Gesellschaft

Drogen, Gewalt: Mexikos demokratische Hoffnung geht gegen Null

Artikel veröffentlicht am 5. März 2008
Artikel veröffentlicht am 5. März 2008
In Mexiko fehlt es an Gerechtigkeit, Reformen sind gescheitert, die Bevölkerung misstraut den Institutionen. Drogendealer und Schwarzhändler üben einen permanenten Druck auf eine immer gewalttätigere Gesellschaft aus.

Sieben Jahre sind seither vergangen: Im Juli 2000 sah es noch so aus, als hätte Mexiko seine demokratische Zukunft gesichert. Endlich hatte man dem korrupten Regime der PRI, der revolutionären institutionellen Partei, die 71 Jahre lang am Ruder war, ein Ende gesetzt. Aber für die mexikanische Gesellschaft stagniert das Land seitdem weiter. Unsicherheit regiert: Täglich gehen in Mexiko City 411 Anzeigen wegen Körperverletzung ein.

Korruption auf allen Ebenen

Mangels Gerechtigkeit löst sich die Gesellschaftsordnung auf. In der Stadt missachten die Autofahrer die Verkehrsordnung. Korruption ist das Wort der Stunde. Die Lehrergewerkschaft verkauft die Posten des Kultusministeriums. Politiker arbeiten in ihre eigenen Taschen. Im Grunde genommen betrügt jeder. Es ist illusionistisch, dabei im legalen Rahmen zu bleiben. Die Konsequenz daraus: Zahlreiche Konflikte werden auf radikale Art und Weise geregelt. Mexiko hat eine der höchsten Mordraten der Welt. Auf 100.000 Einwohner fallen 15 Attentate. Der Anteil ist somit zehn Mal höher als der europäische Durchschnitt.

Für 5 Pesos kann man sich In La Puebla de los Ángeles die Windschutzscheibe sâubern lassen (Foto: beto (kuh)/flickr)

Elena Azoala ist Beraterin des Generalstaatsanwalts der Republik und Soziologieprofessorin: "Die Ursachen der Gewalt sind mit den enormen sozialen Ungleichheiten verbunden. Nicht nur die Armut ist ein Grund, sondern vor allem der Unterschied zwischen denen, die wenig verdienen und denen, die unheimlich reich sind. Es ist unglaublich, dass Mexiko 12 Multimilliardäre besitzt und 60 Prozent der Bevölkerung von weniger als drei Dollar am Tag lebt!“

Die versteckte Arbeitslosenquote ist hoch. Viele Mexikaner haben einen Verdienst, der ihnen ein Leben in Würde verwehrt. Die weit verbreitete Armut bringt Straftäter hervor, besonders unter den jungen Leuten, die keine Arbeit finden und deshalb in die Kriminalität - häufig verbunden mit Drogen, Diebstahl, Prostitution und Schwarzhandel - abrutschen.

Kampf gegen die Kartelle

Die Konfrontationen der Kartelle wurden häufig übermediatisiert: Abrechnungen auf offener Straße, Enthauptungen, blutige Schießereien, atemberaubende Sicherstellungen von Tonnen an Kokain. Diese Gewalt fasziniert bestimmte Gesellschaftsschichten und hat zur Gründung einer "narco"-Kultur geführt, mit so genannten "narco-corridos", Liebesliedern, die von den Heldentaten der Drogenhändler erzählen und die Gewalt banalisieren.

Für Catherine Heaux, die sich auf das "narco-corridos"-Phänomen spezialisiert hat, ist diese Banalisierung schwerwiegend: "Diese Lieder, die sich millionenfach verkaufen, verherrlichen Gewalt, Männlichkeitskult, Korruption, Geld, den persönlichen Profit frei von jeglicher Moral. Sie verweisen auf ein soziales Universum, in dem nichts mehr schockiert", sagt Heaux. "Das bedeutet, dass der ganze Aufwand, der betrieben wurde, um Mexiko zu demokratisieren, auf keinerlei Echo bei diesen Leuten stößt. Es ist eine Rückkehr zum Fatalismus: Man lebt lieber fünf Jahre lang wie ein König als 55 Jahre lang arm."

Morde an Frauen

Zwischen 1999 und 2006 wurden in Mexiko mehr als 7000 Frauen getötet: So die offizielle Zahl, die jedoch nur Fälle von Totschlag berücksichtigt: "Dies ist lediglich die Spitze des Eisberges einer generellen Gewalt, die von einem Staat toleriert wird, der nie eine Reform umsetzen konnte, um diesem Phänomen Einhalt zu gebieten", betont Marcela Lagarde von der internationalen Union der Frauen. Sie präzisiert, "dass in der Mehrheit der Fälle die Justiz nie einen Schuldigen gefunden oder festgenommen hat."

Die Gewalt gegen Frauen findet ihren Höhepunkt mit den Morden in der Stadt Juarez. In dieser Grenzstadt im Norden von Mexiko befinden sich die "maquiladoras"- Fabriken, Schraubenzieherfabriken, die hauptsächlich weibliche Arbeitskräfte beschäftigen. 500 junge Frauen, die Mehrheit davon Singles, wurden ermordet, vergewaltigt, verstümmelt aufgefunden, ohne dass die Regierungen von Vicente Fox oder Felipe Calderon etwas dagegen unternommen haben.

Maria Lopez Urbina, eine Richterin, die von Vicente Fox ernannt wurde, hat Akte für Akte noch einmal durchgesehen und die Eltern der Opfer befragt. Ein halbes Jahr später legte sie ihre Ergebnisse dem Präsidenten vor und wies darauf hin, dass sich in den Berichten der Polizei, der Staatsanwaltschaft und sogar der Untersuchungsrichter mehr als 100 Anomalien gefunden hätten. Sie hat damit zahlreiche Fahrlässigkeiten, Unterlassungen, Justizbehinderungen sowie die stetig anhaltende Korruption an die Öffentlichkeit gebracht. Nachdem Maria Lopez Urbina diese, für die Justizverwaltung beschämende, Liste übergeben hatte, wurde sie ihres Amtes suspendiert. "An so etwas lässt sich institutionelle Gewalt messen!" betont Marcela Lagarde.

Fotos: La Puebla de Los Ángeles (beto (kuh)/ flickr),(bunchofpants/flickr), Textilindustrie in Tijuana (andy_wallis/flickr)