Gesellschaft

Die "Zigeuner"-Lynchjustiz von Neapel

Artikel veröffentlicht am 29. Mai 2009
Artikel veröffentlicht am 29. Mai 2009
Eine Bestandsaufnahme aus Ponticelli, Siedlung der Roma am Stadtrand von Neapel: Was bleibt nach Lynchjustiz, den Bränden und den Zwangsräumungen?

An Regentagen hörte man das Prasseln des Wassers auf den Dächern der Baracken von Ponticelli bis ins Zentrum von Neapel. Von den 13 Lagern, die es am Stadtrand im Mai 2008 gab, sind drei, vielleicht vier übrig geblieben. Nach der Flucht der « Zigeuner » sieht alles anders aus: Weg sind Wohnwägen, die Hütten zerstört, und auch mit dem Lärm, den der Regen auf den Wellblechdächern verursachte und der die Nachbarschaft so störte, ist jetzt Schluss.

“Wir haben sie weggejagt”

Gianni präzisiert, nachdem wir ihn in der Virginia-Woolf-Straße nach den Lagern fragen, die Vorgänge: “Wenn ihr die Roma sucht, da werdet ihr nichts mehr finden. Wir haben sie weggejagt. Wir haben alles niedergebrannt, nachdem sie geflohen sind.” Die italienischen Zeitungen haben den Bränden im Mai wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Wie sie einer nach dem anderen mitgenommen wurden, Kinder, Männer, Alte, Frauen, von ihren Wohnungen weggebracht und zum Untertauchen gezwungen. Manche entfernten sich nur wenige Meter, um abzuwarten, bis der Zorn der Italiener verrauchte, nur um dann mit anzusehen, wie diese nachts zurückkehrten und alles niederbrannten, was sie nicht schon am Nachmittag zerstört hatten.

In der Siedlung, die sich unter der Brücke der Autobahn A3 von Neapel nach Salerno befindet, sind die Zeichen des Brandes vom vergangenen 13. Oktober unverkennbar. “Sie wollen uns alle wegjagen. Alle. Sie wollen uns nicht mehr hier. Sie schreien mit aller Kraft: Haut ab! Haut ab! Sie haben wieder angefangen, mich “Kinderdieb” zu nennen. Auch meinen Vater haben sie so beschimpft, aber dann hatten sie eigentlich damit aufgehört. In Neapel fühlten wir uns wohl.” In Neapel fühlten sie sich wohl, das wiederholt er mehrmals. Das ging gut, bis ein Roma-Mädchen des versuchten Kinds”raubes” beschuldigt wurde. Nach dieser Episode vom vergangenen Mai in Ponticelli wuchs die Intoleranz der Bevölkerung gegenüber den Nomaden, die seit Jahren am Rand der Stadt leben. Diese wurde außerdem durch die populistische und rassistische Hetzpropaganda der Lega Nord geschürt.

Das Sicherheitspaket: Registrierung und Räumung

"Wir beuten unsere Kinder nicht aus!"

Seit dem letzten Frühling folgten durch Verwaltungsverordnungen und Initiativen, die Zustimmung in der Bevölkerung zu haben scheinen, Besetzungen, Räumungen und Registrierung im gesamten Gebiet der Halbinsel, von Mailand bis Foggia, von Neapel bis Rom, Schlag auf Schlag. Nico hat seine Tochter Sara - “Sara ist die Mutter des Volkes der Roma” - auf dem Arm, während er von seinem Leben als Zigeuner im letzten halben Jahr erzählt: “Sie wollten die Fingerabdrücke unserer Kinder nehmen, aber warum bloß? Sie sind Kinder, sie leben mit uns. Sie leben dasselbe Leben wir wir. Wir beuten unsere Kinder nicht aus.” Sara formt mit ihren Händen die Geste des “manghel”, die ausgestreckten Hände zum Betteln. Sie bekommt eine Münze, legt sie aber auf den Tisch zurück und zeigt stattdessen auf den Kugelschreiber.

“Wir leben von Almosen. Wenn wir arbeiten könnten, wenn uns jemand eine Arbeit anbieten würde, müssten wir nicht betteln. Aber vielleicht würden wir es dennoch tun, auch wenn wir Arbeit hätten. Das ist einfach so, wenn man Roma ist. Mein Großvater ist so aufgewachsen, der Großvater meines Großvaters und mein Vater. Und so wachsen auch meine Kinder auf. Die Hände auszustrecken und um Hilfe zu bitten, ist nicht stehlen. Mit den Ratten zu leben, ohne sich waschen zu können und mit Zecken am ganzen Körper, das ist nicht besonders lustig. Siehst du hier etwa einen Reichen, den es amüsiert, den Bettler zu mimen?” Den “Bettler” (“il pezzente”) spricht er Neapolitanisch aus, “U’ pzzent’”.

Ich weiß nur, dass ich oft nichts zu essen haben, dass ich mich nicht waschen kann.

Nico weiß nur zu gut, was man über die Zigeuner sagt, dass sie ihre Armut nur vortäuschen und in Wirklichkeit große Reichtümer besitzen. “Es gibt welche mit Geld. Es gibt Kriminelle, hier in Neapel gibt es viele von ihnen. Und auch die Neapolitaner, die stehlen, nennen sie “zinka’r” (“Zigeuner”). Ob es viele oder wenige sind, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich oft nichts zu essen haben, dass ich mich nicht waschen kann, dass ich geschlagen wurde, dass die Leute mich für schlecht halten und dass sie meine Kinder und meine Frau wie Kriminelle ansehen. Wenn Anna betteln geht und lange nicht zurückkommt, gehe ich sie suchen und das immer mit dem Gedanken: Jetzt haben sie sie wegen Ausbeutung von Minderjährigen verhaftet und nehmen mir die Kinder weg.”

Bevor sie die “kampina”, wie die Roma den Wohnwagen oft nennen, betreten, ziehen Anna und ihre Tochter die Schuhe aus, Julia zeigt ihrem “dad” (Papa auf Romani) die Münzen und legt die nicht verkauften Hörnchen auf einen Stuhl. Dann lächelt sie. Nico steht auf, um zu sehen, was draußen vor sich geht. “Sechs weitere gehen weg”, ein Piaggio Ape fährt mit Paketen und Personen beladen in Richtung Zentrum davon. “Sie gehen nach Rumänien zurück - mit einem Bus, der wenig kostet.” Die Busse werden von der Agentur Atlassib organisiert, die von ganz Europa aus das Ziel Bukarest ansteuert. In Italien gibt es jeden Abend um 23.30 Uhr einen Bus von Tarent aus, der die Halbinsel durchquert und zwischen Ungarn und Rumänien Dutzende Pflegekräfte und Roma absetzt. “Ich gehe nicht nach Costanza (rumänische Stadt am Schwarzen Meer) zurück. Ich habe kein Geld, um vier Fahrtkarten zu bezahlen, und ich will auch nicht. Berlusconi sollte nicht uns nach Rumänien zurückschicken, sondern sich um die Italiener dort kümmern, die stehlen und so krumme Geschäfte machen.” Dabei formt er mit Zeigefinger und Daumen eine Pistole, “Boom!”