Gesellschaft

Die Hölle eines italienischen LGBT-Aktivisten in Ungarn

Artikel veröffentlicht am 28. August 2015
Artikel veröffentlicht am 28. August 2015

Das Budapest Pride Festival hat mit einer geschichtsträchtigen Gay Pride geendet: 20 000 Aktivisten und Sympathisanten haben sich im Juli versammelt, um gemeinsam durch die Straßen der ungarischen Hauptstadt zu ziehen. Während ihr Engagement für die meisten Teilnehmer nur minimale oder überhaupt keine Konsequenzen mit sich bringt, sieht die Sache für andere nicht ganz so rosig aus. 

Die 20. Budapester Gay Pride hatte am 11. Juli, begleitet von einer Barrikade aus Polizisten, zwar ohne größere Zwischenfälle stattgefunden. Aber die Sympathisanten der LGBTQ-Gemeinschaft konnten sich dem Umzug im Verlauf der Strecke weder anschließen noch ihn einfach so verlassen. Wer zu spät zum Ausgangspunkt des Umzuges kam, befand sich vor verriegelten Gittern. Wer pünktlich gekommen war, musste Sicherheitschecks wie am Flughafen über sich ergehen lassen, damit sichergegangen werden konnte, dass kein Alkohol, Tränengas oder andere gefährliche Substanzen in den Umzug gelangten.

Solche Maßnahmen zeigen, was es sich hinsichtlich der Absichten der Regierung unter Premierminister Viktor Orbán, der nicht gerade für sein Verständnis und das Vorankommen der Rechte von Minderheiten bekannt ist, zu fragen gilt. Es ist schwierig zu sagen, ob sein größtes Anliegen der Schutz der Menschenmenge vor potentiellen Anschlägen war, oder das Verhindern der Ausbreitung der Aktivisten über die ganze Stadt. Wie auch immer die Antwort lauten mag, muss dennoch die Notwendigkeit solcher Maßnahmen zur Sicherheit der Demonstrierenden selbst erkannt werden, die sonst den Anhängern der gehässigen extrem Rechten auf der anderen Seite der Absperrungen ausgesetzt gewesen wären. 

 

"Die Schwanzlutscher der nationalistischen Herzen"

Andrea Giuliano, der italienischer LGBTQ-Aktivist ist und seit 8 Jahren in Ungarn lebt, kann dies schmerzvoll bezeugen. Er nimmt schon seit 5 Jahren als überzeugter Mitstreiter an der Gay Pride teil. Eine besonders lebhafte Erinnerung hat er an die Pride im Jahr 2014, bei der er sich als Pfarrer verkleidet dazu entschloss, ein Plakat mit dem Logo des rechtsradikalen Motorradclubs Nemzeti Érzelmű Motorosok („Die Motorradfahrer der nationalistischen Herzen“) hochzuhalten. Vor dem Hintergrund der Umrisse von Großungarn [das Ungarn vor der Zerteilung durch den Vertrag von Trianon im Jahr 1920; Anm.d.Red.] befand sich anstelle des kleinen Motorradfahrers ein erigierter Penis mit dem Vermerk „die Schwanzlutscher der nationalistischen Herzen“. Andrea wollte sich damit nicht wie von den Betroffenen aufgenommen über den Motorradclub im Speziellen lustig machen, sondern über „die Rechtsextreme allgemein als Frömmler der Kirche“.

Mehr war nicht nötig, um die Aufmerksamkeit von zwei ungarischen Medienanstalten zu wecken: Deres TV und Kuruc Info, die beide nationalistische, wenn nicht sogar ultranationalitische Tendenzen in ihrer Berichterstattung aufweisen. Die Macher von Kuruc Info hosten ihre Website von den USA aus, wo sie vom 1. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten profitieren, der ihnen Meinungs- und Pressefreiheit und somit auch die Verbreitung von Hassbotschaften gegen Roma, Juden oder die LGBTQ-Gemeinschaft gewährt. 

Andrea bemerkt eines Tages Unbekannte vor seinem Haus, die ihm in seine Straße gefolgt waren. Dann erscheint auf Deres TV ein Artikel, der alle Informationen über ihn vereint, die im Netz über ihn zu finden sind. Seinen Namen, seine Nationalität, sein Facebook-Profil… auch seine Adresse und Fotos seiner Straße und seines Büros kann man dort finden. Der Motorradclub wird so aufmerksam auf die Verfälschung seines Logos und dann überschlagen sich die Ereignisse. Zwei Tage später wird auf der Facebookseite des Clubs ein Kopfgeld auf den Aktivisten ausgesetzt. Der Post ist dort eine Woche zu sehen, ehe er gelöscht wird. Aber dies ist ausreichend, um eine gewaltige Hetzjagd in Gang zu setzen. 

Von der Verwandlung bis zur Unterstützung von Beppe Grillo

Einschüchterungen und Drohungen beginnen sowohl im Internet als auch in Andreas Alltag. Der Italiener muss fluchtartig umziehen, das erste Mal einer langen Serie. Seine Arbeitsstelle wird bedrängt ihn zu entlassen. Tatsächlich bleibt ihm angesichts des riesigen Medienrummels nichts anderes übrig, als im März 2015 seinen Job zu kündigen. Vor seinem Büro trifft er außerdem auch auf Gyula Zagyva, einen ehemaligen Abgeordneten der Jobbik, rechtsextreme Partei Ungarns. Dieser war gekommen, um „den Abnormalen zu sehen“, ihn zu filmen und dann das Video dieses „Treffens“ auf YouTube zu stellen.

Andrea muss sich seinen Bart abrasieren, seinen Kleidungsstil ändern und seine Piercings verschwinden alssen. Nur so hat er eine Chance, unerkannt zu bleiben. Jeden Tag bekommt er dutzende Hassnachrichten, in denen er unter anderem mit dem Tod, der Kastration oder Vergewaltigung bedroht wird und in denen ironischerweise „viele homoerotische Wunschvorstellungen“ mitschwingen, wie er feststellt.

Im Angesicht dieser Sturzwelle beschließt die Ungarische Gesellschaft für Freiheitsrechte (TASZ) zu reagieren. Sie stellt Andrea juristischen Beistand zur Seite, um die Situation unter Kontrolle zu bekommen. Die Polizei des 6. Bezirks in Budapest nimmt sich der Sache an. Es wird Anzeige erstattet. Die Anzeige führt insofern zu keinem Ergebnis, dass erst wieder bei null angefangen und alles von Neuem erzählt werden muss. Was zuvor noch nach Schlampigkeit der Ordnungskräfte aussieht, stellt sich bald als totales Desinteresse heraus, als Andrea hört, wie ein Polizist, der seine Zeugenaussage aufnimmt, ihn als „Schwuchtel“ bezeichnet. Die Untersuchungen werden wenig später eingestellt. 

Dalma Dojcsák, Mitglied bei der TASZ, stellt fest, dass diese Reaktion „leider typisch für den Umgang der Behörden mit Minderheiten in Ungarn ist und auch für die Aufmerksamkeit, die ihnen gegönnt wird.“ Mit Hilfe der TASZ beschließt Andrea später gegen diese Handlungsträgheit zu kämpfen. er bringt seinen Fall vor den Generalstaatsanwalt, der über die Dringlichkeit, den Fall zuverlässig zu behandeln, entscheidet und das Polizeikommissariat dazu zwingt, sich der Akte wieder anzunehmen. 

Seit Beginn der Hetzjagd versucht der italienische Staatsangehörige die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf seinen Fall zu lenken. Die Medienmaschine wird erst wirklich in Gang gesetzt, als die englischsprachige Website des katarischen Senders Al Jazeera über Andreas Schicksal berichtet. In Italien stößt sein Fall am ehesten auf offene Ohren. La Stampa trifft ihn und empört sich über seine Situation. Seine Geschichte verbreitet sich, er erhält offiziell Unterstützung des Partito Democratico und der Fünf-Sterne-Bewegung, der Partei von Beppe Grillo. Die Angelegenheit schafft es sogar bis vor das europäische Parlament, wo der Fall zweimal im Zusammenhang der Diskussionen über die politische Situation Ungarns erwähnt wird. . 

„Ich war sehr gerührt von der Unterstützung, die ich nach der Mediatisierung meines Falls bekommen habe. Das hat mir sehr geholfen. Aber ich kann vor allem dank meiner Freunde damit fertig werden, dank ihrer moralischen und logistischen Hilfe. Ich weiß nicht, was ich ohne sie getan hätte“, erklärt Andrea seufzend. Seit Beginn der Geschichte ist er dreimal umgezogen, ohne die unzähligen kurzfristigen Beherbergungen mitzuzählen.

„Es gibt zu viele Verwechslungen bei dieser Geschichte“

 

Leider haben es viele potenziell Verbündete verpasst, Andrea zu unterstützen. Die ungarischen linken Parteien haben kein Wort über den Fall verloren, bis es einen Gegenbeweis gab. Doch Dalma Dojcsák stellt klar, dass es für einen Politiker angesichts des politischen Klimas der letzten Jahre, das in keinem Fall förderlich für Öffnung jeglicher Art ist, nicht ohne Konsequenzen wäre, Empathie für LGBTQ zu zeigen. 2015 hat das Näherrücken der Pride homophobe Stimmen bei einigen Politikern hervorgerufen, besonders bei den Abgeordneten der rechtskonservativen Fidesz und den Rechtsextremen der Jobbik

Paradoxerweise ist es die Reaktion der ungarischen LGBTQ-Gemeinschaft, die für Andrea nur schwer zu verdauen ist. Einige Mitstreiter haben ihn beschuldigt, zwanzig Jahre Arbeit in zwei Stunden Demonstration vernichtet zu haben. Sie möchten darüber hinweg nicht als provozierende Minderheit gelten. „Wenn ich anhand eines Kostüms tatsächlich all ihre Errungenschaften der letzten zwanzig Jahre zerstört habe, dann muss wohl entweder ich echt stark sein oder aber sie sind wirklich schwach. Und keine dieser beiden Möglichkeiten trifft zu“, schlägt er zurück. „Ihnen nach hatte ich Unrecht, Religion und Politik zu beleidigen. Sie wollen ihre Rechte bekommen, ohne dabei jemanden zu stören, erst recht nicht die katholische Kirche, die uns gegenüber bekanntermaßen ja sehr offen ist… Letztendlich haben sie die gleiche Denkart wie die Extremisten, die mich verfolgen. Sie verwechseln Geschmack und Gesetz, sie verstehen nicht, dass die Parodie ein unabdingbares Recht ist, solange keine Straftat begangen wird. Ich habe mich über das Logo eines Clubs lustig gemacht, nicht über das Symbol einer Nation. Es gibt viel zu viele Verwechslungen bei dieser Geschichte.“

Dalma Dojcsák ergänzt: „Ich habe noch nie zuvor an einem solchen Fall gearbeitet. Ich konnte bis auf die Knochen spüren, wie es sein muss, sich jemandem gegenüber zu befinden, der mit allen Mitteln versucht, einem Böses anzutun.“ Sie bezeugt den unglaublichen Mut und die Hartnäckigkeit von Andrea, der trotz allem weiterkämpft und nicht daran denkt aufzuhören. Deshalb hat sich Andrea auch bei der Gay Pride 2015 wieder verkleidet, um sich über gewisse Geschehnisse in der ungarischen Politik lustig zu machen. So zum Beispiel die Abschiebung von Flüchtlingen oder die Korruption in der Politik. 

Bis heute gibt es keine Neuigkeiten über die Beteiligten an dieser Geschichte. Weder von dem Motorradclub, der noch immer auf der Suche nach demjenigen ist, der alles ins Rollen brachte noch von der Polizei, die eigentlich dabei sein sollte, Beweise über die Initiatoren der Hetzjagd zu sammeln. Die TASZ hat sich mit einer UNO-Organisation in Verbindung gesetzt, welche die ungarische Regierung potenziell hinsichtlich der Verteidigung der Menschenrechte innerhalb ihrer Grenzen in die Mangel nehmen könnte. Andrea Giuliano, der seit über einem Jahr 'gejagt' wird, wurde für seinen Teil in der Nacht des 19. Juli verprügelt. Aus Gründen, die – nach wie vor – ans Licht gebracht werden müssen.