Gesellschaft

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Artikel veröffentlicht am 12. September 2007
Artikel veröffentlicht am 12. September 2007
Tallinn ist eine kleine Hafenstadt. Der Flughafen ist nicht viel größer als ein Kaufmannsladen; das winzige historische Zentrum und ein paar Wohnviertel mit Holzhäuschen komplettieren die Puppenstadt – die komplett digitalisierte Puppenstadt.

Dass "hier alles ein wenig anders ist", erfuhr ich bereits bei meiner Ankunft. Als wir zu Giovanni, einem 26-jährigen, in Tallinn lebenden Italiener gehen, um das Gepäck abzulegen, erinnert die Zimmerausstattung an die Siebziger. Es riecht nach Meer, die Möwen kreischen und ich habe das Gefühl im Urlaub zu sein, während ich mich auf meinem Laptop über einige kostenfreie Netzzugänge im Umkreis informiere. In Tallinn gibt es 359 kostenfreie WiFi-Standorte.

Das Wunder von Estland

Nach der Auflösung der UdSRR wurde das Land von der sowjetischen Bevormundung befreit. Doch ein neues Dilemma kündigt sich an: wie soll man sich in der neuen Weltordnung behaupten, wenn man weder über eine große Fläche noch Ressourcen oder eine gut entwickelte Industrie verfügt? Mart Laar, der 1992 zum Premierminister der kleinen baltischen Republik gewählt wurde, kannte die Antworten auf all diese Fragen: er ermöglichte das, was man heute gern als "estnisches Wunder" bezeichnet. Der damals erst 32-Jährige setzte auf eine liberalisierte Wirtschaft, bekämpfte die Korruption, führte die Einheitssteuer ein. Laar setzte alles auf die junge Generation.

Seine Regierung war es auch, die beschloss, alle administrativen Angelegenheiten zwischen Bürger und Regierung künftig zu digitalisieren. Die Resultate wichtiger Regierungstreffen und Parlamentsitzungen wurden im Internet veröffentlicht. Heute erntet Tallinn diese Früchte, dessen Arbeitslosenquote unter 3 Prozent liegt. Auch Steuern können via Internet bezahlt werden. Im Fall einer Steuerrückzahlung erfahren die Steuergeber direkt online, um welchen Betrag es sich handelt und wann das Geld elektronisch überwiesen wird.

In Sachen Technik gehörte Estland schon immer zur europäischen Avantgarde. "In der alten Fabrik, die heute ein Kulturzentrum ist, habe ich eine Zeitung von 1989 gefunden", sagt Ray Crowley, ein 30-jähriger Ire, der in Tallinn für Skype arbeitet. "Besonders die Farben haben mich beeindruckt", fährt Ray fort. "In Großbritannien gab es zu dieser Zeit noch keine Zeitungen, die sich sich durch so eine hohe Druckqualität auszeichneten. Außerdem fand ich einen langen Artikel über Computerviren." Damals war Estland noch nicht frei. Trotzdem beschäftigte man sich bereits mit den Bedrohungen, die von Computerviren ausgehen könnten.

Heute ist das Internet in Tallinn omnipräsent. In Cafés wird der Laptop angeschlossen. Es ist üblich den Skype-Kontakt statt die Telefonnummer anzugeben. Skype ist übrigens auch in Estland entwickelt worden.

Aus Gewohnheit rief ich brav das estländische Ministerium bezüglich eines Interviews an."Schicken Sie uns doch bitte eine Mail", wurde mir gesagt. Innerhalb von wenigen Minuten flatterte eine Antwort in meinen Postkasten.

"Hier läuft alles online" - erklärt Giovanni, der kürzlich einen Saal für ein Meeting reserviert hatte. Als er vorschlug, mit der Bezahlung vorbeizukommen, stieß er auf Verwunderung. Bargeld sei passé. Hier zahlt man per Online-Überweisung oder mit Kreditkarte. Parktickets können mittlerweile mit dem Handy bezahlt werden.

Netz der unbegrenzten Möglichkeiten

Schule, Arztbesuche oder Wahlen werden zunehmend informatisiert. Dank der vollautomatisierten Chipkarte können Alltagsprobleme zunehmend vermieden werden. Um das Gedrängel in den Arztwartezimmern zu umgehen, sollen in Zukunft auch medizinische Angaben zum Patienten auf der Karte gespeichert beziehungsweise Online-Rezepte geschrieben werden können. So steigt die Lebensqualität - insbesondere der langfristig Kranken. Im Prinzip lädt der Nutzer regelmäßig sein Konto auf - der Arzt seinerseits speichert die Patientendaten im System. Daraufhin kann der Patient beispielsweise in die Apotheke gehen, seine Karte in den Leser schieben und sein Rezept einlösen.

Estland ist Vorreiter in Europa. Als einzige Nation der Europäischen Union geben Esten seit 2005 ihre Wahlstimmen über das Internet ab. "Erst durch die Möglichkeit der elektronischen Stimmabgabe wurden die Wahlen hier richtig demokratisch", sagt der 24-jährige Priit Vinkel, Leiter der estnischen Wahlabteilung. In Estland kann man auf 14 verschiedene Art und Weisen seine Stimme abgeben.

"Viele Estlen arbeiten im Ausland oder auf See und können nicht nach Hause kommen. All diese Menschen, auch Kranke und Behinderte nehmen nun im Internet an den Wahlen teil." Es dauert nur eine Minute." Priit ist davon überzeugt, dass verfälschte Ergebnisse ziemlich unwahrscheinlich seien. "Jedes Land hat Informationen über eigene Bürger", sagt er an einem Kaffee nippend. "Wir haben keine andere Wahl, wir müssen den Computerspezialisten mit Pferdeschwänzen vertrauen, die sie bewahren", schlussfolgert er.

Auch junge Menschen profitieren in Tallinn von der digitalen Welle. Die Universität versucht den Bedürfnissen der beschäftigten Studenten gerecht zu werden, die oft schon während des Studiums anfangen zu arbeiten. Wenn ein Student an einem Kurs nicht teilnehmen kann, loggt er sich einfach auf der Internetseite der Universität ein und kann der Vorlesung online folgen. Die Seminarinhalte werden gleichzeitig auf DVD aufgezeichnet, um den Studenten, die weder in den Unterricht kommen noch die Übertragung verfolgen können, entgegenzukommen. Diese DVD kann man anschließend käuflich erwerben. Vorlesungen, Folien, Notizen und sogar ganze Buchkapitel lassen sich vom Universitätsserver herunterladen. Werden die Kurse dann überhaupt noch besucht? Obwohl man oft sagt - die Studenten seien faul - sie kommen trotzdem. "Es kommen solche, die auf die traditionelle Vorlesungsatmosphäre Wert legen und gern mit dem Professor diskutieren wollen", sagt Moonika Olju, Koordinatorin für Europäische Studien. "Von Zeit zu Zeit, insbesondere im Winter, wenn die Temperatur unter 0 Grad sinkt und es schon um 14 Uhr dunkel wird, kommen nur drei bis vier Studenten zur Vorlesung. Am Anfang waren unsere Dozenten irritiert, aber mittlerweile haben sie sich an die Situation gewöhnt und können mit dem gleichen Engagement eine Vorlesung vor einer Person oder vor vollem Hörsaal halten".

Sicherheit des Cyberspace

Die zunehmende Informatisierung des Landes wird von der Mehrheit der Bevölkerung als großer Vorteil empfunden. Aber auch kritische Stimmen werden laut: das System sei angreifbarer und würde zudem auch soziale Ausgrenzung bedeuten. Die 21- jährige Mariann, Kellnerin in einem Altstadt-Pub, meint, die Informatisierung sei nur für Auserwählte. "Es ist nich fair, dass Leute, die sich keinen Computer leisten können oder aufgrund ihres Alters nicht mehr mitkommen, automatisch als Bürger zweiter Klasse eingestuft werden".

Ebenso sorgten die Cyber-Angriffe auf die estnischen Server nach der Entfernung des bronzenen Sowjetdenkmals für Debatten. Auch wenn das 'Cyber Crime Center' direkt eingeschaltet wurde, um die verantwortlichen Hacker zur Rechenschaft zu ziehen, bleiben Fragen offen: Könnte ein Angriff auf das Computersystem die Nation ins Wanken bringen? Ein Mitarbeiter der estnischen Hansapank, der anonym bleiben wollte, ist skeptisch. "Das Zentrum hat das Hauptproblem nicht gelöst. Sie haben nur den Zugang von Computern mit ausländischen IPs zu estnischen Servern blockiert. Damit war das Hacker-Problem aus der Welt geschafft. Gleichzeitig wurden aber auch Zugänge zu Bankkonten von in Ausland lebenden Esten gesperrt. Sowohl der Angriff als auch die Reparaturarbeiten haben ernsthaften Schaden verursacht. Ich nehme an, dass wir uns in Zukunft häufiger auf diese Art von Situation einstellen müssen."