Gesellschaft

Daniel Cohn-Bendit: 'Es ist viel schwieriger heute jung zu sein'

Artikel veröffentlicht am 23. Januar 2008
Artikel veröffentlicht am 23. Januar 2008
Der deutsch-französische Grünenpolitiker Daniel Cohn-Bendit (62), Achtundsechziger der ersten Stunde, Publizist und heute Europarlamentarier, erklärt '68 endgültig für passé und verweist auf das Hier und Jetzt in Europa.

Revolution heute - was denken Sie, sind junge Menschen heutzutage weniger politisch engagiert als früher?

Es ist viel schwieriger heute jung zu sein als vor 40 Jahren. Damals kannten wir keine Arbeitslosigkeit. Außerdem: Vor 40 Jahren war die Zeit der sexuellen Revolution, der Emanzipation. Da wusste man nichts über CO2-Ausstoß und über die Klimakatastrophe. Und vor 40 Jahren war es möglich, jedwede ideologische Verrücktheit zu formulieren. Die einen waren für die chinesische Kulturrevolution, egal, wie viele Tote sie produzierte. Die anderen für das totalitäre System Kubas. Wir waren, ich sage es immer wieder, prometheisch. Die Welt gehörte uns. Und wir waren in der Lage, die Welt anders zu gestalten. Heute weiß die Jugend, dass viele Dinge einfach gar nicht gehen. Deswegen ist es falsch, wenn man sagt, die Jugend sei heute nicht politisch. Die sind anders. Die sind sensibler, zum Teil ängstlich, aber nicht weniger politisch.

Aber wie zeigt sich denn heute die Politisierung der Jugend?

Es gibt heute viele junge Menschen, die sich zum Beispiel gegen die Globalisierung wenden, gerade in Nichtregierungs- oder Menschenrechtsorganisationen. Der Unterschied ist, dass das Ganze nicht in einem richtigen oder absurden politischen Projekt zusammengefasst wird. Aber ein Teil rebelliert sehr.

Also kann man sagen, dass die Revolution heute institutionalisiert ist?

Nein, kann man nicht. Damals gab es eigentlich auch keine Revolution. Es war nur eine Revolte. Die Revolte heute spielt sich anders ab. Sie ist komplexer und vielschichtiger und lässt sich nicht so vereinheitlichen. Das macht es für die Wahrnehmung schwieriger.

Was denken Sie ist das Ziel der heutigen Revolte? Den großen Umschwung zur persönlichen Freiheit hat ja Ihre Generation schon vollzogen, was bleibt da noch für die heutige Jugend?

Es gibt die Revolte gegen die Globalisierung, bei der das Ziel offensichtlich ist. Die G8-Demonstrationen haben gezeigt, dass es gegen Ungerechtigkeit geht. Es gibt eine Revolte gegen die ökologische Zerstörung des Planeten. Es gibt aber auch einfach den Versuch, sich vor einer sehr leistungsfixierten Gesellschaft zu schützen, die im Grunde genommen ja nur anbietet, an der Arbeit unterzugehen oder arbeitslos zu sein. Selbst bei denen, die einen hohen Lebensstandard haben, ist der Druck der Arbeitsgesellschaft so hoch, dass einige ihn nur schwer aushalten. Dadurch entziehen sich viele Jugendliche einfach den Leistungen. Das wird ihnen immer wieder gen vorgeworfen. Das mag nicht politisch artikuliert sein, hat aber eine gesellschaftspolitische Auswirkung.

Aber keine wie vor 40 Jahren.

Man sollte die Vergleiche mit vor 40 Jahren endlich aufhören. ’68 ist vorbei, fini, passé. Es war toll für die, die es erlebt haben, aber es ist jetzt vorbei. Wir haben eine andere Welt, eine andere Gesellschaft. ’68 hat die Welt verändert und jetzt muss man sich mit der jetzigen Welt auseinandersetzen und nicht immer zurückschauen.

Was hat sich denn bei ihnen primär verändert in den letzten 40 Jahren?

Dass ich 40 Jahre älter bin. Das ist schon mal entscheidend. Heute bin ich kein völlig unbekannter junger Mann mehr, sondern jemand mit einer politischen Geschichte, integriert in ein politisches System.

Was denken Sie, aus Erfahrung, ist die effizientere Art, etwas zu Verändern: durch das System oder gegen das System?

Sowohl als auch. Soziale Bewegungen verändern das Klima einer Gesellschaft. Aber die Veränderungen werden letztlich im System entschieden. Das dauert lange.

Wo denken Sie haben Sie persönlich am meisten bewirkt?

Wir haben einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet, dass die Autonomie der Subjekte und auch der Kollektive jetzt eher anerkannt wird und dass die Staatsfixierung, dass der Staat vorgeben muss, wie man zu leben hat, zurückgedrängt wurde.

Denken sie, dass es eine europäische Identität gibt?

Ja, 1968 war immerhin eine europäische Bewegung. Sie hat andere Beweggründe gehabt, aber es gab sie vielerorts in Europa. Und dieses antiautoritäre Rebellieren hat in ganz Europa eine neue Gesellschaftsform bewirkt. Heute ist man auf dem Weg zu einer gemeinsamen Identität.