival Fringe, das jedes Jahr im August hunderte Theaterkompanien nach Schottland lockt. Doch gibt es hinter dem Fringe auch noch mehr Kunst in Edinburgh? Ich habe mich auf den Weg nach Schottland gemacht, um zu sehen, wie Kunst und Kreativität auch in den 11 restlichen Monaten des Jahres das Leben der Schotten verändern und bereichern. Handelt es sich um eine kulturelle Eintagsfliege im Jahr? Für die meisten Schotten ist Kreativität mehr als nur der pure Konsum von Kultur: es ist eine Lebenseinstellung - und für manche sogar ein Grund fürs Überleben.

Kunst im Krankenhaus

Die Therapeutin Sheena Mc­Gre­gor arbeitet in der Caledonia-Abteilung am Yorkhill Chil­dren's Hos­pi­tal in Glasgow, zwei Stunden mit dem Zug von Edinburgh entfernt. Seit 15 Jahren hat sie sich der Kunsttherapie verschrieben, eine Disziplin, die seit ca 50 Jahren und seit dem Zweiten Weltkrieg in Großbritannien praktiziert wird. Sie erzählt, dass die Spezialisten zunächst in Gefängnissen und Krankenhäusern mit Patienten begannen, die an Tuberkulose oder psychischen Krankheiten litten.

Sheena, die auch für den Verein Cre­ative Ther­a­pies arbeitet, verbringt 4 Tage in der Woche damit, mit Kindern zu arbeiten, die psychische Probleme, Herzkrankheiten, Esstörungen oder emotionellen Stress haben. „Kinder erzählen dir immer erstmal, dass es ihnen gut geht. Doch in Realität stimmt das gar nicht. Ganz einfach gesagt: Sie finden keine Worte für das, was sie fühlen“, sagt sie. Es handelt sich im Allgemeinen um Kinder, die nicht wie ihre Klassenkameraden leben können. Das lässt sie anders erscheinen, vielleicht auch manchmal schwächer. Doch einmal die Türen des Caledonia-Pavillons hinter sich gelassen, ist alles anders. Gemeinsam mit Sheena suchen sie nach ihrer größten Stärke – ihrer Kreativität. „Sie können vielleicht keinen Sport oder andere physische Aktivitäten ausüben, die Kids eigentlich gern machen, aber sie können Kunst kreieren und dabei Spaß haben und wundervolle Dinge vollbringen“, erzählt Sheena enthusiastisch und zeigt die letzten Arbeiten ihrer Kids. „Es ist ein sehr persönliches Herangehen an die Sache, nichts sehr Greifbares, was auf direkten Fragen basiert. Fast immer geht es um die Gefühle der Kinder, wie sie atmen oder einen Raum betreten und oftmals auch darum, wie die Beziehung zwischen uns ist.“

Auch wenn Kunsttherapie eine lange Tradition in Großbritannien hat, gibt die Expertin zu, dass viele Eltern immer noch skeptisch in Bezug auf das Thema sind. Doch mit der Zeit merke sie auch einen Wandel. „Die Krankenschwestern haben mir gesagt, mein Sohn durchlaufe eine Phase existenzieller Ängste. Doch es scheint, als schlage die Therapie nun an und helfe ihm mit anderen Kindern wie ihm zu spielen und zu kreieren. Er ist förmlich aufgeblüht“, sagt die Mutter eines 10-jährigen Patienten von Sheena. „Wenn ich ihn von der Schule abhole, ist er immer müde und quängelig. Wenn wir aber aus dem Krankenhaus kommen, ist er wie ausgewechselt und viel kommunikativer. Dann macht er sogar das Radio aus und will sich unterhalten.“ Immer mehr Ärzte empfehlen die Kunsttherapie zusätzlich zur regulären Behandlung, um „den Unterschied auszumachen. Sie sehen, dass die Kinder selbstsicherer werden, weniger an Depression leiden. Sie schöpfen neue Energie und ähneln normalen Kindern“, fügt die Therapeutin hinzu. „Das Problem in der Medizin ist, dass sie Kinder zu oft objektiviert. Mit Kunsttherapie fühlen sich die Kids nicht mehr wie ein ‚Herzproblem‘, sondern wie Lebewesen, kreative Wesen.“

Den Weg bereiten

Neben der Therapie im klinischen Sinne, gibt es in Edinburgh auch Programme, die Verknüpfungspunkte zwischen Kunst und Kreativem mit Sozialarbeit und Psychologie suchen. Im Osten der Stadt bei The Print­works hat Im­pact Arts bereits seit zwei Jahrzehnten Erfahrung mit sozialer und professioneller Wiedereingliederung von Jugendlichen über das Cre­ative Path­ways-Projekt. Es ist Mittagszeit im ziemlich unordentlichen Open Space der Organisation. Die Spuren kreativer Projekte sind unübersehbar: Skizzen, Modelle, Holzbretter, Kleidungsstücke und Stifte sind über den Raum verteilt. Jeden vierten Monat nehmen 30 Kinder zwischen 16 und 19 Jahren an Trainee-Programmen für Performance-Kunst teil. Sie lernen Schauspielerei und Script-Writing, Kostüm- und Bühnendesign.

Während Sarah Wallace, die Koordinatorin des Zentrums, eine große Mappe auffaltet, erklärt sie die Funktionsweise ihrer Organisation. "Creative Pathways ging mit dem Ziel an den Start, Kultur zu bewahren und jungen Menschen einen Weg in die Arbeitswelt zu ebnen." Das Alter sei das einzige Kriterium zur Teilnahme am Programm, erklärt Sarah, auch wenn "die Mehrheit der Teilnehmer von Kinderrechtlern und Sozialarbeitern geschickt werden, da viele nicht an Hochschulen akzeptiert wurden oder keinen Abschluss haben." Deshalb geht Creative Pathways auch einen Schritt weiter, als einfach nur Theater-Kurse zu geben. Es stellt die notwendigen Social Skills bereit, die neue Motivation für eine Bewerbung oder ein Lebensprojekt schaffen sollen. "Wir versuchen Leben durch die Kunst zu transformieren. Das kann das Selbstvertrauen stärken und Leben neu strukturieren. Die Kunst ermöglicht es ihnen, sie selbst zu sein und erwachsen zu werden", fügt die Playwriting-Lehrerin und Körpersprache-Spezialistin Simaica Car­rasco hinzu.

Matti ist einer ihrer Studenten. Er sieht schüchtern aus, auf den ersten Blick wie ein Außenseiter. Doch wenn man ihm ein bisschen Platz einräumt, fühlt er sich wohler und fängt an, aus sich herauszugehen. "Viele von uns haben eine andere Art der Intelligenz. Einen anderen Standpunkt zur Welt. Viele von uns sind im regulären Bildungssystem nicht klargekommen. Wir sind kreativere Menschen mit anderen logischen Kapazitäten." Seine Zusammenfassung ist außerordentlich klar. Der Kurs helfe ihm "Dinge zu tun, die vor einer Weile noch unmöglich schienen - zum Beispiel das Sprechen in der Öffentlichkeit."

Bevor sie am Programm teilnahmen, gehörten viele dieser Kinder zu den so genannten NEETS, die mit der Organisation eng zusammenarbeiten. So zum Beispiel Rihanna, die nach der Teilnahme an einem Bühnendesign-Kurs Assistent Professor ist. Rihanna hat mit 15 Jahren die Schule geschmissen und war dann mehr als drei Jahre arbeitslos. "Die Arbeit hier hat mir wirklich dabei geholfen, meine Social Skills zu verbessern. Hätten Sie mir all diese Fragen vor einem Jahr gestellt, wäre ich wahrscheinlich im Boden versunken. Doch heute fühle ich mich sicherer und ich bin fähig, den Schülern neuen Elan zum Lernen und Verbessern ihrer Fähigkeiten zu geben", sagt sie uns sägt an ihrem Brett weiter. Ein lokales Theater hat acht Bühnentreppen bestellt, die in zwei Tagen zu liefern sind. Viel Zeit bleibt nicht mehr, es gibt viel zu tun. An Motivation fehlt es hier in Edinburgh aber zum Glück nicht.

Dieser Artikel ist Teil des cafébabel-Projekts EU IN MOTION, mit Unterstützung des Europäischen Parlaments und der Fondation Hippocrène.