Gesellschaft

„Die Zentralbank kann es nicht allen recht machen“

Artikel veröffentlicht am 25. September 2006
Artikel veröffentlicht am 25. September 2006
Der Ökonomon José García-Montalvo erklärt im Interview, warum die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank die Wohnungspreise in Spanien steigen ließ.

José García-Montalvo ist Wirtschaftsprofessor an der Universitat Pompeu Fabra in Barcelona und hat die Preisentwicklung von Wohnungen in Spanien untersucht. Er ist Mitglied des Instituts für Wirtschaftsforschung in Valencia und schreibt regelmäßig für die Presse.

Herr García-Montalvo, die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt ist für die Geldpolitik der Euro-Zone verantwortlich. Ist sie daran schuld, dass die Wohnungen in Spanien immer teurer werden?

Ziel der EZB ist die Preisstabilität in der gesamten Euro-Zone. Eine komplizierte Aufgabe, wenn man bedenkt, dass diese aus zwölf Ländern besteht und jedes dieser Länder wirtschaftlich anders dasteht. Da kann man es nicht allen recht machen.

Frankfurt bestimmt die Zinssätze, die die Europäer für ihre Hypotheken bezahlen. Seit der Einführung des Euro am 1. Januar 2002 legt die EZB niedrige Zinsen fest, weil sie Investitionen anregen und den schwachen Volkswirtschaften Frankreichs und Deutschlands wieder aufhelfen will. Diese Politik geht jedoch an der Wirtschaftslage in anderen Ländern vorbei. Dazu zählt auch Spanien, das ein gutes Wachstum aufweist. Die Politik der Zentralbank ließ die Zinsen in Spanien von 14 Prozent in den 90er Jahren auf 2 Prozent im Jahr 2005 sinken.

Welche Folgen hatte das für den Immobilienmarkt?

Zahlreiche Familien kauften viel und waren bereit, sich zu verschulden. Sie nahmen Kredite mit einer Laufzeit von bis zu 50 Jahren auf. Die Preise für Wohneigentum und die Inflationsrate schnellten in die Höhe. Allein im Jahr 2006 wurde mit dem Bau von 800 000 neuen Wohnungen begonnen – mehr als in Großbritannien, Frankreich und Deutschland zusammen. In Spanien leben 44 Millionen Menschen, ein Land von der Größe der USA kommt auf eineinhalb Millionen Wohnungen pro Jahr.

Ist dieser Bauboom positiv oder negativ für die Wirtschaft Spaniens?

Die niedrigen Zinsen haben Spekulanten angelockt, die die geringen Kosten der Verschuldung ausnutzen. Wenn der Preisanstieg nur auf Spekulationen zurückzuführen ist, spricht man von einer Immobilienblase. In so einem Fall ist das Wachstum nur vorgetäuscht und von kurzer Dauer. Früher oder später platzt die Blase, so wie in Großbritannien und Hong Kong. Dort kam es zu einem Preisverfall von bis zu 30 Prozent des Wohnungswerts.

In diesem Fall kann es vorkommen, dass die Belastungen durch die Hypotheken höher sind als der Marktwert der Wohnung. Der letzte Bericht des Internationalen Währungsfonds warnt vor einer möglichen Abkühlung des Immobilienmarkts in Spanien. Die Menschen glauben, dass sie weniger Geld zur Verfügung haben und kaufen weniger Wohnungen.

Und wie ist die Lage in den übrigen Ländern Europas?

Der Immobilien-Boom begann in mehreren Ländern gleichzeitig, etwa in Irland, Spanien und Holland. Doch in den ersten Jahren nach der Euro-Einführung betrieb die EZB eine Zinspolitik, die eindeutig die Länder mit dem Problem niedriger Wachstumszahlen wie Deutschland und Frankreich begünstigte.

Was können die nationalen Regierungen dann gegen hohe Wohnungspreise tun?

Die Steuerpolitik liegt immer noch in der Macht der Regierungen. Sie müssen über Steuern und Anreize die Einschränkungen ausgleichen, die eine gemeinsame Geldpolitik von zwölf Ländern mit sich bringt. Nehmen wir das Beispiel Spanien: Um den Preisanstieg für Wohnhäuser zu stoppen, müsste verstärkt vermietet werden, derzeit sind nur neun Prozent der spanischen Wohnungen Mietwohnungen. Auch müsste man die Steuerentlastungen beim Wohnungskauf beseitigen. Doch das kommt bei den Wählern schlecht an und bisher hat sich noch keine Wohnung daran gewagt“.

Wie ist die Lage in Osteuropa?

Die internationalen Investoren verlassen Spanien zugunsten von attraktiveren Märkten wie Osteuropa, Südostasien oder China. Länder wie Kroatien verfolgen denselben Weg, zu Wirtschaftswachstum zu gelangen wie Spanien: Durch die urbane Ausbeutung der Küste.

Welche Faktoren außer dem Zinssatz spielen beim Anstieg der Wohnungspreise eine Rolle?

Die Preise steigen auch mit der Zahl der Einwohner. Doch ein demographisches Wachstum könnte heute nur noch durch Immigration erreicht werden. Doch in Ländern wie Frankreich, wo das Wachstum der Bevölkerung bei fast Null liegt, steigen die Preise trotzdem. Auch die Baukosten beeinflussen den Preis, diese waren in den letzten Jahren jedoch stabil.

Letztlich muss man auch über die Konjunktur sprechen. Wir beobachten derzeit einen Preisanstieg, der Länder innerhalb und außerhalb der Euro-Zone betrifft. Und der Grund dafür sind sinkende Zinsen.

Ist ein Wohnungskauf immer die beste Investition?

Es gibt den Volksglauben, dass eine Wohnung eine sichere Investition ist und der Wert von Wohneigentum immer steigt. Aber wir sollten uns daran erinnern, dass Zinssätze auch wieder steigen können und die Wohnungspreise genauso wie sie steigen, auch sinken können. Das ist schon oft und in vielen Ländern vorgekommen. Auch in Spanien.