Gesellschaft

Die griechische Krise an Bord einer Yacht

Artikel veröffentlicht am 23. Juli 2010
Artikel veröffentlicht am 23. Juli 2010
Vom Büro eines reichen Reeders oder des Chefs der größten Yachtgesellschaft des Landes aus schmeckt die Krise völlig anders als für die breite Masse, die von den landesweiten Sparmaßnahmen betroffen ist. In Athen jedoch richtet sich der Zorn derer, die mehr als je zuvor Anhänger von Hammer und Sichel sind, eher gegen den Staat, als gegen die privilegierten Klassen. Zu deren großer Freude.

"Wenn ihre Mitarbeiter weniger Geld haben, belastet das auch das Geschäft."Von der Deko seines Büros im schicken Athener Viertel Kifissia her zu schließen, liebt der Harry Potter des griechischen Seehandels sowohl zeitgenössische Kunst als auch sein Selbstporträt. Harry Vafias war gerade mal 27 Jahre alt, als er im Jahr 2005 der jüngste Vorstandsvorsitzende einer an der Nasdaq notierten Reederei wurde. Fragt man ihn, ob das von ihm gegründete Unternehmen Stealthgas von der griechischen Krise betroffen ist, löst sich sein Blick schließlich von den drei topmodernen Computermonitoren: „Es gibt keinen direkten Einfluss“, so die entschiedene Antwort. „Indirekt gibt es allerdings Auswirkungen, zum Beispiel auf die Psyche der Angestellten, die nicht mehr so viel kaufen können wie früher. Wenn ihre Mitarbeiter weniger Geld haben, belastet das auch das Geschäft!“

Die Reeder segeln im Trüben

Harry Vafias zufolge „besteht der einzige direkte Effekt der Krise in der Instabilität der Banken“, die ihn daran hindert, in Griechenland Geld zu leihen. Fragt man ihn jedoch, ob der Transfer von Miliarden Euro von griechischen Bankkonten der reichen Privatiers und der großen, an der Börse notierten Unternehmen auf Schweizer oder britische Konten, eventuell etwas mit dieser Instabilität zu tun haben könnte, antwortet er: „Die Regierung hat das Volk hinters Licht geführt, nicht wir. Wir sind wie sie, wir unterstehen dem Gesetz.“

Ebenso Präsident von Greenpeace in GriechenlandOder stehen über diesem... Von seinem schicken Loft aus, oben auf dem Hügel von Exarchia - dem alternativen Athener Viertel, bestätigt Giorgos Glynos: „Die Reeder sind nicht von den aktuellen Steuererhöhungen betroffen“, während die Mehrwertsteuer gerade von 21% auf 23% angehoben wurde. „Das ist das Paradoxe an der griechischen Wirtschaft: Die reichen Reeder, die wohlhabendsten Unternehmer des Landes, entgehen problemlos dem Steuersystem. Sie müssen nichts weiter tun, als ihre Flotte unter eine ausländische Billigflagge zu stellen“. Eine Form der Steuerflucht, die - dem Wirtschaftswissenschaftler des Forschungszentrums Eliamep zufolge - im internationalen Charakter ihrer Branche aber auch im Wohlwollen der griechischen Politiker begründet liegt: „Die jeweiligen Regierungen versuchen immer, die Reeder dazu zu bewegen, eine griechische Flagge zu wählen, indem sie ihnen einen günstigen Steuersatz anbieten“. Zum gleichen Schluss kommt Jean Quatremer, der als Brüssel-Korrespondent für die französische Tageszeitung  Libération arbeitet, nach seinem Treffen mit dem griechischen Finanzminister: „Wenn das Einkommen der griechischen Reeder besteuert wird, dann nur insoweit diese das möchten.“

Also keine Krise für die reichen Reeder? „Natürlich ist das Geschäft von der Krise betroffen“, differenziert George A. Vernicos, der Vorsitzende von Vernicos Yacht, dem nationalen Marktführer im Yachtverkauf und -verleih. „Glücklicherweise ist unsere Hauptaktivität, der Verkauf von Booten, seit 10 Jahren im Aufschwung und läuft nicht Gefahr, unter der Krise zu leiden.“ Mr. Yachting, sein Spitzname in den Zeitungsartikeln, die die Wände seines Büros schmücken, macht dafür auch die Regierung verantwortlich. „Alles ist schwierig hier. Griechenland ist kein Land für Business.“ Dem entsprechen auch Harry Vafias Worte: „Zwei Probleme lasten stark auf Griechenland“, hatte er mir gegenüber bekräftigt, „zum einen gibt es zu viele Beamte und zum anderen sind die Griechen nicht fähig, Steuern zu zahlen.“ Für die beiden Riesen der griechischen Wirtschaft ist der Schuldige ganz klar der Staat.

Momentan liegt sie im Hafen von Piräus - leer. Die europäischen Touristen sind alle auf den Zykladen.

"Die Griechen sind nicht gegen die Reichen"

Es ist seltsam: Auch wenn man in die lärmende Arena des normalen Athener Steuerzahlers hinabsteigt, bleibt der Tenor der Gleiche: „Die Griechen sind nicht gegen die Reichen, sie sind gegen die Regierung“, versichert mir die Angestellte eines Schmuckladens in der Innenstadt. Die Inhaberin des Geschäfts ist niemand anderes als die Mutter von Alexis Grigoropoulos, jenes 15-jährigen Schülers, der am 6. Dezember 2008 von einem Polizisten erschossen wurde. Sie wohnte dem Prozess bei. Die Reaktion auf das polizeiliche Fehlverhalten im Jahr 2008, die darauffolgenden Studentendemonstrationen und die aktuellen Protestmärsche gegen den Sparplan der Regierung Papandreou sind Ausdruck der großen Wut der griechischen Gesellschaft auf die Verwalter der öffentlichen Angelegenheiten. Ob reiche Reeder, junge „Anarchisten“ oder Handelstreibende: Alle sind schlecht auf den Staat zu sprechen.

Für einen Franzosen - für den „es normal zu sein scheint, dass die Eliten in Wirtschaft und Politik sich gegenseitig jeden Wunsch von den Augen ablesen“, wie die Neue Zürcher Zeitung als Reaktion auf die Woerth-Bettencourt-Affäre schrieb - ist es schwer zu verstehen, dass kein Grieche sich über die finanzielle Kluft zwischen der Wirtschaftselite und allen Anderen empört. Nur die politische Klasse wird abgestraft, vor allem weil „der Staat in den Händen von drei Familien ist“, wie mir die Frau eines reichen Schönheitschirurgen aus dem schönen Viertel Kyfissia mitteilt. „Den Familien Papandre'ou, Caramanlis und Mitsotakis.“

"Der Klassenfeind ist der Staat"

Die anarchistischen Graffitis zeugen eher von einem Hass auf die Regierungs-, als auf die Wirtschaftseliten.Und die Reeder, sind sie Anhänger der Umwandlung des Business' in Tochtergesellschaften? „Der Großteil der jungen Leute hier weiß nicht einmal, dass es sie gibt », erzählt mir die Tochter des Filmemachers Theo Angelopoulos, die ich zufällig in einer Bar im Viertel Exarchia traf. Die Wände in diesem Viertel sind voller revolutionärer Graffitis und anarchistischer Flugblätter, welche sich aber trotz ihrer marxistischen und anti-kapitalistischen Ader gegen den Staat richten: „Nach der Diktatur der Obersten war die Stimmung in Griechenland sehr aufrüherisch. Da es jedoch nie eine wirklich kapitalistische Klasse gab, gegen die man sich hätte auflehnen können, wurde der Staat zum Feindbild auserkoren“, so die Analyse von Giorgos Glynos. Der Staat und seine drei herrschenden Familien. Währenddessen fahren die Reichen ungehemmt damit fort, die griechischen Steuern zu umgehen. „Der Klassenfeind“, so der Wirtschaftswissenschaftler, „ ist der Staat, also das öffentliche Interesse!“

Danke an Elina Makri vom Athener cafebabel.com Localteam!

Fotos: Une ©davesag/flickr; Harry Vafias ©Harry Vafias; Georges A. Vernicos und seine Flotte ©Dana Cojbuc; Graffiti ©Elina Makri