Gesellschaft

"Die Leser werden beim Journalismus ein Wörtchen mitzureden haben"

Artikel veröffentlicht am 17. Juli 2006
Artikel veröffentlicht am 17. Juli 2006
Immer mehr Blogger betätigen sich als Journalisten. Was bedeutet das für die etablierten Medien? Dan Gillmor, Autor des Buches We the Media, glaubt, dass alle vom Bürger-Journalismus profitieren werden.

Die Grenze zwischen professionellem und Amateurjournalismus ist im Internet nicht mehr klar erkennbar. Blogger schreiben Artikel und Journalisten schreiben Blogs. Schwindet dadurch das Vertrauen in etablierte Medien?

Wir müssen immer skeptisch sein, wenn wir etwas lesen. Das trifft auf alle Medien zu – auf das Internet genauso wie auf die Zeitung. Die Bürger müssen besser verstehen, wie die Medien funktionieren. Es stimmt, dass wir mit dem Aufkommen der Blogs und des Bürger-Journalismus mehr tun müssen, um herauszufinden, was wahr ist und was falsch.

Wir müssen die Informationen mit unserer eigenen Erfahrung, aber auch mit der Internet-Community vergleichen. Es wird ein langer Lernprozess werden und eine lange, schwierige Umstellung. Aber am Ende werden wir mit einer großen Meinungsvielfalt und wertvollen Informatonen belohnt.

Guter Journalismus kostet Geld. Können sich durch den freien Zugang zu Informationen die etablierten Medien guten Journalismus noch leisten?

Man kann einen professionellen Reporter, der ständig als Journalist arbeitet, nicht mit jemand vergleichen, der gelegentlich für ein Onlinemagazin schreibt oder nur bei einem besonderen Ereignis wie einer Naturkatastrophe zur Feder greift, so geschehen im Falle des Tsunamis in Südost-Asien.

Die teuren Formate des Journalismus werden nicht durch die neuen journalistischen Möglichkeiten untergraben, sondern durch den Wettbewerb in der Werbung. Durch große Firmen wie Google oder eBay entgehen den traditionellen Medien enorme Geldbeträge.

Kann man einen Blogger als Journalist bezeichen, wenn er seine Quellen nicht überprüft oder nicht einmal unter eigenem Namen schreibt?

Ich denke, man sollte nichts glauben, was anonym veröffentlicht wurde. Wir müssen immer annehmen, dass es falsch ist. Es wird jedoch glaubhafter, wenn es mit einer sinnvollen Quellenangabe versehen ist oder die veröffentlichte Information das Leben des Autors in Gefahr bringt. Um ein gewisses Niveau an Glaubhaftigkeit aufrecht zu erhalten, prüft etwa die New York Times ihre Texte ständig gegen. Manche Blogger machen genau das – es ist alles eine Frage der Berechenbarkeit.

Die Verantwortung liegt bei beiden Seiten. Der Autor muss sicherstellen, dass seine Nachricht wahr ist. Dass heißt, dass man sich verantwortungsvoll verhalten und grundlegende ethische Regeln des Journalimus respektieren muss, wenn man Online-Journalismus betreiben will. Aber da das von niemandem durchzusetzen ist, müssen auch die Leser vorsichtiger sein mit dem, was sie lesen. Es gibt Blogs, die lese ich nur, um zu lachen. Andere wiederum bringen sofort Richtigstellungen, wenn ihnen mitgeteilt wird, dass etwas falsch ist. Das sind die seriösen Blogs. Man muss nur zu unterscheiden wissen.

Wie wirken sich also die digitalen Medien auf die Arbeit eines professionellen Journalisten aus?

Ich denke, Journalisten sollten mit dem qualitativ hochwertigen Journalismus weitermachen, den sie heute schon betreiben. Sie sollten sich aber nicht vor den Werkzeugen der digitalen Medien verschließen. Ich würde versuchen, Journalisten besonders vom « Konversationsjournalismus » zu überzeugen.

Es wäre gut, wenn alle Journalisten Blogs besäßen, dann wäre ihre Arbeit nicht auf die bloße Lektüre beschränkt, sondern würde sich zu einer Unterhaltung mit dem Leser weiterentwickeln. Die Leser werden beim Journalismus ein Wörtchen mitzureden haben. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Leser oft mehr wissen als ich. Sie sind kritisch und haben mir dabei geholfen, ein besserer Journalist zu werden.