Gesellschaft

Continental Blues

Artikel veröffentlicht am 18. Dezember 2006
Artikel veröffentlicht am 18. Dezember 2006
Die Franzosen konsumieren pro Jahr 65 Millionen Schachteln Antidepressiva. Die Selbstmordraten im Baltikum sind hoch. Nur die Italiener scheinen sich des Lebens zu freuen.

Hunderteinundzwanzig Millionen. So viele Personen leiden laut den von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) veröffentlichten Studien weltweit an einer Depression. Das ist aber noch nicht alles. Man schätzt, dass diese Krankheit, deren Symptome von einem geringen Selbstwertgefühl über Schuldbewusstsein bis hin zu Schlaflosigkeit und Selbstmord reichen, im Jahr 2020 bei den Ursachen für „Erwerbsunfähigkeit“ bereits an zweiter Stelle stehen wird.

Und wie sieht es in Europa aus? Der Alte Kontinent ist hier leider keine Ausnahme – im Gegenteil: Der Europäischen Kommission zufolge leiden viereinhalb Prozent der Europäer an einer Depression. Jedes Jahr sterben 58 000 Menschen an Selbstmord – 90 Prozent von ihnen litten schon einmal an psychischen Problemen; oft hängen diese mit einer Depression zusammen.

Estland: Hohe Selbstmordrate

Die kleine baltische Republik kann sich eines traurigen Rekords rühmen: 2002 haben 57 von 100 000 Personen Selbstmord begangen. In der EU wird Estland nur noch von Litauen übertroffen (88 von 100 000). „Ich glaube, dass es vor allem mit dem sozialen Hintergrund zu tun hat“, sagt Airi Varnik, Direktor des Estonian-Swedish Mental Health and Suicidology Institute, „aber auch mit dem Klima, der Religion, mit Stress und übermässigem Alkoholkonsum. Ich glaube, dass uns die Selbstmordrate Anlass geben sollte, über den Gesundheitszustand der Nation nachzudenken; es ist jedoch schwierig, in Bezug auf die Depression präzise Einschätzungen abzugeben, denn die Statistiken können von zu vielen Faktoren beeinflusst werden. Vor allem eine Lichttherapie ist als Behandlung vielversprechend. Was den permanenten Gebrauch von Medikamenten betrifft, habe ich aber Zweifel.“

Finnland: Codewort S.A.D.

Vor dem EU-Beitritt der Baltischen Staaten wies Finnland die höchste Selbstmordrate aller EU-Staaten auf. Und die Verbindung mit der Depression scheint unwiderlegbar: laut vielen einheimischen Wissenschaftlern gehen 40 bis 70 Prozent der Selbstmorde auf depressive Symptome zurück. Genauso offensichtlich erscheint die Verbindung zwischen einer Depression und den klimatischen Verhältnissen des Landes: Mit nur sechs Stunden Sonne pro Tag ab dem Monat November heisst der Feind Nr. 1 der Finnen S.A.D.

S.A.D. steht für Seasonal Affective Disorder. Es ist ein spezieller Typ einer Depression, mit dem unser Organismus auf Lichtmangel und winterliche Kälte reagiert. „Ein Prozent der Finnen leidet jeden Winter unter dieser Krankheit“, erläutert Es Aromaa, Psychologin und Projektkoordinatorin der Ostrobothnic Alliance Against Depression. Und sie fügt an: „Das ist nicht alles. Zwischen 10 und 25 Prozent der Bevölkerung leiden unter Begleiterscheinungen, die sich nach dem Auftreten einiger typischer Symptome der SAD einstellen. Die SAD unterscheidet sich von einer Depression nicht nur durch ihre Abhängigkeit von den Jahreszeiten, sondern auch durch die Auswirkungen auf Schlaf und Appetit“.

Frankreich: 65 Millionen Schachteln Antidepressiva pro Jahr

Eine Studie des lokalen Zentrums der Weltgesundheitsorganisation in Lille zeigt, dass in Frankreich – mehr als in jedem anderen europäischen Land –Depression im Zusammenhang mit Angst auftritt. Gemäss den Experten ist eine von drei Personen von psychischen Problemen betroffen, 12 Prozent leiden an einer Depression. Ein anderes alarmierendes Detail ist der enorme Konsum von Antidepressiva.

In Frankreich werden jedes Jahr 65 Millionen Schachteln Antidepressiva konsumiert, was einem Handelsumsatz von ca. 730 Millionen entspricht. Das ist mehr als doppelt so viel als in England, Deutschland oder Italien. Experten zufolge sind die Franzosen auch schneller bereit, sich wegen Problemen oder einer Depression an einen Arzt zu wenden.

Italien: Tendenz sinkend

Auf der italienischen Halbinsel scheinen die Dinge hingegen in eine andere Richtung zu laufen. Das Klima ist günstiger und in Bezug auf die Depression zeigen die Statistiken im Gegensatz zum Rest des Kontinents eine rückläufige Tendenz. Eine Studie, die vom Journal of American Medical Association in Zusammenarbeit mit der WHO und der Universität Harvard in Auftrag gegeben wurde, zeigt, dass in Italien 11 Prozent der Bevölkerung von psychischen Problemen betroffen sind – das sind drei Prozentpunkte unter dem europäischen Mittel von 14 Prozent. Die Sensibilisierung der Öffentlichkeit ist jedoch noch verbesserungsfähig: nur 26 Prozent aller Italiener, die unter einer Depression leiden, wenden sich an einen Spezialisten.