Gesellschaft

Die Seidenstraße wird wiederentdeckt

Artikel veröffentlicht am 5. September 2006
Artikel veröffentlicht am 5. September 2006
Der Handel zwischen Europa und Asien blüht wieder. Mit ihm öffnen sich für Europa neue Wege nach Osten.

Im Jahr 2002 schrieb eine japanische Presseagentur: “Wenn die Integration Asiens weiter voranschreitet, wird die Distanz zwischen Japan und Korea verschwinden. Die ASEAN- Konferenz bietet den asiatischen Staatsführern die Möglichkeit, regionale Beziehungen ohne Einmischung der USA zu unterhalten. Sie könnte zu einer Aussöhnung ähnlich der von Deutschland und Frankreich führen.“

Projekt von stalinistischen Ausmaßen

Seit dem Zusammenbruch des Kommunismus verläuft die regionale Integration Asien zwar weniger spektakulär, aber nicht weniger grundlegend als der Aufbau Europas nach 1945. Am 10. September treffen sich die Vertreter der ASEAN-Staaten und der EU in Helsinki zu einem Gespräch über die Zukunft der gemeinsamen Beziehungen.

Ein Spiegel dieser Entwicklung ist der Bau einer asiatischen Fernstraße. Es ist ein ehrgeiziges Projekt von beinahe stalinistischen Ausmaßen. Osteuropa und Asien sollen in einem Netzwerk von 140 000 Straßen miteinander verbunden werden. Die Idee kam erstmals 1959 auf, wurde dann aber während des Kalten Krieges ad acta gelegt. Erst im Jahr 2004 gaben die Regierungschef der 23 beteiligten Länder bei einem Treffen der UN im chinesischen Shanghai mit der Unterzeichnung eines gemeinsamen Vertrages den Startschuss zum Bau der Fernstraße. In ein oder zwei Jahrzehnten werden Autofahrer sich dann ihren Weg von der Ukraine nach Japan bahnen.

Transnationales Hin- und Herfahren

Bis jetzt gibt es noch keine Veröffentlichungen über den zeitlichen Rahmen und die Kosten des Projekts. Aber die Straße wird viele asiatische Binnenstaaten erreichen, die vor noch nicht allzulanger Zeit den Klauen der Sowjetunion entronnen sind. Staaten wie Japan und China sowie Süd- und Nordkorea, die sich eigentlich spinnefeind sind, haben bereits Finanzierungszusagen gemacht.

Das Projekt lässt die Seidenstraße wieder aufleben. Doch in unserer Zeit der Hypermobilität und des transnationalen Hin- und Herfahrens erscheint die Wiederöffnung einer traditionellen Handelsstraße als altmodisch. So etwas kann eigentlich nur Idealisten oder Nostalgikern einfallen.

Aber die Geschichte verläuft offensichtlich in Kreisläufen. Seidenstraßen sind wieder modern. Zwar glaubt George Bush bedauerlicherweise, er sei die neue Ikone der Kreuzritter des 21. Jahrhunderts. So etwas wie eine Hightech-Version des Heiligen Georgs, der auf präventive Gewalt im Kampf gegen den Drachen setzt. Die neue Seidenstraße bietet der Menschnheit da eine etwas weniger beschämende Alternative.

Fachkundige Konsumenten treffen auf Billigproduzenten

Vor fast 2000 Jahren hatte der Fernhandel seine Blütezeit. China war eine der größten Exportmächte der Welt. Das antike Rom hatte seinem asiatischen Gegenüber außer Glas dagegen recht wenig zu bieten. Eine ähnliche Situation gibt es heute. Europa, der Kontinent der fachkundigen Konsumenten, trifft auf Asien, den Kontinent der Billigproduzenten.

Währenddessen schreitet die regionale Integration Asiens voran. Vor kurzem öffneten sich die Grenzen zwischen China und Indien. Der Gigant China exportiert jedes Jahr Waren im Wert von 77 Milliarden Euro nach Europa und importiert Güter für 32 Milliarden. Euros und Dollars versickern regelrecht in China. Und der Trend scheint nicht nachzulassen. Erstaunlich, dass angesichts dieser Entwicklung noch kein Europäer auf die Idee kam, die im 19. Jahrhundert von den Briten forcierte Opiumssucht zu kopieren, um das Handelsdefizit zwischen Europa und Asien auszugleichen.