Gesellschaft

Das Bistro Syrien: Ein bisschen Freiheit

Artikel veröffentlicht am 27. Januar 2014
Artikel veröffentlicht am 27. Januar 2014

Mit­ten in Paris gibt es einen Ort, an dem sich Exil­-Sy­r­er zwi­schen Mezze und an­de­ren Le­cke­rei­en wie zu Hause füh­len: das Bis­tro Sy­ri­en von Al Batin Ahmad. Es ist ein Ort, wo Un­ter­schie­de er­wünscht sind und Frei­heit über alles geht. Hier sind alle Bli­cke auf die sy­ri­sche Re­bel­li­on ge­rich­tet.

Auf den wei­ßen Wän­den des Re­stau­rants kann man die Hoff­nun­gen, die auf der sy­ri­schen Re­bel­li­on ruhen, nach­le­sen. Un­zäh­li­ge For­de­run­gen auf Ara­bisch, die ich nicht lesen, aber spü­ren kann. Als ich Herrn Ahmad bitte, mir ein paar davon zu über­set­zen, meint er nur, dass es haupt­säch­lich um Frei­heit geht. „Je­den­falls ist klar, dass diese Pa­ro­len nicht von ra­di­ka­len Is­la­mis­ten ge­schrie­ben wor­den sein kön­nen“, meint er stolz. 

Viel Bak­la­va, eine Fahne und eine sa­ti­ri­sche Wo­chen­zei­tung

Das Bis­tro Sy­ri­en am Bou­le­vard Bonne Nou­vel­le Haus­num­mer 14 ist für Exil­sy­rer wie ein Stück Hei­mat. Es ist ein Ort mit war­mem Licht, an dem jeder will­kom­men ist. „Ob Künst­ler, Schrift­stel­ler, Ak­ti­vis­ten, ganz nor­ma­le Men­schen, Sun­ni­ten, Ala­wi­ten, Chris­ten oder Kur­den, hier füh­len sich alle wie zu Hause“, er­klärt uns der Be­sit­zer die­ses tra­di­tio­nel­len sy­ri­schen Re­stau­rants. Wie ein Be­weis sei­ner Worte liegt beim Ein­gang neben einem Berg Bak­la­va die sa­ti­ri­sche Wo­chen­zei­tung Le Ca­nard Enchaîné, die man nur an Orten fin­det, an denen Mei­nungs­frei­heit ein re­spek­tier­tes Grund­recht ist.

Al Batin Ahmad ist vor zwan­zig Jah­ren von Nawa nach einem kur­zen Zwi­schen­stop in Schwe­den, in Paris ange­kom­men. Als der Ara­bi­sche Früh­ling in Tunis aus­brach, dach­te er, „dass das­sel­be in Sy­ri­en pas­sie­ren wird“. Und so war es dann auch. Knapp drei Jahre spä­ter und 1000 km weit ent­fernt ver­tei­digt der schüch­ter­ne und ent­ge­gen­kom­men­de 42-Jäh­ri­ge von sei­nem gas­tro­no­mi­schen Stütz­punkt aus die sy­ri­sche Re­bel­li­on. „Die erste De­mons­tra­ti­on in Paris zur Un­ter­stüt­zung der sy­ri­schen Re­bel­li­on hat in die­sem Re­stau­rant be­gon­nen“, er­klärt er stolz. Neben ihm hängt die Fahne der Re­bel­len, sie hat einen Eh­ren­platz. Grün, weiß und schwarz. Manch­mal kann eine Re­bel­li­on auch far­big sein. „Sy­ri­en darf kein to­ta­li­tä­res Re­gime haben und auch keine Hoch­burg ra­di­ka­ler Is­la­mis­ten wer­den. Sy­ri­en ist eine Mi­schung von Volks­grup­pen und Re­li­gio­nen, eine 4000 Jahre alte Zi­vi­li­sa­ti­on. Die­ses Land ver­dient Frei­heit, wie alle an­de­ren Län­der der Welt.“ Frei­heit – das Wort klingt als hätte es ein Echo, wenn es den Mund des Herrn Ahmads verlässt.

"ich muss­te zu­se­hen wie sie ihm ein auge aus­ris­sen"

Wie jeden Abend kom­men Exil­-Sy­rer um zu dis­ku­tie­ren, gut zu essen und sich um­zu­hö­ren. Herr Ahmad stellt mir ei­ni­ge Gäste vor und schlägt mir vor, mich zu ihnen an den Tisch auf der Ter­ras­se zu set­zen. Der Duft der Was­ser­pfei­fe er­füllt die Win­ter­luft. Einer der Gäste be­en­det ge­ra­de ein Te­le­fon­ge­spräch und stellt sich gleich dar­auf vor. Er heißt Hous­sam Al-De­en und wirkt sehr nett. „Ich bin frei­er Jour­na­list, habe für Fran­ce 2, CNN und BBC ge­ar­bei­tet“, er­klärt er mir in per­fek­tem Eng­lisch. „Ich habe Da­mas­kus am 29. Mai ver­las­sen“ – als die Be­hör­den nach sei­ner Fest­nah­me sei­nen wah­ren Beruf her­aus­ge­fun­den haben. „Hier ist es ein biss­chen wie in Sy­ri­en, ich fühle mich hier zu Hause“, fügt er mit erns­ter Mine hinzu. Hous­sam wie­der­holt immer wie­der, dass Al Batin wie ein Vater für alle ist. „Ich kenne viele Syrer, die hier an­kom­men und kein Wort Fran­zö­sisch kön­nen, kein Geld und keine Un­ter­kunft haben. Er hilft ihnen allen“, er­klärt er. „Ich habe hier im Re­stau­rant ge­schla­fen. Und Neu­jahr haben wir ge­mein­sam mit 64 an­de­ren Flücht­lin­gen ge­fei­ert.“

An un­se­rem Tisch sitzt auch der Künst­ler Kha­led Alk­ha­ni, der vor drei Mo­na­ten die Wände des Bis­tro Sy­ri­en neu ge­stal­tet hat. Er hat Schat­ten und Sil­hou­et­ten in war­men Far­ben gemalt. Er ist in Hama ge­bo­ren, wo er eine trau­ma­ti­sche Kind­heit er­lebt hat. Er war erst 7 Jahre alt, als im Fe­bru­ar 1982 die sy­ri­sche Armee Hafed El-As­sads (der Vater von Bachar, Ex-Prä­si­dent Sy­ri­ens von 1970 bis 2000, Anm. d. Red.) die ganze Stadt nie­der­ge­walzt hat. Das war die Ver­gel­tung für die Re­bel­li­on der sun­ni­ti­schen Ge­mein­schaft. 40 000 Men­schen, vor­wie­gend Zi­vi­lis­ten, wur­den da­mals grau­sam er­mor­det. Dar­un­ter auch Kha­leds Vater. „Ich muss­te mit an­se­hen, wie sie ihm ein Auge aus­ris­sen. Die­ses Bild krieg ich ein­fach nicht aus mei­nem Kopf“, er­in­nert er sich, Wut und Schmerz sind ihm ins Ge­sicht ge­schrie­ben. „Wir ver­su­chen hier, Sy­ri­ens Zu­kunft auf­zu­bau­en, und das geht nur mit dem Fall des Re­gimes von Bachar Al-As­sad“, ist er über­zeugt. „Sie neh­men sich alle Rech­te her­aus und glau­ben wei­ter un­ge­stört töten zu kön­nen.“ Khaled ist überzeugt, „dass das sy­ri­sche Volk be­reit ist, bis auf sei­nen letz­ten Atem­zug für seine Frei­heit zu kämp­fen, egal wie viel es dabei ver­lie­ren wird.“ Seine Zeich­nun­gen und das Re­stau­rant sind ein „Fens­ter zur Welt“, ein Ort, an dem man reden kann „ohne Re­chen­schaft ab­le­gen zu müs­sen“.

Is­la­mis­mus ist für den Wes­ten ein Vor­wand zum Nichts­tun

Ein paar Meter wei­ter dis­ku­tie­ren Firas und Sadek an­ge­regt und la­chen. Die bei­den Freun­de stam­men aus Da­ma­kus und sind schon ein paar Jahre vor Be­ginn der Re­vo­lu­ti­on nach Paris ge­kom­men. Firas ist auch Maler und ar­bei­tet halb­tags im Re­stau­rant, „um ein biss­chen Geld zu ver­die­nen. Ich habe als Fo­to­graf für die Frau des Prä­si­den­ten ge­ar­bei­tet, muss­te dann aber auf­hö­ren und bin weg­ge­gan­gen“, ver­traut er mir an. Sadek Abou Hamed ist Jour­na­list bei Fran­ce 24. „Ein fran­zö­si­scher Kol­le­ge hat mich ge­fragt, ob die Re­vo­lu­ti­on in Sy­ri­en lai­zis­tisch ist. Ich hab ihm ge­ant­wor­tet, dass die Werte, die dort ver­tei­digt wer­den, viel ein­fa­che­re sind: Men­schen­wür­de und Frei­heit“, meint er mit den ge­wand­ten Wor­ten eines Fach­man­nes. „Die Ein­mi­schung ra­di­kal is­la­mis­ti­scher Grup­pen haben das Ge­sicht der Re­vo­lu­ti­on be­schmutzt. Aber die Grund­prin­zi­pi­en blei­ben“, fügt er hinzu und meint ab­schlie­ßend, dass „der Is­la­mis­mus als Vor­wand für den Wes­ten dient, sich nicht ein­mi­schen zu müs­sen.“

Firas steht has­tig auf: „Ent­schul­digt bitte, ich muss los, am Frei­tag spie­len wir immer Fuß­ball.“ Ein Stück wei­ter war­tet die ge­sammel­te Mann­schaft, freut sich und um­armt sich. Al Batin, Hous­sam, Kha­led und viele an­de­re. Alle gön­nen sich einen Mo­ment der Freu­de, eine Aus­zeit von der Re­vo­lu­ti­on, die lang­sam zum Krieg wird. Eine Aus­zeit um Schmerz und Ab­we­sen­de zu ver­ges­sen. Dank Herrn Ahmad und sei­nem duf­ten­den Re­fu­gi­um haben alle einen Ort ge­fun­den, an dem die Frei­heit des sy­ri­schen Vol­kes schon be­gon­nen hat und wei­ter ge­dei­hen kann.

Die Ge­sprä­che führ­te Alex­and­re Mar­ti­nez in Paris.