Gesellschaft

Coolsein: Was der Schmerzensmann vom Dude lernen kann

Artikel veröffentlicht am 15. Oktober 2012
Artikel veröffentlicht am 15. Oktober 2012
Coolsein ist in unseren modernen Gesellschaften nicht mehr angesagt. Das gilt zumindest für Männer. Die sollen immer verständnisvoller und sensibler werden – und sind mit dieser neuen Rolle überfordert. Gut, dass Jeff Bridges alias „The Dude“ da ein paar Tipps hat.

Lars Eidinger ist nicht cool. Er ist sogar ziemlich uncool. Groß und linkisch, mit sichtbaren Geheimratsecken, sucht der Schauspieler sich meist schwierige Rollen aus – und wird immer wieder als typischer Vertreter seiner Generation (Eidinger ist Jahrgang 1976) gesehen: Irgendwie schluffig, unentschieden und vom Leben generell überfordert. Ein Thirtysomething, dem die Haut eines Erwachsenen noch nicht so richtig zu passen scheint. In einem Interview mit Moderatorin Sarah Kuttner sagte Eidinger dazu:„Ich habe das Gefühl, dass meine ganze Generation schon ziemlich von Komplexen geplagt ist. Und das hat für mich viel mit den 80er Jahren zu tun.“ Damals, so Eidinger, hätten Männer angefangen, Posen einzunehmen, sich eine bestimmte Haltung anzueignen: „Pokerface“ kommt ja aus den 80ern, oder „cool“ – das sind ja alles Begriffe, die eigentlich Kälte und Emotionslosigkeit beschreiben. Ich habe dann irgendwann gemerkt, dass ich Schwierigkeiten habe, zu meinen Emotionen zu stehen.“

Gefühl statt Posen

Seltsam, so etwas gerade von einem Schauspieler zu hören, der in den Feuilletons als Inbegriff des „Schmerzenmanns“ gefeiert wird – ein Begriff, den die Journalistin Nina Pauer anfang des Jahres prägte und der in deutschen Zeitungen eine große Diskussion über den Mann von heute ausgelöst hat. Eidinger ist seltbstreflektiert und sensibel, in der Tat also alles andere als „cool“ im Sinne von „emotionslos“. Ein Schmerzensmann par excellence, also.

Der Schmerzensmann ist der Nachfolger des Typus Mann, den Eidinger so treffend beschreibt: Statt Posen regiert nun wieder das Gefühl, statt Macho-Allüren wird nun Verständnis kultiviert. Das Problem dabei ist: Bei all der Selbstreflektion und dem Sich-in-die-Frauen-Einfühlen vergisst der Schmerzensmann tatsächlich zu handeln. Die Angebetete wartet vergeblich auf den ersten Kuss, lieber macht der Schmerzensmann weiter auf besten Freund. Und spielt dazu Songs von Bright Eyes.

Männer zwischen Anfang 20 und Mitte 30, beklagt Nina Pauer, kriegen es nicht hin. Weder mit den Frauen, noch mit ihrem Leben im Allgemeinen. Der Schmerzensmann, er leidet an der modernen Gesellschaft. Jahrzehntelang wurde von Männern erwartet, dass sie tough sind und „cool“, die Hosen anhaben und die Frauen erobern. Jetzt plötzlich sollen sie zuhören, empfindsamer sein, eben mehr wie eine Frau. Vor allem sollen sie es ehrlich meinen, zu ihren Gefühlen gefälligst stehen. Coolness ist in unseren modernen Gesellschaften nicht mehr angesagt.

Just take it easy, man

Oder doch? Ich bin ein Lebowski, du bist ein Lebowski heißt das Werk vierer US-Autoren, das vor kurzem erschienen ist. Erinnern wir uns kurz an den Lebowski: Ein von Jeff Bridges im Kultfilm The Big Lebowski verkörperter, im positiven Sinne als Lebenskünstler zu bezeichnender Typ, genannt „The Dude“. Der Dude hängt so rum, gerne im Bademantel und gerne mit einem Glas Alkohol in der Hand. Zu seinen Hobbies zählen Bowling und im Auto durch die Gegend fahren. Früher war der Dude mal Roadie, in der Zeit ist er irgendwie steckengeblieben. Das Motto des Dude lässt sich etwa so zusammenfassen: Das Leben ist kurz und kompliziert und niemand weiß, was man dagegen machen soll. Also mach‘ nichts dagegen. Just take it easy, man. Hör‘ auf, dir so viele Gedanken darüber zu machen.

Im Gegensatz zu Schmerzensmann Lars Eiding ist der Dude cool. Mehr noch: Er ist über-cool. Lebt sein Leben lässig vor sich hin, ohne lang zu überlegen, ob er die Frau jetzt küssen soll. Der Dude ist so gesehen der Anti-Schmerzensmann – und könnte vielen verwirrten männlichen Twentysomethings nützliche Ratschläge an die Hand geben, wie man mit der Komplexität der modernen Gesellschaften umgeht.

Die jungen Männer kultivieren das Warten. Warten darauf, dass die Frau die Initiative ergreift. Warten darauf, dass sie die Rolle wiederfinden, die ihnen abhanden gekommen ist und von der sie gar nicht so genau wissen, wie sie denn auszusehen hat. All diesen jungen Männern sagt der Dude: Es ist okay, wenn man verwirrt ist. Take it easy. Be cool. Cool aber nicht im Sinne von emotionslos, wie es in den 80ern angesagt war. Sondern im Sinne von entspannt. Coolsein ohne Coolness als Attitüde, quasi. Darauf erstmal eine Runde Bright Eyes.

Illustrationen: Alle Anderen ©Prokino; Trailer "Alle Anderen" ©CinemaGuild/YouTube; Dude (cc)weisslerb/YouTube