Gesellschaft

Deutsch-Russen: Berliner Erben

Artikel veröffentlicht am 18. Dezember 2007
Artikel veröffentlicht am 18. Dezember 2007
Die Geschichte der in Berlin lebenden Nachfahren der Wolgadeutschen, die um Harmonie im Alltag und bessere Lebensumstände in ihrer Wahlheimat kämpfen.

'Eastgate' - Zwischen den unzähligen Hochhäusern der Umgebung sticht der in Großbuchstaben angebrachte Name des Berliner Einkaufszentrums direkt ins Auge. In den Straßen hört man überall Russisch. Im Berliner Viertel Marzahn haben 28.000 von insgesamt 103.000 Anwohnern ihre deutsch-russische Geschichte irgendwo in ihre Hinterköpfe verbannt. Die meisten Russlanddeutschen - oder Wolgadeutschen, wie man sie hier auch nennt - besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft.

Die Geschichte der Russlanddeutschen begann bereits 1760. Zu diesem Zeitpunkt wanderten 30.000 Deutsche auf Einladung Katharinas der Großen in den Osten aus. "Um die landwirtschaftlichen Zonen im Süden Russlands und den aktuell zur Ukraine gehörigen Gebieten – damals unter russischer Hand – weiter zu entwickeln, bat die russische Zarin die als arbeitsfreudig geltenden Deutschen darum, an der Neubesiedlung mitzuwirken", erklärt Frank Tétart, Geopolitologe und Verantwortlicher für Recherchearbeiten des französischen Politikinstituts LEPAC.

Die deutschen Aussiedler lebten zusammen, profitierten von Privilegien und behielten somit ihre 'deutsche Kultur' bei. Auch noch, als Lenin ihnen später einen Staat gibt - die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen. Mit dem Zweiten Weltkrieg, in dem sich UdSSR und Deutschland als Feinde gegenüberstehen, eskaliert die bereits heikle Situation: die Wolgadeutschen werden nach Sibirien und Kleinasien verschleppt - in das heutige Kasachstan und nach Usbekistan.

Deutsches Eldorado

Mit dem Mauerfall beginnen die Verschleppten neu zu hoffen. Die deutsche Staatsbürgerschaft, die sie als Erbschaft erhalten haben, gibt ihnen die Möglichkeit, einen Neuanfang im Land der Vorfahren zu wagen. Ab 1990 sollen die Wolgadeutschen auf ihr Recht und ihren Aussiedlerstatus beharren können. Wie es das in Deutschland gültige Blutsrecht besagt, verfügen die ehemaligen Wolgadeutschen über die doppelte Staatsbürgerschaft.

Was suchen sie in Deutschland, Jahrhunderte nachdem ihre Vorfahren das Land verlassen hatten? Oft existiert keine einzige familiäre Verbindung mehr in Deutschland. Für viele Russlanddeutsche bedeutet die Reise jedoch eine wahrhaftige Rückkehr zu ihren Ursprüngen. Sie hoffen auf ein besseres Leben - in ihrer Wahlheimat.

Der in Lichtenberg lebende Lebensmittelhändler Eduard Walz hat 1990 die Berge des Ural hinter sich gelassen und ist nach Berlin gegangen. Walz hat, wie er selbst sagt, "seine Chance genutzt". "Die doppelte Staatsbürgerschaft hat uns ermöglicht, fortzugehen. Denn in Russland waren die Zukunftschancen recht beschränkt."

Vassili Sagasdachny, Mitglied des russischen Vereins 'Schalasch', gehört zur zweiten Welle der Rücksiedler aus dem Jahr 2000. In Kasachstan lebte er sehr bescheiden. Er wollte "sehen, wie das Leben in Berlin ist". Heute würde er um nichts auf der Welt zurückkehren wollen.

Waren die deutschen Behörden nicht sehr wachsam während der neunziger Jahre, so sind sie zunehmand strenger: die Einwanderergesetze sind verschärft worden. Die verwaltungsrechtliche Prozedur ist langwierig. Sie kann sich über Jahre hinziehen. Künftig kann nur noch einen Antrag stellen, wer vor 1993 geboren ist.

Erste Integrationsschritte

Die Russlanddeutschen haben zunächst versucht, ihren Familien oder Familienmitgliedern nach Deutschland zu folgen - zumeist in die Viertel, die der Staat für die russischen Gemeinschaften vorgesehen hatte. In Berlin ist Marzahn die größte russische 'Kolonie'. Um dem Negativtrend der sozialen Ausgrenzung entgegenzuwirken und "die Integration zu fördern", hat Deutschland seit 2002 Richtlinien festgelegt, an die sich jedes Bundesland zu halten hat. Die Kinder gehen jedoch zur Schule, studieren, Erwachsene arbeiten oder sind auf Jobsuche. Die Integration schreitet voran, auch wenn der Arbeitsmarkt in Berlin nicht gerade rosig aussieht.

Deshalb hat auch Eduard Walz nach einer vom Arbeitsamt finanzierten Ausbildung zum Tischler relativ schnell die Branche gewechselt. Denn "als Tischler kann man in Berlin sein Brot wirklich nicht verdienen. Die Arbeit ist unterbezahlt", erzählt Eduard. Sein Laden läuft gut. Hauptsächlich dank der "Stammkunden" und Russen, die im Viertel leben. "Aber mit großen Ketten wie Kaufland kann ich natürlich nicht mithalten", erklärt er.

Wenn man einen Job finden will, muss man die deutsche Sprache beherrschen. Zu Beginn waren 70 Prozent der ersten Aussiedler der deutschen Sprache mächtig. Jetzt spricht "nur noch ein Viertel der Neuankömmlinge Deutsch", schätzt Frank Tétart.

"Junge Leute haben bessere Chancen, denn sie gehen zur Schule. Sie lernen Deutsch, auch wenn sie zu Hause eine andere Sprache sprechen", erklärt Valentina Zapp, Projektleiterin des Vereins 'Schalasch'. Tagtäglich hilft sie jungen Leuten, einen Job zu finden oder ihre Bewerbungsschreiben zu formulieren: "Nach einem Wiederholungsjahr können sie wieder normal in die Schullaufbahn integriert werden. Aber das deutsche Schulsystem ist elitär. Berlin bietet nur wenige Perspektiven."

Gespaltene Identität

Anna Mamonov ist 25 Jahre alt. Mit neun Jahren war sie mit ihrer Mutter nach Deutschland gekommen. Für sie, wie für viele Andere auch, ist das Identitätsproblem keinesfalls gelöst. "Ich habe den Eindruck, dass man mich von meiner Kindheit und meinem Land weggerissen hat." Sie fühlt sich zwar integriert, aber sie fühlt sich trotzdem als Russin.

Und die in Deutschland geborenen Nachkommen? Für sie gilt das genaue Gegenteil: auch wenn zu Hause Russisch gesprochen wird, möchten sie die Sprache der Eltern oft nicht lernen, da sie in der Schule mit ihren Freunden nur Deutsch sprechen. Valentinas Verein bietet für die Jüngeren dementsprechend "Russisch für Anfänger" an.

Trotz all dieser Bemühungen hat der Deutsche noch allzu oft das Bild des russischstämmigen Sozialhilfeempfängers im Kopf. Zu oft fühlen sich Deutsch-Russen noch als Menschen zweiter Klasse und würden darunter leiden, erklärt Eduard. "Finanziell gesehen geht es uns hier besser als in Russland. Aber der Rest… Wir sind hier nicht so frei. Stehen unter Druck. Es gibt zu viele Gesetze. Für mich bleibt Russland meine Heimat."

Phänomen: Russendisko

Fotos: Marzahn (LutzSchramm/flickr); Ausstellung (new9678/flickr)