Gesellschaft

Die Corrala Utopia haucht Sevilla neues Leben ein

Artikel veröffentlicht am 13. März 2014
Artikel veröffentlicht am 13. März 2014

Die Men­schen Se­vil­las sind von der Wirt­schafts­kri­se, der Ar­beits­lo­sig­keit und Armut schwer ge­zeich­net. Doch mit Ein­falls­reich­tum und Le­bens­freu­de finden die Menschen Wege aus der Krise. Die Cor­ra­la-Be­we­gung nimmt leere Grund­stü­cke ein und gibt den Men­schen damit nicht nur einen Platz zum Leben, son­dern auch eine Ge­mein­schaft, die sie wert­schät­zen kön­nen.

„Vor ei­ni­ger Zeit kam ein fran­zö­si­scher Fo­to­graf um eine Fo­to­re­por­ta­ge über das Leben in un­se­rer Cor­ra­la zu ma­chen. Er ver­sam­mel­te uns, plat­zier­te eine Fa­mi­lie nach der an­de­ren auf dem Sofa und fo­to­gra­fier­te. Auf dem Foto mei­ner Fa­mi­lie sitzt meine Toch­ter auf dem Sofa, meine Frau steht rechts und ich links von ihr." Ob­wohl sich die Be­woh­ner der Cor­ra­la Utopía an Fotos und die me­dia­le Auf­merk­sam­keit ge­wöhnt haben, wur­de ihnen die Sen­sa­ti­ons­gier der Me­di­en zu viel. „Beim An­blick des Er­geb­nisses der Fo­to­ses­si­on ent­deck­te ich, dass der Fo­to­graf un­se­re Ge­sich­ter mit Pho­to­shop be­ar­bei­tet hatte, so­dass wir trau­ri­ger aus­sa­hen. Mein Ge­sicht war über­ar­bei­tet und ich sah aus, als ob ich ge­weint hatte. Au­ßer­dem sah ich zehn Jahre älter aus", seufzt Álvaro. Im nord­west­li­chen Teil der Stadt - der Hei­mat der Ar­bei­ter­klas­se - tref­fen wir auf dem Boden sit­zend Álvaro, einen dun­kel­häu­ti­gen, ro­bust wir­ken­den Mann, der von den an­de­ren ge­schickt wurde, um Fra­gen zu be­ant­wor­ten. Es würde kei­nen Sinn ma­chen noch je­mand an­de­ren zu spre­chen, denn „alle wür­den dir die glei­che Ge­schich­te er­zäh­len", be­haup­tet Álvaro. Wir könn­ten das Ge­bäu­de nicht ein­mal be­tre­ten, damit „die Po­li­zei nicht weiß, was wir in den letz­ten Tagen dort drin­nen ge­trie­ben haben."

Tref­fen der Be­woh­ner

Im Mai 2012 ge­grün­det, war die Cor­ra­la Utopía der erste leere Ap­part­ment­kom­plex, den die Opfer der an­hal­ten­den Wirt­schafts­kri­se be­setz­ten. Er wird von den ver­schie­dens­ten Men­schen be­wohnt - von ehe­ma­li­gen Fri­seu­ren bis zu Rei­ni­gungs­kräf­ten und Mau­rern, die über Nacht ar­beits­los wur­den. Die Be­sit­zer schmis­sen sie aus ihren Häu­sern, weil sie ihre Schul­den nicht ab­be­zah­len konn­ten. Ob­wohl seit­dem viele an­de­re Cor­ralas in An­da­lu­si­en ent­stan­den sind, ist die Cor­ra­la Utopía eine der we­ni­gen, die über­lebt hat. Den­noch ist ihr Schick­sal mo­men­tan höchst un­si­cher. Am 15. Fe­bru­ar ord­ne­te der Ge­richts­hof eine so­for­ti­ge Zwangs­um­sied­lung der Be­woh­ner Utopías an. Da­nach wur­den Zu­ge­ständ­nis­se ge­macht, die den Fa­mi­len er­laub­ten, eine „pas­si­ve Lö­sung" für das Pro­blem zu fin­den. In­fol­ge­des­sen wird die Ge­mein­schaft Utopías sehr wahr­schein­lich  am 5. März auf­ge­löst. Ihre Mit­glie­der wer­den ein neues zu­ Hau­se fin­den müs­sen. 

Pa­ra­do­xer­wei­se ist dies ein schwie­ri­ges Un­ter­fan­gen. Denn ob­wohl es in Se­vil­la ge­schätzt über 130.000 leer­ ste­hen­de Wohn­ein­hei­ten gibt, wurde den Fa­mi­li­en keine ein­zi­ge an­ge­bo­ten. „Wir wol­len die So­zi­al­mie­te ent­spre­chend un­se­rer in­di­vi­du­el­len Ein­kom­mens­ver­hält­nis­sen zah­len, aber die Re­gie­rung möch­te davon nichts hören", er­klärt Álvaro. „Noch dazu hat sie alles dafür getan, uns das Leben schwer zu ma­chen." Nur ei­ni­ge Wo­chen nach­dem sie ein­ge­zo­gen waren, stell­te ihnen die Stadt das Was­ser und den Strom ab. „Für diese Ak­ti­on gaben sie fast 40.000 Euro aus", er­in­nert sich Álvaro mit Re­si­gna­ti­on in der Stim­me. „Fast von An­fang an haben wir hier ohne Was­ser und Strom ge­lebt." Die Be­woh­ner der Cor­ra­la holen sich aus einem öf­fent­li­chen Brun­nen auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te Was­ser und nut­zen Ben­zin­ge­ne­ra­to­ren zur En­er­gie­er­zeu­gung. „Wir haben die Re­gie­rung auch darum ge­be­ten, uns Gär­ten zu­zu­tei­len, damit wir un­se­re ei­ge­nen Früch­te und unser ei­ge­nes Ge­mü­se an­bau­en kön­nen. Aber nur eine ein­zi­ge Fa­mi­lie er­hielt ein Stück Land."

Kon­zen­tra­ti­on auf die Men­schen

„Bevor ich her­kam, ar­bei­te­te ich in einem Yacht­club. Ich ver­dien­te 2500 Euro pro Monat, ich kauf­te ein Haus; ich war gut dran. Heute habe ich weder ein Haus noch einen Fern­se­her oder ein Radio, aber ich bin glück­li­cher. Geld al­lein macht auch nicht glück­lich", er­klärt Álvaro. „Jetzt habe ich mehr Zeit für mei­ne Fa­mi­lie, wir ver­brin­gen den Abend damit, uns mit den an­de­ren zu un­ter­hal­ten und mit un­se­ren Kin­dern zu spie­len. Wir sind wie eine große Fa­mi­lie." In ihrer Frei­zeit or­ga­ni­sie­ren die Be­woh­ner der Cor­ra­la, un­ter­stützt von Frei­wil­li­gen, Ak­ti­vi­tä­ten für die Kin­der, ler­nen Fla­men­co tan­zen und or­ga­ni­sie­ren Ver­an­stal­tun­gen, die ihre Be­we­gung un­ter­stüt­zen. „Letz­tes Jahr or­ga­ni­sier­ten wir Cor­ra­la Rocks, eine Kon­zert­rei­he zur Un­ter­stüt­zung un­se­rer Cor­ra­la. Wir nah­men Fla­men­co-Un­ter­richt und ver­an­stal­te­ten eine escra­che (eine in Spa­ni­en, Ar­gen­ti­ni­en, Uru­gu­ay und Pa­ra­gu­ay be­lieb­te Form des fried­li­chen Pro­tests, Anm. d. Red.) in der Iber­ca­ja Bank, dem der­zei­ti­gen Ei­gen­tü­mer Cor­ra­las. Wir baten die Re­gie­rung uns in der Or­ga­ni­sa­ti­on eines So­li­da­ri­täts-Zen­trums, wo wir die Leute aus un­se­rer Nach­bar­schaft be­ra­ten und eine So­zi­al­kü­che ein­rich­ten könn­ten, fi­nan­zi­ell zu un­ter­stüt­zen. Wir haben nie eine Ant­wort er­hal­ten."

MAKE some NOISE!

„Ein ver­ein­tes Volk hat die Macht", ver­kün­det Álvaro, und heut­zu­ta­ge tei­len viele Men­schen in Spa­ni­en seine Mei­nung. Wäh­rend einer De­mons­tra­ti­on in einer an­de­ren lo­ka­len Bank, die Caixa heißt, tref­fen wir die Mit­glie­der der Plat­for­ma de Afec­ta­dos de la Hi­po­te­ca de Se­vil­la (kurz PAH; ein Forum für die­je­ni­gen in Se­vil­la, die unter Schul­den lei­den, Anm. d. Red.). Es ist laut und der Pro­test kann noch viele Stra­ßen wei­ter ge­hört wer­den. Trom­pe­ten und Tril­ler­pfei­fen schei­nen not­wen­di­ge Waf­fen zu sein, um Un­ter­stüt­zung für das Recht auf an­ge­mes­se­nes Woh­nen de­mons­trie­ren und die Auf­merk­sam­keit dar­auf zu len­ken, dass „eine echte Lö­sung für das Schul­den­pro­blem noch ge­fun­den wer­den muss. Mo­men­tan wer­den vier Fälle, in denen es um Hy­po­the­ken geht, vom Ma­nage­ment der Bank dis­ku­tiert. Elf Tage lang haben diese Men­schen schicht­wei­se ge­campt, um ihre ei­ser­ne Ent­schlos­sen­heit zu de­mons­trie­ren.

„Die PAH steht di­rekt mit der In­di­gna­dos Be­we­gung in Ver­bin­dung. Da­mals taten sich Men­schen, die die die g­lei­chen Pro­ble­me hat­ten, zu­sam­men und be­gan­nen mit der Or­ga­ni­sa­ti­on von wö­chent­li­chen Ver­samm­lun­gen. Dort konn­ten die­je­ni­gen, die Pro­ble­me mit Hy­po­the­ken und Zwangs­räu­mung hat­ten, Be­ra­tung und Un­ter­stüt­zung. In der Nie­der­las­sung der PAH in Se­vil­la tref­fen wir uns zwei Mal in der Woche und brin­gen un­ge­fähr 280 Leute mit un­ge­lös­ten Pro­ble­men be­züg­lich Hy­po­the­ken zu­sam­men." Isa­bel ist eine So­zi­al­ar­bei­te­rin, die ihre Frei­zeit der Ko­or­di­na­ti­on von PAH-Ak­tio­nen wid­met. „Unser größ­ter Er­folg ist es, dass wir es ge­schafft haben Zwangs­räu­mun­gen ab­zu­wen­den", er­klärt Isa­bel mit einem Lä­cheln. „Wir ar­bei­ten zu­sam­men, um ein ge­mein­sa­mes Pro­blem zu lösen. Die Men­schen ver­lie­ren hier ihr Schuld­ge­fühl, sie wis­sen, dass sie nicht al­lein sind. Dank der PAH rea­li­sie­ren die Leute, dass sie Mit­bür­ger sind und nicht nur Kon­su­men­ten", führt sie stolz aus. Das Zu­ein­an­der­fin­den der Men­schen scheint das Er­folgs­re­zept aller Ba­sis­be­we­gun­gen in Se­vil­la zu sein. Wie Álvaro sagt: „Wir su­chen nach einem so­zia­len Sieg und nicht nach einem po­li­ti­schen."

Ein gro­ßes Dan­ke­schön an ca­fe­ba­bel Se­vil­la- Elena Ur­bi­na So­ria­no und Clara Fa­jar­do sowie Pablo Gon­za­lez Ji­me­nez.

Diese Re­por­ta­ge wurde im Rah­men des Pro­jeks «EU­to­pia – Time to Vote» ge­schrie­ben. Un­se­re Part­ner für die­ses Pro­jekt sind die Stif­tung Hip­po­crène, die Eu­ro­päi­schen Kom­mis­si­on, das fran­zö­si­sche Au­ßen­mi­nis­te­ri­um und die Stif­tung EVENS. Bald fin­det ihr alle Ar­ti­kel aus Se­vil­la auf der ers­ten Seite un­se­res Ma­ga­zins.