Gesellschaft

David Černý: Skandalkunst und EU-Klischees

Artikel veröffentlicht am 14. Januar 2009
Artikel veröffentlicht am 14. Januar 2009
Der 43-jährige David Cerny, ein tschechischer Skandal-Bildhauer, hat laut offizieller Bestätigung des tschechischen Vize-Premiers, Alexandr Vondra, eine Installation, die vermeintlich von 27 europäischen Künstlern angefertigt wurde und momentan im Gebäude des Europäischen Rates ausgestellt wird, allein konzipiert. Das euroskeptische Tschechien hat bis Juni 2009 die EU-Ratspräsidentschaft inne.
Interview.

Im Buch The Fucking Years macht David Cerny sich darüber lustig, wie man gewöhnlich den Erfolg von Künstlern berechnet, indem er die Zeit seines künstlerischen Schaffens in die Menge seines in dieser Zeit verbrauchten Spermas umrechnet. Wen es interessiert: Es sind 30 Liter.

©archangeldeb/flickrDavid Cerny ist einer der berühmtesten zeitgenössischen tschechischen Künstler. Er wurde bekannt, als er ein Panzer-Denkmal rosa übermalte und damit die sowjetische Befreiung der Tschechoslowakei verspottete. Unter seinen Werken findet sich auch eine Nachahmung des Denkmals des heiligen Wacaws. Darin stellt Cerny den tschechischen Schutzheiligen sitzend auf einem toten, über Kopf hängenden Pferd dar. Auch hat er ein riesengroßes Kind geschaffen, das den tschechischen Fernsehturm besteigt.

Seine Abbildung, die Saddam Hussein gefesselt in einem Aquarium mit Formalin zeigt und sich auf das Werk Hai von Damien Hirst bezieht, wurde letztes Jahr von Ausstellungen in Polen und Belgien entfernt. David Cerny bestreitet trotzdem, berühmt zu sein und antwortete in Bezug auf die berühmte Pferdskulptur: „Das Pferd ist berühmt, nicht ich!“ Obwohl die sowjetischen Truppen Prag schon vor langer Zeit verlassen haben, findet Cerny immer noch vieles, gegen das es sich zu protestieren lohnt.

Sie sind dafür bekannt, dass ihre Werke starke Emotionen hervorrufen. Haben Sie schon einmal Probleme mit den Machtinhabern gehabt?

Den unangenehmsten Konflikt hatte ich vor zwei oder drei Jahren. Der erste Prager Stadtrat rief damals einen Wettbewerb für den Bau eines Denkmals zum Zweiten Weltkrieg aus. Ich habe mich an dem Wettbewerb beteiligt und am Ende, zum Erstaunen aller, gewonnen. Nicht lange danach bin ich von einem Kollegen interviewt worden. Wir sind beide Antikommunisten und zu diesem Zeitpunkt waren in Tschechien viele Postkommunisten an der Macht.

Man fragte mich, wie ich dazu stehe, dass unter den Leuten, die aufgrund ihres Widerstands gegen die Deutschen gestorben sind, auch Kommunisten waren. Ich antwortete: „Nur ein toter Kommunist ist ein guter Kommunist.“ Das war das Ende unserer Zusammenarbeit, obwohl wir schon dabei waren, die Verträge zu unterzeichnen. Es wäre mir egal gewesen, wenn sie das Projekt abgebrochen hätten, aber dafür hat jemand anderes das Denkmal gebaut. Das Problem ist, dass ich jetzt fast jeden zweiten Tag an einem „Denkmal” vorbeigehen muss, das wie farbige Kotze aussieht.

Ist das nicht einfach Ihr gekränktes Ego?

Nein! Das ist keine Frage meines gekränkten Egos, sondern eher des Gefühls für Ästhetik!

Wie würden Sie den Einfluss des Kommunismus beschreiben, der 50 Jahre die Stadt beherrscht hat?

©adrigu/flickrGanz Tschechien wurde ruiniert und geistig zerstört. Das ist so, als wenn man nach dem Resultat des Zweiten Weltkriegs fragen würde. Es reicht schon aus, ein bisschen aus dem Zentrum heraus zu fahren, um sich umzusehen. Überall gibt es schreckliche Plattensiedlungen. Sie sind unzerstörbar und umgeben die ganze Stadt. Oder die Autobahn in der Stadtmitte. In keinem anderen Land gibt es etwas Vergleichbares!

Wir haben ständige Probleme. Nach 15 Jahren wird immer noch diskutiert, ob die Dokumente der Geheimpolizei veröffentlicht werden sollen oder nicht. Wenn das gleich nach dem Fall des Kommunismus passiert wäre, dann gäbe es jetzt nicht die ganzen Spekulationen darüber, wer Denunziant war und wer nicht.

Klar gibt es Fälle, wo Menschen gefoltert wurden, die dann Abkommen unterschrieben, mit dem Geheimdienst zu kooperieren und dann sofort aus dem Land flohen. Es gibt auch Fälle, in denen Menschen gefoltert wurden, unterschrieben und alle Freunde um sie herum warnten. Aber es gibt auch Fälle geachteter Dissidenten, die unterschrieben und ihre Freunde verrieten und sie ins Gefängnis schickten! Informationen über diese Leute müssen öffentlich gemacht werden!

Glauben Sie nicht, dass Prag, das derzeit von Touristen überflutet wird, seinen Charme und seinen Reiz verliert und zum „Kafkaland“ verkommt?

Es ist auf jeden Fall besser, die ganze Stadt voller Touristen zu haben als voll von sowjetischen Soldaten. Das ist der Preis des Wandels. Der touristische Boom wird früher oder später enden und meiner Meinung nach ist er gut, denn wenigstens können durch die Einnahmen einige Teile der Stadt renoviert werden. Natürlich, wenn es um die Planung geht, würde ich mir etwas Klügeres wünschen. Leider machen sich die Machthaber darüber keine Gedanken.

Und was würden Sie gerne ändern?

Es gibt wirklich ein paar entsetzliche Gebäude. Es gibt in Prag kein Konzept für die städtische Erneuerung und es gibt keinen Status Quo für den Schutz der Kultur und die Urbanisierung. Niemand macht sich Gedanken darüber, was bewahrt und was zerstört werden soll. Es gibt in der Stadt Millionen von Gebäuden, wie das, in dem wir uns gerade befinden. Weil sie aber Teil des geschichtlichen Erbes sind, gibt es keine Chance, etwas Neues zu bauen.

Letztlich berührt das auch die Diskussion über den Bau einer neuen Nationalbibliothek nicht weit von dem Platz, wo das weltgrößte Denkmal Stalins gestanden hat. Den Wettbewerb hat Jan Kaplicky gewonnen, ein berühmter Architekt. Trotzdem sorgt auch ein Projekt eines Wetklasse-Architekten für Kontroversen: Einige haben angefangen, sich darüber zu beklagen, das sein Vorschlag zu modern sei oder nicht zum Ort passe… Es lohnt sich nicht, darüber zu sprechen! Aber es ist ein sehr schönes Projekt und es wäre großartig, wenn es genau dort errichtet würde!

Welches Ihrer Projekte wurde nicht realisiert und warum?

Ich habe die Skulptur eines masturbierenden Riesen entworfen. Er sollte auf dem Dach des Nationaltheaters sitzen und aus seinem Penis sollte von Zeit zu Zeit Wasser rausspritzen. Leider wurde das Projekt nicht realisiert. Der Leiter des Theaters war ein Angsthase. Ich hatte die Skulptur direkt vor dem Referendum 2003 über den EU-Beitritt Tschechiens entworfen und niemand war sicher, wie die Menschen auf dem Dorf abstimmen würden. Ich wollte die Nationalisten provozieren. Der tschechische Präsident Klaus war zu diesem Zeitpunkt gegen den EU-Beitritt. Ganz allgemein gesagt ist er ein Arschloch. Das war meine Art zu zeigen, dass diese Nation voller Arschlöcher und Wichser ist.

Trotzdem wurde ein kontroverser Brunnen von mir in der Altstadt errichtet. Er zeigt zwei in einen Teich pinkelnde Männer, der Teich hat die Form der tschechischen Republik. In den meisten anderen europäischen Ländern würde man dafür verklagt werden (lacht). Es hat nur geklappt, weil es eine Privatinvestition war. Vor ein paar Monaten, im Herbst, fand ein Treffen von Skinheads statt, die „Heil“ rufend auf das Denkmal zuliefen, um es zu zerstören. Lustig ist, dass das zu einem Polizeieinsatz führte. Die Polizei kam, um mein Werk mit Plexiglas zu schützen. Ist das nicht ironisch?

Sie haben für zwei Jahre in den USA gelebt. Was ist Ihrer Meinung nach der größte Unterschied zwischen Amerika und Europa?

Die Art, wie dort die Bank funktioniert! (lacht) Nein, aber ganz ehrlich. Ich glaube, mein größtes Problem ist die amerikanische Oberflächlichkeit. Ich war kurz davor wegzugehen, als ich merkte, dass es mich ankotzte, das alle nett zu mir waren, nur weil du der „Bildhauer aus der Tschechoslowakei“ bist. Die Oberflächlichkeit hat mich gelangweilt und gleichzeitig hatte ich mehr Spaß dort. Während der zwei nächsten Jahre zögerte ich und letztlich bin ich zurückgekommen. Und das nicht nur wegen der Mädchen!

Bereuen Sie Ihre Entscheidung manchmal?

Natürlich, klar! Die ganze Zeit! Aber gleichzeitig habe ich ein großes neues Projekt beendet, das in den USA errichtet wird und ich bin gerade dabei, ein zweites Werk zu entwerfen. Nicht in New York, in North Carolina. Im absoluten Nichts!

Und wie Sehen Sie sich selbst? Als Künstler, Entertainer oder als einen politischen Aktivisten?

Ich hoffe, dass ich am Ende meines Lebens sagen kann: „Ich war ein guter Bildhauer.“