Gesellschaft

Die Sprachbotschafterin

Artikel veröffentlicht am 25. Oktober 2013
Artikel veröffentlicht am 25. Oktober 2013
Deutsch gilt in Frank­reich als schwie­ri­ge und eli­tä­re Spra­che. Seit 2004 ist die Zahl der Schü­ler, die Deutsch ler­nen, von 27% auf 22% ge­sun­ken. Ma­ri­sa Stretz kämpft mit dem Deutschmo­bil gegen die­sen Trend an. Porträt

Die Sonne scheint noch nicht über Paris als Ma­ri­sa Stretz, mit einem brau­nen Le­der­kof­fer in der Hand, ihre mor­gend­li­che Mis­si­on be­ginnt: Die deut­sche Spra­che in Frank­reich ver­brei­ten . Dafür wohnt sie ein Jahr lang in Paris, fährt mit dem Deutschmo­bil an fran­zö­si­sche Schu­len im Um­kreis der Haupt­stadt. Doch an die­sem Tag bleibt ihr sil­ber­ner Van, auf dem in gro­ßen Let­tern „Deutschmo­bil“ prangt, auf dem Park­platz. Ma­ri­sa Stretz kämpft sich mit der über­füll­ten Metro zum Ziel­ort, dem Collège de Sévigné, im sechs­ten Pa­ri­ser Ar­ron­dis­se­ment. Wenn sie kann, ver­sucht sie den be­rüch­tig­ten Pa­ri­ser Ver­kehr zu mei­den. Er ist die erste Hürde, die sie täg­lich zu über­win­den hat.

Die zwei­te sind die Vor­ur­tei­le über die deut­sche Spra­che, die als schwie­rig zu ler­nen und eli­tär gilt. Ma­ri­sa Stretz will den fran­zö­si­schen Schü­lern zei­gen, dass das nicht so ist. Die Ro­bert-Bosch-Stif­tung, die Fö­de­ra­ti­on der Deutsch-Fran­zö­si­schen Häu­ser in Frank­reich und des Deut­schen Aka­de­mi­schen Aus­tausch­diensts (DAAD) haben die In­itia­ti­ve „Deutschmo­bil“ dafür im Jahr 2000 ins Leben ge­ru­fen.

Zehn Lek­to­rin­nen wie Ma­ri­sa Stretz tou­ren ak­tu­ell durchs Land. Im Ge­päck: Musik, Sü­ßig­kei­ten und Ge­schich­ten aus dem Nach­bar­land. Ein an­de­res, ein mo­der­ne­res Bild von Deutsch­land wol­len sie ver­mit­teln. Und sie wol­len ver­hin­dern, dass die Zahl der Deutsch­ler­ner in Frank­reich wei­ter sinkt. Denn ob­wohl Deutsch die meist­ge­spro­che­ne Mut­ter­spra­che Eu­ro­pas ist und Deutsch­land als Wirt­schafts­mo­tor Eu­ro­pas gilt, hat das Deutsch­ler­nen an At­trak­ti­vi­tät im Nach­bar­land ver­lo­ren.

SPA­NISCH HAT DEUTSCH ÜBER­HOLT

2011 lern­ten laut Eu­ro­s­tat 22 Pro­zent der fran­zö­si­schen Schü­ler Deutsch, 2004 waren es noch 27 Pro­zent. Längst sind Spa­nisch oder Ita­lie­nisch auf dem Vor­marsch. „Ich habe Pro­ble­me, jedes Jahr eine Klas­se mit Deutsch­ler­nern voll zu be­kom­men“, sagt Ma­ri­ne Dar­i­don, die ein­zi­ge Deutsch­leh­re­rin am Collège de Sévigné. Von 90 Schü­lern wür­den an der Schu­le 60 Spa­nisch wäh­len. Der Rest ver­tei­le sich auf Deutsch und Ita­lie­nisch. Ma­ri­sa Stretz gilt als Hoff­nungs­schim­mer der Deutsch­leh­rer. Vor der Ent­schei­dung für die zwei­te oder auch die erste Fremd­spra­che soll die junge Deut­sche die fran­zö­si­schen Schü­ler mo­ti­vie­ren. Gum­mi­bär­chen packt Ma­ri­sa Stretz dafür aus ihrem Kof­fer, eine Deutsch­land­kar­te und den Ele­fan­ten und die Maus aus der Sen­dung mit der Maus. Bei der au­ßer­ge­wöhn­li­chen Deutsch­stun­de sit­zen die Zehn­jäh­ri­gen im Kreis, sie ma­chen mit dür­fen sich be­we­gen und spie­len. Un­ge­wohnt für die 25 Schü­ler, die sonst fran­zö­si­schen Fron­tal­un­ter­richt ge­wohnt sind.

„Ich komme aus Deutsch­land, meine Mut­ter ist Ar­chi­tek­tin und mein Vater Tech­ni­ker“, er­klärt die junge Deut­sche. Die Kin­der ver­ste­hen sie. Ma­ri­sa Stretz nutzt „trans­pa­ren­te Worte“, die dem Fran­zö­si­schen ähn­lich sind. Das Am­pel­männ­chen er­ken­nen sie und das Bran­den­bur­ger Tor, von denen Ma­ri­sa Stretz Fotos mit­ge­bracht hat. Nur für das selt­sa­me Be­ton­stück, das die Deut­sche ihnen zeigt, fin­den sie keine Er­klä­rung. „Ist es ein Fos­sil?“, fragt ein Schü­ler. Erst als Ma­ri­sa Stretz ver­rät, dass sie das Stück aus Ber­lin hat, däm­mert es den Kin­dern. „Das ist ein Mau­er­stück“, weiß Julie.

DER KAMPF GEGEN VOR­UR­TEI­LE

Die Wie­der­ver­ei­ni­gung ist ein Stück deut­sche Ge­schich­te, wel­ches die 24-Jäh­ri­ge, die in Re­gens­burg Deutsch-Fran­zö­si­sche Stu­di­en und Deutsch als Fremd­spra­che stu­diert hat, den Kin­dern gern ins Ge­dächt­nis ruft. Denn oft wird sie mit dem Zwei­ten Welt­krieg und Hit­ler kon­fron­tiert, wenn sie mit den fran­zö­si­schen Schü­lern spricht. „Das ist etwas, das auch heute noch bei den Zehn­jäh­ri­gen mit Deutsch­land ver­bun­den wird“, sagt sie.

Im nörd­li­chen Pa­ri­ser Vor­ort Saint Denis, der als pro­ble­ma­tisch gilt, hat Ma­ri­sa diese Er­fah­rung ge­macht. „Hit­ler und blon­de, blau­äu­gi­ge Men­schen waren das ein­zi­ge, was den Kin­dern am An­fang zu Deutsch­land ein­fiel“, er­in­nert sie sich. Doch dann hat sie mit den Schü­lern dis­ku­tiert, die meist aus Ein­wan­de­rer­fa­mi­li­en stamm­ten, über Vor­ur­tei­le und was wahr davon ist. „Das war eine gute Er­fah­rung“, sagt sie.

So sind es gar nicht un­be­dingt die „ein­fa­chen Klas­sen“ in den schi­cken Pa­ri­ser Ar­ron­dis­se­ments, die Ma­ri­sa Stretz am liebs­ten be­sucht. Sie mag es, wenn sich die Kin­der ein­brin­gen, etwas trau­en, auch mal fre­che Fra­gen stel­len, so­dass eine le­ben­di­ge Dis­kus­si­on ent­steht. Mög­lichst viele sol­che Dis­kus­si­on wünscht sich Ma­ri­sa für ihr Jahr in Frank­reich, das ge­ra­de erst be­gon­nen hat. Die Nach­fra­ge der fran­zö­si­schen Deutsch­leh­rer nach ihr ist groß: „Ich be­kom­me viel mehr An­fra­gen als ich be­die­nen kann“, sagt Ma­ri­sa Stretz.