Gesellschaft

Die Ungarn wollen sanfte Reformen

Artikel veröffentlicht am 24. Oktober 2006
Artikel veröffentlicht am 24. Oktober 2006
Die neue ungarische Elite holt den Aufstand von 1956 und die Symbole des Kommunismus aus der Mottenkiste. Ihr Ziel: Die Liberalisierung des Landes an den Mann bringen.

Die Ungarn setzen den Untergang des Kommunismus mit der Zerstörung seiner Symbole gleich. Damit einher geht die strikte Weigerung, den Beitrag des Kommunismus zur Geschichte und zur Entwicklung des Landes anzuerkennen.

Die Realität ist allerdings nicht ganz so einfach. Zwar kann für einen Neuanfang ein klarer Bruch mit der Vergangenheit notwendig sein. Doch bei der Einführung liberaler Prinzipien kann es auch sinnvoll sein, die Symbole der Vergangenheit aufzuwerten. Vielleicht haben sich Länder wie Polen oder Ungarn gerade deshalb nie mit der Wende von 1989 auseinandergesetzt.

Radikale Reformen

Die Ungarn beschäftigen sich jedenfalls nur zögernd mit der Zeit vor 1989. Das mag dadurch zu erklären sein, dass sie immer noch von der Gewalt traumatisiert sind, mit der die Sowjets 1956 den Budapester Aufstand niederschlugen. Zum anderen wurden sie in den 70ern durch das Regime Janos Kadars besänftigt. Er hielt in der Außenpolitik zwar treu zu Moskau, setzte innenpolitisch aber einige Reformen durch.

Vielleicht lieben die Ungarn deshalb eine Politik der kleinen Schritte. Ende der 80er ließen sie die abdankende kommunistische Elite die Bedingungen für den Wandel aushandeln. Bei den ersten freien Wahlen wählten sie dann Josef Antall wegen seiner Ausstrahlung als „gutem Familienvater“ zum Premierminister.

Die neue politische Elite ist sich dieser Tatsachen bewusst. Deshalb versucht sie trotz manch radikaler Reform, den Bruch mit dem Regime vor 1989 so sanft wie möglich zu gestalten. Je nach politischer Couleur machen sich die Parteien die alten kommunistischen Symbole daher mehr oder weniger stark zunutze. Man versucht, historische Kontinuität zu wahren, sucht aber auch nach einer Grundlage, um ideologische und politische Entscheidungen zu rechtfertigen.

Die neue politische Führung greift ohne Zögern auf die alten Sowjet-Symbole zurück, um ihre Politik zu untermauern. So erhob sie den Platz der Freiheit in Budapest zum Symbol des Kampfes gegen den Totalitarismus – und dass, obwohl die Rote Armee genau dort 1945 den Sieg errang und der Sowjetunion so den Weg für die Besetzung des Landes ebnete. Und selbst der ultra-liberale Premierminister Viktor Orban (1998-2002) lies sich für seine Wahlkampagne vom sozialistischen Familienideal inspieren: „Drei Kinder, drei Zimmer, und vier Räder“.

Genauso nimmt die sozialistische Fortschrittspolitik breiten Raum ein: Modernisierung der Städte, Entwicklung des ländlichen Raumes, Förderung der sozialen Mobilität, ... Die Regierung verkauft dem Wähler diese Politik als notwendige Vorbereitung für die Öffnung des Landes nach Westen.

Doch die Rechtfertigung dieser Politik steht damit auf wackeligen Beinen. Sie gilt als altkommunistsche Strategie zur Besänftigung eines Volkes, das mehr und mehr unter den Folgen der Liberalisierung zu leiden hat.

Verherrlichung des Nationalismus

Doch inzwischen macht der Nationalismus den kommunistischen Symbolen Konkurrenz. Denn der aus dem Westen importierte Liberalismus wird in Ungarn irgendwann auf eigenen Füssen stehen müssen. Deshalb sind Parteien, Regierungsvertreter und Medien dazu übergegangen, allzu eindeutige Hinweise auf den gestrigen Kommunismus mit nationalen Symbolen zu verdecken.

Alte Statuen wurden abgebaut, symbolträchtige Monumente zerstört und ganze Orte umgetauft, die in der Vergangenheit sovietisiert worden waren. Die Motive der Revolution von 1956 wurden wieder aufgewertet. Zahlreiche Veranstaltungen mit hohem Symbolwert und glanzvolle Zeremonien spiegelten diesen Bruch mit der Vergangenheit wider: Im Milleniumsjahr wurde die Krone der ungarischen Könige vom Nationalmuseum ins Parlament überführt. Die Krone steht für das christlich-europäische Erbe Ungarns und soll nun wohl dazu dienen, den Kommunismus endgültig hinter sich zu lassen.

Obwohl der Eindruck entsehen könnte, dass der Wandel in Politik und Wirtschaft im Großen und Ganzen vollzogen wurde, ist der Balanceakt zwischen Gegenwart und Vergangenheit noch immer hochaktuell. In der Übergangszeit nach 1989 ist es gelungen, Elemente der alten Ordnung zu erhalten und gleichzeitig Elemente einer neuen Odrdnung zu schaffen.

Doch diese Strategie hat verhindert, dass die Ungarn ein Zukunftsprojekt für ihr Land entworfen haben. Das wäre vor allem jetzt, da das Land der EU beigetreten ist, wichtiger denn je. Die Mitgliedschaft in der EU könnte Ungarn helfen, den Blick in die Zukunft zu richten. Es könnte seine Erfahrungen mit dem Widerstand gegen den Totalitarismus und seine Sensibilität für Reformen in die Union einbringen und so – wie 1956 – zum Hoffnungsträger werden.