Gesellschaft

„Die EU hat in Sachen Tibet mehr Einfluss als die UNO“

Artikel veröffentlicht am 4. Dezember 2006
Artikel veröffentlicht am 4. Dezember 2006
Sonam Norbu, Außenminister der tibetanischen Exilregierung, über die Weigerung Chinas, den Tibetern mehr Autonomie einzuräumen.

Im Jahr 2000 hat die UNESCO erstmals darauf hingewiesen, dass die Stimmen der Bergvölker in der internationalen Politik ungehört verhallen. Schließlich gründete sie die APMM, ein Zusammenschluss von Bergvölkern, dem sich auch die Tibeter anschlossen. Sonam Norbu ist Außenminister tibetanischen Exil-Regierung im indischen Dharamsala. Tibet hat im Juni für Schlagzeilen gesorgt, als in der tibetanischen Hauptstadt Lhasa eine direkte Zugverbindung nach Peking aus der Taufe gehoben wurde.

Herr Norbu, anlässlich der Einweihung der Bahnverbindung zwischen Lhasa und Peking hat Ihre Regierung betont, dass nicht die Züge an sich für die Tibeter ausschlaggebend seien, sondern deren Nutzung. Was hat Ihr Volk zu befürchten?

Die Infrastruktur, die China in Tibet aufbaut, ist nicht an sich gefährlich. Man muss sehen, wie die neue Strecke genutzt wird. Wir befürchten, dass sie dazu dienen könnte, mehr chinesische Soldaten und Waffen nach Tibet einzuschleusen. Dann würden die Tibeter in ihrem eigenen Land schnell zur Minderheit. Natürlich bereichert die neue Zugverbindung Tibet finanziell. Aber Tibet wird nicht profitieren, die Gelder werden direkt in den Taschen der Chinesen fließen: Sie sitzen auf den Verwaltungsposten und sind Inhaber der meisten Firmen.

Die Ausbeutung von Rohstoffen in Tibet durch die Chinesen bereitet Ihrer Regierung Kopfzerbrechen. Sind auch europäische Firmen in diesem Zusammenhang in Tibet aktiv?

Momentan verfügen wir über keinerlei Informationen zu europäischen Firmen in Tibet. Wir sorgen uns um die Umwelt in Tibet, da das ökologische Gleichgewicht in unserem Land sehr gefährdet ist. 1998 gab es eine Reihe verheerender Überschwemmungen in China. Damals begriffen die Verantwortlichen in Peking, dass die Katastrophen auf die massive Abholzung in den Grenzregionen zurückzuführen war.

Die EU und andere europäische Länder unterstützen in Bezug auf Taiwan die Regierung in Peking bei ihrer „http://de.wikipedia.org/wiki/Ein-China-Politik Ein-China-Politik“. Gleichzeitig unterstützen sie die tibetanische Regierung im Exil. Sind diese Positionen miteinander vereinbar?

In der Tat. Tibet strebt keine Unabhängigkeit an, sondern einen besseren Status im Rahmen seiner Autonomie: Wir wollen unsere Freiheit bewahren, unsere Sprache, unsere Kultur, unsere Umwelt und unsere Lebensweise. Aber all das im Kontext der chinesischen Verfassung. Wir sind also nicht erpicht darauf, unsere Souveränität wieder zu erlangen, daher widersprechen sich auch die beiden Positionen nicht.

2002 unterstützte die UNO den Millenniumsgipfel für den Frieden, an dem mehr als 100 religiöse Führer aus aller Welt teilnahmen – der Dalai Lama wurde indes nicht eingeladen. Glauben Sie, dass die UNO in der Tibet-Frage immer noch mitmischen kann?

Die UNO hat keinen Einspruch gegen die Teilnahme seiner Heiligkeit erhoben. China machte damals von seinem Veto Gebrauch. Das war nur eine von vielen UNO-Initiativen, die am chinesischen Vetorecht scheiterten. Die Vereinten Nationen versuchten, ein Buch zu Frieden und Gewaltverzicht zu veröffentlichen, das einen Beitrag des Dalai Lama enthielt. China protestierte und das Buch ist bis heute nicht veröffentlicht worden.

Glauben Sie, dass die EU eine bedeutendere Rolle in der Tibet-Frage spielen könnte?

Die EU spielt in dieser Frage eine viel entscheidendere Rolle als die UNO. Seit China UNO-Mitglied ist, hat es in Menschenrechtsfragen in Tibet keine Fortschritte gegeben. China ist auch Mitglied des Menschenrechtsrates der UNO – der reine Hohn.

Der http://de.wikipedia.org/wiki/Panchen_Lama Panchen Lama, nach dem Dalai Lama die wichtigste Persönlichkeit im tibetanischen Buddhismus, wird vom Dalai Lama auserwählt. Dennoch hat China gerade den Dalai Lama übergangen und eigenmächtig über seinen Nachfolger bestimmt. Wird das in Ihren Gesprächen mit Peking ein Thema sein?

Nein. Einige Tage, nachdem seine Heiligkeit, der Dalai Lama, die Reinkarnation des vorhergehenden Panchen Lama anerkannt hat, wurde er zum jüngsten politischen Gefangenen der Welt und verschwand. Wenn die EU oder andere Regierungen Peking auf dieses Thema ansprechen, betonen sie, wie gut es ihm gehe und dass er nicht belästigt werden wolle. Die Chinesen haben anstelle des wahren Panchen Lama einen anderen gewählt und die Tibetaner gezwungen, ihn zu verehren.

Der Dalai Lama ist das Gesicht und das Symbol für den Kampf der Tibeter. Er wird in der ganzen Welt von Regierungen und Führern aller Religionen anerkannt. Wie würde Tibet ohne ihn dastehen?

Als er nach Indien kam, war die tibetanische Regierung archaisch und primitiv, sie war abhängig von den Nachfolgern des Dalai Lama. In den vergangenen 45 Jahren hat er hart gearbeitet, um die Regierung zu der modernen, verantwortungsbewussten und demokratischen Institution zu machen, die sie heute ist. Indem der Dalai Lama den politischen Institutionen in Tibet mehr Autonomie verliehen hat, hat er sein Volk seit 1959 darauf vorbereitet, auch ohne ihn auszukommen.

Fotos: Sonam Norbu (JDR); Tibetanisches Parlament im Exil (JDR)