Gesellschaft

Diskriminierung: Vom unmöglichen Suchen und Finden einer Wohnung in Paris

Artikel veröffentlicht am 13. Januar 2010
Artikel veröffentlicht am 13. Januar 2010
Die wahren Pariser können ein Lied davon singen. Auch sie benötigen in der Regel mehrere Monate, um eine Wohnung in Paris „intra-muros“, das heißt in einem der 20 Arrondissements, zu finden. Häufig lassen sie eine Agentur etwas Passendes für sie suchen. Was für Pariser schon schwierig ist, ist für Ausländer quasi unmöglich! Ein Bericht über den grausamen Pariser Wohnungsmarkt.

Wie finanzierst du deine Wohnung? So lautet häufig die erste Frage an den frischgebackenen Wahlpariser. Wenn man sich die Frage nicht selbst stellt, tun es Freunde oder Eltern. Das Zusammenleben mit dem neuen französischen Mitbewohner oder Kommunikationsprobleme ganz allgemeiner Natur sind zunächst nebensächlich. Miethöhen sind ein beliebteres Thema oder auch der Stoff, aus dem Albträume gemacht sind. Es ist kein Geheimnis, dass Paris zu den teuersten Pflastern der Welt gehört. Die Mietpreise steigen kontinuierlich. 2006 erreichten sie einen Höhepunkt. Doch auch 2009 zahlt der Mieter je nach Viertel noch zwischen 17 und 25 Euro pro m2. Angesichts der schlechten Verfassung mancher Gebäude fragen sich viele Wohnungssuchende, wie diese horrenden Mietpreise - Tendenz steigend - noch zu rechtfertigen sind.

Vermieter haben die Qual der Wahl

Zakaria, 24, studiert seit November in Paris. Er erinnert sich ungern an seine Wohnungssuche. Seine marokkanische Nationalität erschwerte die Einreise und die Immatrikulation an seiner Universität. Noch komplizierter hätte es bei der Wohnungssuche werden können. Vermieter verlangen von Personen ohne geregeltes Einkommen - Studenten, Praktikanten, Schülern - eine Bürgschaft. Erwartet wird, dass der Bürge im Ernstfall spontan drei Monatsmieten vorstrecken kann. Doch damit nicht genug - er muss zudem in Frankreich berufstätig sein.

An diesem Siebprozess scheitern die meisten: Und den vom Pariser Wohnungsmarkt verwöhnten Vermietern kann das ziemlich egal sein. Bei bis zu 50 Interessenten auf eine Annonce sortieren sie die schwierigen Fälle einfach aus. „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber ich gehe ungern ein Risiko ein“, so begründen Vermieter die Ablehnung nicht-französischer Anwärter. Der am häufigsten genannte Vorwand ist die Angst, Mieter außerhalb Frankreichs gerichtlich verfolgen zu müssen.

Als ausländischer Student hat man in Paris schlechte Karten bei der Wohnungssuche

Zakaria hatte bei seiner Ankunft weder Verwandte noch erwerbstätige Freunde in Paris. Er entschied sich für die Suche im Internet und wurde relativ schnell fündig, auf der Webseite www.appartager.fr. Seine aktuelle Lebensweise sei jedoch ungewohnt für ihn, wie er gesteht. Er schläft im Zimmer des eigentlichen Mieters, während dieser sein Lager in der Küche aufgeschlagen hat.

Wohnheimplatz - ein Sechser im Lotto

Viele ausländische Studenten denken, dass sie notfalls das französische Studentenwerk (C.R.O.U.S.) um Unterstützung bitten können. Die Einrichtung bietet jedoch nur knapp 4.000 Zimmer innerhalb von Paris an. Entsprechend begehrt sind die vergleichbar günstigen Wohnflächen. In Realität haben nur Austauschstudenten Anrecht auf ein Zimmer im Wohnheim.

Die kanadische Studentin Emilie G. hatte großes Glück. Sie hat über das Abkommen zwischen ihrer Heimatuniversität und einer Pariser Schule Anspruch auf ein geschmackvoll eingerichtetes Zimmer in der „Cité U“ im Süden von Paris. Doch welchen Status besitzen ausländische Studenten, die ihren eigenen Weg gehen und sich beispielsweise an der Sorbonne bewerben, ohne von den Vereinbarungen eines Austauschprogramms zu profitieren? Die Antwort ist: Keinen. Bei der Suche nach einer Wohnung ist auch die europäische Staatsbürgerschaft eher selten von Nutzen. Zwar kann jeder EU-Bürger nach Paris reisen - dort eine Wohnung zu finden, ist jedoch eine Kunst, die vor allem Leute beherrschen, deren Förderer ein dickes Portemonnaie besitzen.

Wann kommt der Streik gegen die schlechte Wohnlage für Studenten

Bei Papa auf Pump

In Internetforen werden von verzweifelten Ankömmlingen die Risiken von Mietfonds diskutiert. Um problemlos die Solvabilität der im Ausland lebenden Eltern beweisen zu können, werden nicht selten Summen von bis zu 8.000 Euro auf einem französischen Konto deponiert. Die Bank macht die Sparanlage offiziell und freut sich über die Summe, die sie nicht einmal verzinst. Selbstverständlich können nicht alle Wohnungssuchenden so viel Startkapital mobil machen. Vor allem angesichts der schwindelerregenden Lebensmittelpreise in Paris.

Vermieter und Ratgeber im Internet legen deshalb nahe, sich einen sogenannten Locapass zu beschaffen. Diese Art Versicherung privater Anbieter (Action Logement) sichert die Mieter im Pleitefall ab und stellt zinsfreie Garantien zur Verfügung. Allerdings können nur Personen mit festem Gehalt den Locapass beantragen. Auch Praktikanten sind zugelassen, unter der Voraussetzung, dass sie bezahlt werden, was heutzutage bekanntlich selten der Fall ist. Der Locapass ist jedoch keine todsichere Garantie: Denn Vermieter werden vermutlich im Zweifelsfall einen französischen Bewerber auswählen.

Was bleibt Ausländern dann übrig? Die überlasteten Seiten für die Suche nach freistehenden WG-Zimmern sind eine Möglichkeit. Wenigstens können sie sicher sein, dass eine internationale Wohngemeinschaft keine Probleme mit wählerischen Vermietern hat. Kiki, 20, kam aus beruflichen Gründen nach Paris, um als Model für eine weltbekannte Agentur zu arbeiten. Ein befreundeter Fotograf hieß sie bei sich willkommen, im zentralen 5. Arrondissement. Kiki spricht wenig Französisch und kannte niemanden in Paris. Deshalb nahm sie das sehr teure Angebot ohne zu zögern an. Da sie sich nur für wenige Monate in Frankreich aufhält, akzeptiert sie eine horrende Miete von 900 Euro.

Die nationale Wohnbeihilfe (CAF), welche junge Menschen vom Staat beziehen können, hat Kiki nicht beantragt. In der Tat ist der Antrag, bestehend aus 4 Seiten oder mehr, keine leichte Kost. Die Bearbeitung kann bis zu 2 Monate dauern. Da kann man sich auch den Stress sparen und mehr zahlen. Immerhin verdient Kiki durch die Shootings nicht schlecht. Doch für viele ausländische Studenten ohne Einkommen, oftmals lost in translation und weit entfernt von ihrer Heimat, wird der Traum vom Studium in Paris schnell zum Horrortrip.

Fotos: ©++zola++/flickr; beta.robot/flickr; philippe leroyer/flickr