Gesellschaft

Das süße Leben der Brüsseler Nachwuchselite

Artikel veröffentlicht am 23. Februar 2010
Artikel veröffentlicht am 23. Februar 2010
Sie sind überqualifiziert, mehrsprachig und kommen aus allen Ecken der EU, um in der Hauptstadt Europas den passenden Job oder ein Praktikum zu ergattern: Die Nachwuchselite in Brüssel lässt die Krise ziemlich kalt.

„Brüssel steht für das Peter Pan-Syndrom, stellvertretend für eine Art Post-Erasmus-Trauma“. Der Spanier Jorge, 26 Jahre alt, hat die letzten zwei Jahre in Lyon in Frankreich studiert: „Ich habe mich an den studentischen Lebensstil gewöhnt. Das ist wie ein Paralleluniversum, das man nicht verlassen möchte.“ Jorges Aussagen spiegeln die Stimmung in den Straßen von Brüssel genau wider. Es sind große Kinder, die ihr Studium an einer Universität abgeschlossen haben, aber trotzdem weiter wie Studenten leben möchten: Feiern, das Leben in einer WG… der Brüsseler Nachwuchs ist offen für neue Kontakte und sammelt fleißig Auslandserfahrungen. „Ich halte es ganz anders als meine Verwandten, die selten verreist sind, und auch als viele meiner Freunde, die einer nach dem anderen heiraten. Ich will die Welt entdecken und feiern gehen“, verrät Ioana, eine 26-jährige Rumänin.

Brüssel: Hauptstadt der Erwachsenen, die es nicht werden wollen

3 Schweden zu Besuch im EP ©EPWie nun aber gestalten diese jungen Menschen in ihrer Wahlheimat Brüssel und in Zeiten der Krise ihren Alltag? Romain, ein 25-jähriger Franzose, hat sein Diplom bereits in der Tasche und will sich auf Kino spezialisieren. Er beklagt, dass sich bei ihm die Treffen für unterbezahlte Produktionsvorhaben aneinanderreihen. Auch in Brüssel verschont die Krise keinen Sektor: „In Belgien können Firmen in einen Film investieren und im Gegenzug mit Steuersenkungen rechnen. Heutzutage aber sind sie immer zögerlicher.“ Um zu überleben, nimmt er mehr und mehr Aushilfsjobs an und ist auf die finanzielle Hilfe seiner Eltern angewiesen. „Nebenher versuche ich mich zu motivieren, indem ich Kunstgalerien besuche und in die Bars in der Nähe meiner alten Schule gehe, um alte Kontakte zu halten.“

Es ist wichtig, Netzwerke zu knüpfen, insbesondere, wenn man irgendwo dauerhaft ankommen möchte. „Alle sechs Monate muss man sich einen neuen Job suchen oder ein anderes Praktikum finden. Aber auch wenn das schwierig ist, sollte man das Ganze doch mit Humor nehmen, denn es handelt sich um eine Übergangssituation“, wiegelt Jorge ab. Ioana hingegen träumt davon, bei einer der europäischen Institution zu arbeiten. „Ich habe fünf Jahre beim Europäischen Parlament gearbeitet und weil ich unbedingt in Brüssel bleiben wollte, habe ich mich bei einer Denkfabrik beworben.“ Die Stellen sind jedoch rar gesät. Das weiß Ioana nur zu gut. „Für Europäer aus den neuen Mitgliedstaaten ist es komplizierter, weil wir eine Arbeitserlaubnis brauchen. Ich persönlich habe aber Glück gehabt.“ Dieser Eindruck wird durch einen Vergleich mit ihrem Heimatland bestätigt: „Ich verdiene 1400 Euro brutto im Monat, weitaus mehr als meine Mutter nach 25 Jahren als Lehrerin bekommt.“

Das Brüssel-Symbol

Zweisprachige und überqualifizierte Wahlbrüsseler

Wenn Europa wie Brüssel ist, dann mag ich Europa nicht.

Geschützt in ihrer eigenen, nicht selten elitären Seifenblase fühlen sich die gut ausgebildeten und aus wohlhabenden Schichten stammenden jungen Europäer in Sicherheit. Die Wirtschaftskrise scheint weit entfernt. Laeticia, 26 Jahre, hat in Italien Öffentlichkeitsarbeit studiert. „Wenn Europa wie Brüssel ist, dann mag ich Europa nicht. Es ist zu weit entfernt von der sozialen Wirklichkeit in den anderen Teilen der Union. Hier besteht die Jungend aus einer gebildeten Elite, welche aus der bürgerlichen Mittelschicht stammt. Die meisten von ihnen sind diplomiert und sprechen mehrere Sprachen.“

Die zunehmende Internationalität der Stadt ist nicht immer von Vorteil. In der belgischen Hauptstadt reicht es nicht, Englisch zu sprechen, man sollte auch des Französischen oder Flämischen mächtig sein. „Das ist ein wirkliches Problem“, beschwert sich Romain, „ich habe schon Absagen bekommen, weil ich kein Niederländisch spreche.“ Claudia ist 23 Jahre alt kommt aus Anvers und spricht fließend drei Sprachen. Nachdem sie ihr Psychologiestudium an der Freien Universität Brüssel abgebrochen hat, hält sie sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. „Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt ist hart, ich würde lieber im Ausland arbeiten, dort, wo man meine Fähigkeiten besser zu schätzen weiß.“ Mit dieser Meinung steht sie nicht alleine da; Brüssel erscheint oft nur als eine Etappe, ein Sprungbrett. Der 24-jährige Jean-Marie aus Rennes hat einen Vertrag über zwei Jahre als Geophysiker im Königlichen Observatorium von Belgien ergattern können. „Ich habe keinen Lebensplan. Ich werde schon sehen, wo es mich hin verschlägt. Nur manchmal frage ich mich, was aus mir werden wird…“.

Fotos: ©StephenMcleod - 6x6 or death/flickr; ©EP