Gesellschaft

Die Religion liegt im Dornröschenschlaf

Artikel veröffentlicht am 15. Mai 2007
Artikel veröffentlicht am 15. Mai 2007
Fast zwei Drittel der Tschechen gehören keiner Kirche an. Ein Blick in die Geschichte zeigt, waum die Religion in Tschechien einen schweren Stand hat.

63 Prozent. Das ist der Anteil der Tschechen, die sich laut einer Umfrage des Institut Gallup aus dem Jahr 2004 als konfessionslos bezeichnen. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist dies eine außerordentlich hohe Zahl.

Um die Entwicklung des religiösen Gedankenguts in der tschechischen Republik besser zu verstehen, lohnt ein Blick in die Geschichtsbücher. Zu Beginn ist jeder oder zumindest fast jeder katholisch. Die Kirche stützt die Herrschaft des Königs und der Status Quo wird nicht in Frage gestellt. Das Erzbistum Prag leistet den Päpsten in Avignon Gefolgschaft und zahlt im Mittelalter hohe Abgaben. Es herrscht ein Klima von allgemeiner Bestechlichkeit.

In diesem Klima will der Priester und Hochschullehrer Jan Hus die Kirche wieder auf „die Botschaft der Bibel“ ausrichten. Seine Mühen sind jedoch vergeblich, die Zeit nicht reif für seine „Reform“. Später wird Martin Luther von seinen Ideen inspiriert werden, Hus selbst findet 1415 sein Ende auf einem Scheiterhaufen in Konstanz. Zur Zeit der habsburgischen Herrschaft erlebt das Land eine Zwangsrekatholisierung. Jene, die sich zu Hus’ Ideen bekennen, die Hussiten, sind jedoch schon in Gemeinschaften über das ganze Land verbreitet.

Dunkle Zeiten für Prag

Auch das Judentum hat in Prag Spuren hinterlassen. „Es war Ibrahim Ibn Jacob, ein spanischer Jude, der sich als erster nach Prag begab,“ erzählt Charles Wiener, ehemaliger Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Prag.

Vom Jahr 1492 an bietet die Stadt den sephardischen Juden Zuflucht, die als Folge der Reconquista Spaniens durch die katholischen Könige die iberische Halbinsel verlassen müssen. Trotz Einschränkungen im Recht, Ehen zu schließen, erlebt die jüdische Gemeinde schon vor der Emanzipation des 18. Jahrhunderts eine Blütezeit. „Die Emanzipation brachte Änderungen in vielen Bereichen, vor allem zwischen den beiden Weltkriegen. Die Tschechen waren den Juden wohlgesonnen und diese waren derart in die Gesellschaft Tschechiens integriert, dass sie eine politische Partei gründen konnten“, betont Wiener. Den Einfluss der jüdischen Gemeinde bezeugt die Synagoge im Herzen Prags, deren Architektur an die Alhambra von Granada erinnert.

Während des zweiten Weltkriegs durchlebt Prag dunkle Zeiten. Vor der Ankunft der Kommunisten haben die Nazis die jüdische Gemeinde dezimiert. „Prag musste einen längeren Krieg durchstehen, weil die Deutschen hier bereits 1938 einmarschiert sind“ erinnert Wiener. „Jene, die in die internationalen Brigaden eingetreten ist, kamen nicht zurück, was sie sicherlich gerettet hat. Heute leben nur noch 3000 Juden in der tschechischen Republik, die meisten davon in Prag.“

Eine neue Berufung

Sobald sie in den Blick Moskaus geraten, werden die Religionsgemeinschaften der Kontrolle des Staates unterstellt. Den Bürgern wird nahe gelegt, den Glauben an Gott aufzugeben. Die Beschränkung von Freiheiten und der Druck auf die Vertreter der Gemeinden verschärft sich. In diesem Moment voller Feindlichkeit gegenüber allem Religiösen, verschafft sich der Islam unerwartet Zutritt in die Prager Gesellschaft.

„Während des kalten Krieges entschieden sich viele Studenten aus den arabischen Ländern für den Sozialismus und kamen nach Osteuropa, um dort ihr Studium zu absolvieren. Welch’ eine Überraschung für die Kommunisten, sie mehrmals täglich beten zu sehen“, erklärt ein Moslem algerischer Herkunft, der seit langem in der Hauptstadt lebt. Dieser Sonderfall darf jedoch den Blick auf die Wirklichkeit nicht verstellen: Unter kommunistischer Herrschaft werden Theologiestudenten aufgefordert, eine neue Berufung zu finden und ihr Studienfach zu wechseln.

Der Theologieprofessor Milan Salajka, 79, erinnert sich: „Es war unmöglich, seine Religion zu praktizieren. Die Mitglieder der Partei sowie alle, die mit Kindern arbeiteten, durften keiner Religion angehören.“ 30 Jahre lang bleiben die Kirchen leer. Die gläubigen Intellektuellen verlassen das Land. „Die Christen wurden vom kommunistischen System neutralisiert. Das Ministerium für Kultur regelte die religiöse Angelegenheiten“, erklärt Salajka.

Eine gespaltene Jugend

Die Öffnung durch den Prager Frühling von 1968 führt zu einer leichten Lockerung der Regeln. Christen und Kommunisten finden einen „modus vivendi“, der es ihnen erlaubt, miteinander zu leben.

Mit dem Fall der Mauer bieten sich den religiösen Gemeinschaften neue Freiheiten. 1991 werden den Kirchen Rechte, wie etwa das Recht, Eheschließungen zu vollziehen, zurückgegeben. Die Religion hält erneut Einzug in viele gesellschaftliche Schichten, etwa in der Anstaltsseelsorge und in den Bildungseinrichtungen. Auch die islamische Gemeinschaft zählt heute wieder 10 000 Mitglieder.

Der mit 35 Jahren zum Islam konvertierte Vladimir Sanka ist heute Vorsitzender der Islamischen Stiftung in Prag. Er freut sich über regelmäßig stattfindende Führungen in der Moschee. „Seit 2002 kommen Jugendliche, um dem Freitagsgebot beizuwohnen, das auf tschechisch übersetzt wird. Die Reaktionen sind sehr positiv und die Schüler lernen so auf sehr konkrete Weise unsere religiösen Stätten kennen.“

Im Februar 2007 zählte Eurostat 59 Prozent Atheisten, 27,7 Prozent Katholiken und etwas mehr als ein Prozent Protestanten. Unter den Jugendlichen bleibt die Ablehnung gegenüber der Religion bisweilen aber sehr stark, so wie bei diesem Jurastudenten: „Meine Großmutter hat mich gezwungen, mit ihr in die Kirche zu gehen, obwohl das keinerlei Nutzen hat.“

Ohne den Glauben als solchen abzulehnen und mit Rücksicht auf das Recht der anderen, nach ihrer Überzeugung zu leben, wendet er sich „gegen eine Kirche, die es nicht geschafft hat, mit der Zeit zu gehen und die in vielen Punkten widersprüchlich ist. Das Problem ist nicht Gott, das Problem sind die Frommen!“

Lenka, eine 21jährige Studentin, ist hingegen bekennende Katholikin. Sie bedauert, dass „die Gesellschaft immer mehr vom Atheismus beherrscht und die gesellschaftliche Moral geschwächt wird.“ Sie, die jeden Sonntag die Messe besucht, sieht Religion als „Privatsache“ an.

Dem neuen Papst Benedikt XVI stellt sie jedoch kein gute Zeugnis aus: „Ihm fehlt das Charisma. Ich bin mir nicht sicher, ob er der richtige Mann zur richtigen Zeit ist.“

Da sie nunmehr unter dem Schutz des Staates stehen, verbringen die religiösen Minderheiten ruhige Tage in einer behütenden Anonymität. Für Wiener „ist die Mehrheit der Tschechen nicht atheistisch, sondern agnostisch. Es handelt sich hier um einen Mangel an Kenntnissen, nicht um eine bewusste Ablehnung“.

Prof. Salajka gibt sich pessimistischer: „Die Religion ist in einen Dornröschenschlaf gefallen, die tschechische Gesellschaft lebt immer noch mit den Stigmen der Vergangenheit. Eines Tages, jedoch, wird sie wiedererwachen.“ So Gott will.