Gesellschaft

Die Wüste bepflanzen: Erziehung zum Umweltschutz im Niger

Artikel veröffentlicht am 7. Dezember 2010
Artikel veröffentlicht am 7. Dezember 2010
Das "blaue Wüstenvolk" der Tuareg zu lehren, wie man als Bauer und Viehzüchter hohe Erträge erreicht und gleichzeitig die Umwelt achtet: Dieser Herausforderung stellt sich der gemeinnützige Verein Les Cultures aus Italien, der ein Projekt mit zwei Jahren Laufzeit zum "Schutz der Artenvielfalt und der Landschaft" im Niger finanziert.
Die Zivilgesellschaft engagiert sich und setzt mit den wenigen, ihr zu Verfügung stehenden Mitteln das in die Praxis um, wozu die mächtigsten Politiker noch nicht aufzurufen wagen.

Es waren einmal die Tuareg. Oder besser: Es war einmal ein Nomadenvolk. Im Laufe der Zeit sind diese Völker der Sahara nämlich sesshaft geworden und haben begonnen, die Wüste unter sich in verschiedene Staaten aufzuteilen, deren Grenzen genau festgelegt sind. Was folgte daraus? Der Alltag der Tuareg ist nicht mehr lediglich von Handel und Tausch geprägt, ihren traditionellen Einnahmequellen, sondern auch von neuen Tätigkeiten wie Ackerbau und Viehzucht.

Um ihnen zu helfen, die knappen verfügbaren Ressourcen besser zu nutzen und sie gleichzeitig für den Umweltschutz zu sensibilisieren, ist der gemeinnützige Verein Les Cultures aus dem norditalienischen Lecco mit Unterstützung des ortsansässigen Vereins AFAA (Assemblée de formateurs et animateurs d’Agadez) in der Region Agadez im Niger am Rand der Sahel-Wüste mit einem zweijährigen Projekt zum "Schutz der Artenvielfalt und der Landschaft" aktiv geworden.

Alles begann im Mai 2009. Das Projekt verfolgt zwei Hauptziele: Zum einen werden kleine Gebäude errichtet, die dazu dienen, Wasser auf dem Gelände aufzubewahren und das Wachstum neuer Pflanzen sowie eine Anhebung des Grundwasserspiegels zu fördern; zum anderen wird eine Reihe von Weiterbildungskursen für die dort lebenden Bauern und Viehzüchter konzipiert, um die Verbreitung umweltschonender Arbeitsmethoden zu fördern, die aber mittelfristig auch auf eine Steigerung des Ertrags abzielen.

Bei den Gebäuden handelt es sich um so genannte banquettes, diguettes und cordons pierraux, d.h. um kleine Steinhäuser, die mithilfe von vor Ort verfügbarem Material und Arbeitskräften errichtet wurden, um das Wasser auf effizientere Weise zu kanalisieren und das Erdreich während der Trockenzeit vor Erosion und während der Regenzeit vor Rinnsalbildung (hierunter versteht man den Verlust von Wasser, das vom Boden nicht mehr aufgenommen werden kann) zu schützen. Die Kurse richten sich sowohl an Bauern als auch an Viehzüchter. Für die Bauern werden Kurse zur Nutzung von Pestiziden, zu den Risiken der Monokultur, zur Tropfenbewässerung, zur Bildung von Genossenschaften und zu Methoden der Aufbewahrung von verderblichen Produkten angeboten. Die Viehzüchter haben bereits Unterricht erhalten, inbegriffen war hier die Eröffnung kleiner Tierarztpraxen, so dass die Gesundheit der Tiere gewährleistet werden kann, die in dieser Gegend für den Lebensunterhalt sehr wichtig sind.

Bauern und Viehzüchter haben jedoch häufig unterschiedliche Interessen, es kommt sogar zu Streitigkeiten um die Aufteilung des Gebiets in Flächen, die für den Ackerbau und Flächen, die für die Viehzucht bestimmt sind. Aus diesem Grund ist es nötig, die Bevölkerung in die Verwaltung der Flächen einzubeziehen. Hier kommt ein Begriff ins Spiel, der laut Angelo Turco - ordentlicher Professor für Geographie an der Universität L'Aquila - für Zusammenarbeit im Umweltschutz in Westafrika grundlegend ist, nämlich das Begriffspaar Gesetzmäßigkeit / Legitimität, dessen Bedeutung für die europäische Kultur auf das antike Griechenland zurückzuführen ist. "Man muss wissen", erklärt Turco, "dass die Gesetzmäßigkeit sich auf staatliche und administrative Gesetzestexte und Anordnungen stützt, ebenso wie auf das internationale Recht (Konventionen und Abkommen); die Legitimität aber beruht auf traditionellen schwarzafrikanischen Institutionen (politischer und religiöser Natur oder für die Verteilung von Grundbesitz zuständig), die in erster Linie danach fragen, ob man aus der Sicht der Tradition und der traditionellen Werte richtig handelt."

Diese Analyse hilft dabei, die Konflikte, die in dieser Region entstanden sind und in einer unsicheren Situation andauern, von einem anderen Standpunkt aus zu betrachten: Gesetzmäßigkeit und Legitimität sind dort nicht gleichbedeutend und können oft Streitigkeiten verursachen, die auf das empfindliche Ökosystem und die Artenvielfalt fatale Auswirkungen haben.

Vielen Dank an die Fotografin Julia Winckler, die diese und die anderen Fotos der Serie "Stories from Agadez" auf dem Reisen, Orten und Kulturen gewidmeten Festival "Immagimondo 2010" in Lecco ausgestellt hat.

Alle Fotos: ©Julia Winckler